Gesundheit : „Mich nennen sie JP“

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Wie fühlt man sich als Versuchsmodell? Das wollte Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) am gestrigen Tag von den neuen Juniorprofessoren wissen. Geladen waren 40 Pioniere der insgesamt 667 neu berufenen Nachwuchsprofessoren. Professoren? Da fangen die Probleme schon an: „Wie heiße ich eigentlich?“ fragt sich die Erziehungswissenschaftlerin Kerstin Michalik aus Hamburg. Ihr Dekan redete sie in einem Brief als „Verwalterin der Juniorprofessorstelle“ an. „Mich nennen sie JP“, berichtet Gert Wörheide, Geowissenschaftler aus Göttingen. Ein Vertreter vom Bildungsministerium steuert seine Version bei:Rein rechtlich seien die Junioren bisher noch keine Professoren, sondern „Forschungsgruppenleiter“. Die Bundesbesoldungsordnung tituliere sie jedoch als „Professor im Amt des Juniorprofessors“. Er folgert: „In der Kurzform heißen sie also wieder Professor.“ 40 Professoren lachen.

Auch der Umgang mit den neuen Kollegen ist unterschiedlich: Mirjam Goller und Anke Lüdeling sind beide an der gleichen Fakultät der Humboldt-Universität, die eine ist Linguistin, die andere Literaturwissenschaftlerin. Beide fühlen sich gut betreut –aber nicht gleichermaßen anerkannt. Während Lüdeling sehr positive Erfahrungen gemacht hat, weht Mirjam Goller „der Gegenwind ins Gesicht“: Ihre Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich wurde flugs in eine Juniorprofessur umgewandelt –als „Professorin“ anerkannt fühlt sie sich jedoch nicht. Wie bei der Statusfrage herrscht auch Unklarheit bei den Anforderungen. Die Volkswirtin Ingrid Ott von der Lüneburger Universität soll acht Wochenstunden lehren –„aber das ist ein ganz großer Wettbewerbsnachteil gegenüber der Konkurrenz an der Universität, die mehr Zeit zum Forschen hat.“ In Göttingen, so berichtet Geowissenschaftler Wörheide, seien wiederum explizit nur vier Stunden Lehre festgeschrieben. Dabei gibt es gar keine Vorgaben im eigentlichen Sinne:„Wir peilen zwar durchschnittlich vier Stunden Lehre an, aber der Bund macht da keine Vorgaben“, beruhigt Edelgard Bulmahn die Verunsicherten. Es scheint, als wüssten die Hochschulen selber noch nicht genau, wie sie mit ihren Junioren umgehen sollen, die weder Fisch noch Fleisch sind. Es herrscht, wie Kerstin Michalik feststellt, noch „eine sehr große Uninformiertheit“ –bei allen Beteiligten.

Besonders eines schwebt für viele noch völlig im Dunkeln:„Was soll mit diesen ominösen 75 000 Euro passieren?“ Wie die Erziehungswissenschaftlerin Vera Husfeldt von der Berliner Humboldt-Universität fragen sich viele, wozu nun die pauschale „Anschubfinanzierung“, die der Bund für jede Juniorprofessur zur Verfügung stellt, genutzt werden kann und darf. Für Personalkosten? Ausstattung? Muss das Geld sofort ausgegeben werden oder innerhalb der sechsjährigen Dauer der Berufung? Wer verfügt darüber? Am Ende der Diskussion steht fest, jede Universität, ja gar jeder Fachbereich handelt anders. Der eine muss sogar die Druckerpatronen aus diesem Budget bezahlen, der andere bekommt das Geld allein für Forschungsgeräte zur Verfügung gestellt.

Die Vorgaben sind indes schwammig:Die Summe steht für die ganze Zeit der Juniorprofessur zur Verfügung, muss aber in den ersten Monaten bereits für die Erstausstattung eingesetzt werden. Die zeitliche Budgetbefristung stößt bei den jungen Professoren auf Kritik: „Ich brauche doch kontinuierlich Mittel für Ausstattung, Arbeitsmittel und konkrete Projekte“, klagt Thomas Höfer von der Humboldt-Universität. Trotz viel Lob herrscht Unsicherheit, vor allem was die Zukunft angeht. Die Kriterien für die Evaluation nach der „Halbzeit“ stehen noch nicht fest, ebenso wenig, ob man nach Ablauf der sechsjährigen Juniorprofessur bleiben kann oder nicht. Und überhaupt: „Muss ich mich noch habilitieren?“ fragt Claudia Stockinger aus Göttingen. Ihr Professor meint: Ja, aber natürlich! Juliane von Mittelstaedt

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