Gesundheit : Michael Groß im Interview: "Wer nur trainiert, wird bescheuert"

Herr Groß[die wenigsten Studenten schaffen]

Michael Groß gilt als erfolgreichster deutscher Schwimmer aller Zeiten. Bei den Olympischen Spielen 1984 und 1988 gewann er drei Goldmedaillen. Außerdem wurde er zwischen 1982 und 1991 fünfmal Weltmeister und stellte zwölf Weltrekorde auf. Gleichzeitig studierte Groß zwischen 1986 und 1990 an der Universität Frankfurt Germanistik, Politologie und Medienwissenschaft. Danach begann er seine Doktorarbeit zu schreiben, die er 1994 einreichte. Inzwischen ist er 36 Jahre alt und arbeitet als freier Unternehmensberater.

Herr Groß, die wenigsten Studenten schaffen ihr Studium in der Regelstudienzeit. Sie haben nicht nur nach neun Semestern mit "Sehr gut" abgeschlossen, sondern sind zwischendurch auch Olympiasieger geworden. Wie haben Sie das geschafft?

Das ist vor allem eine Frage des Zeitmanagements. Ich hatte meistens eine 60- bis 70-Stundenwoche. Training zusammen mit Studieren ist so, als ob man einen Fulltimejob hat und nebenher noch ein Studium absolviert. Man sucht sich Kurse dann so aus, dass man blockartig studiert und nicht viel Zeit beim Rumhängen an der Uni verliert. Ausserdem muss man zu Hause konsequent weiterstudieren. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, für Leistungssportler gehört das aber ganz besonders dazu. Viel soziales Leben habe ich natürlich nicht genossen.

Franziska van Almsick hat die Schule abgebrochen mit der Begründung, dass sie sich nicht gleichzeitig auf Ausbildung und Sport konzentrieren kann. Wäre das für Sie auch in Frage gekommen?

Dass einer die Schule schmeißt, war bei uns undenkbar. Für mich stand von Anfang an fest, dass ich studieren möchte. Mit dem Schwimmen konnte man damals auch kein Geld verdienen. Das wusste jeder. Meine Nationalmannschaftskollegen haben deshalb alle neben dem Training studiert. Zwei waren sogar in Harvard. Die meisten sind auch im Beruf jetzt sehr erfolgreich. Aus dem damaligen Team sind heute mehrere niedergelassene Ärzte, einer leitet eine große Unternehmensberatung.

Wie sah ein normaler Tagesablauf bei Ihnen aus?

Einen normalen Tagesablauf gab es nie. Ich war von halb sieben morgens bis halb zehn abends auf den Beinen, und innerhalb der Zeit musste dann alles geschafft werden. Vier Stunden gingen für die Schwimmhalle drauf, vier Stunden war ich in der Uni, und in der restlichen Zeit habe ich konzentriert zu Hause gearbeitet.

Haben Sie denn ein bisschen Freizeit nicht vermisst?

Nein. Ich habe natürlich auch genügend Siege gehabt, die mich für den Aufwand entschädigt haben. Aber Spaß mit anderen Kommilitonen oder Engagement in der Uni war nicht drin.

Was waren die größten Schwierigkeiten an der Uni?

Für mich als Geisteswissenschaftler sicherlich das umfangreiche Lesepensum. Da musste ich auch im Trainingslager oder während der Wettkämpfe zum Buch greifen. Eine andere Herausforderung ist das Absolvieren von Pflichtkursen. Die werden nicht nach den Trainingszeiten gelegt. Einen Grundstudiumskurs konnte ich zum Beispiel erst mit zwei Jahren Verspätung belegen, weil der immer abends lief, wenn ich in die Schwimmhalle musste.

Nehmen Professoren bei solchen Problemen Rücksicht auf Olympiasieger?

Ganz im Gegenteil. Bei den Geisteswissenschaftlern in Frankfurt, die ja sehr links-liberal sind, wurde ich eher kritisch beäugt, nach dem Motto: Was macht der denn hier? Da gab es keinen Bonus. Andererseits haben die irgendwann mitbekommen, dass Leistungssportler oft zielstrebiger sind als andere Studenten. Sonst würden sie beim Sport auch nichts auf die Reihe bekommen.

Welchen Tipp haben Sie für Sportler, die sich mit der Koordination von Sport und Uni etwas schwerer tun?

Am wichtigsten ist: Es gibt eine Prioriät, und die ist das Studium. Davon zehrt man das ganze Leben lang. Wenn man ein Leben von achtzig Jahren betrachtet, sind zehn Jahre Sport nur eine Episode. Zur Not muss man halt auf eine Trainingseinheit verzichten. Das habe ich auch gemacht.

Auch in der Olympiavorbereitung?

Für Olympia kann man ruhig mal ein Semester in der Uni schlampen, mehr aber auch nicht. So viel ist die Sache nicht wert. Dazu kommt: Nichts ist öder als nur zu trainieren. Da wird man bescheuert. Außerdem rückt der Unialltag die Dimensionen zwischen der normalen Welt und dem Training zurecht. Wenn man wirkliche Probleme von Kommilitonen mitbekommt, relativiert es sich doch, ob man gerade ein wenig schneller oder langsamer schwimmt.

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