Gesundheit : Michael Theunissen im Gespräch: "Philosophie nutzt, wo sie gefährlich wird"

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Während der Hochrüstung rief er seine Kollegen zum Streik auf und bekam dafür vom Universitätspräsidenten eine Rüge. Er gab Marx-Kurse in überfüllten Hörsälen, las über Kierkegaard und Hölderlin, Hegel und Heidegger. Der Philosoph Michael Theunissen (68) übte auf seine Studenten eine Faszination aus - zu hunderten kamen sie in seine Seminare und Vorlesungen. Am 15. Mai bekommt der gebürtige Berliner Theunissen den Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen verliehen. Mit dem Preis werden hervorragende Leistungen in der Theologie, Geistesgeschichte und Philosophie gewürdigt und Personen ausgezeichnet, die zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern beitragen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Paul Ricoeur, der Dalai Lama und Richard von Weizsäcker.

Sie sind jemand, der die großen Fragen nie gescheut hat, einer, der die Metaphysik noch ernst nimmt. Wie wird man ein Philosoph, Herr Theunissen?

Zu der Philosophie, die ich wichtig finde, kommt man wohl nur durch Negativerfahrungen, durch die Erfahrung des Ausgestoßenseins oder der Abseitigkeit. Ich habe meine Kindheit hier in Berlin verbracht. Meine Familie stand in entschiedener Opposition zum Regime. Wir hatten über lange Zeiten immer wieder Juden versteckt, was sowohl für diese Menschen höchst gefährlich war, als auch für uns. Wir konnten natürlich nicht in den Luftschutzkeller gehen während der Luftangriffe, sondern mussten oben im vierten Stock bleiben. Das hat mich enorm geprägt.

Also das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, nicht dazu zu gehören.

Ja. Nach dem Krieg, als ich fünfzehn war, habe ich mir dann eine Augenverletzung zugezogen. Das hat meinen weiteren Lebensweg sehr stark bestimmt. Ich lag nach mehreren Operationen teilweise sechs oder acht Wochen im Krankenhaus mit verbundenen Augen. Wenn einem so etwas mit Fünfzehn passiert, dann wird man aus seinem alltäglichen Leben sehr stark herausgerissen und stellt sich mehr Fragen an sich selbst. Damit beginnt die Philosophie.

Ist das schon Philosophie, sich selbst Fragen zu stellen?

Nehmen Sie die Kinder. Die stellen ja unheimlich philosophische Fragen. Fragen, die Selbstverständlichkeiten unterlaufen: "Warum ist das und das so und nicht anders?" Von Erwachsenen werden diese Fragen als nutzlos abgewiesen. Sie werden den Kindern ausgetrieben.

Besteht Philosophie also darin, nutzlose Fragen zu stellen?

Kein geringerer als Aristoteles hat mit aller Entschiedenheit gesagt, die Würde der Philosphie ist ihre Nutzlosigkeit. Ihre Fragen und auch ihre Antworten sind nicht verwertbar. Heute bedeutet das, dass so ein Fach in äußerster Bedrängnis ist. Wir haben eine Kulturpolitik, die so etwas eigentlich nicht mehr zulässt. Die Verwertung der Wissenschaften gilt heute als das einzig Sinnvolle.

Wenn Philosophie nicht verwertbar ist, wozu ist sie dann gut?

Philosophie ist nützlich dort, wo sie gefährlich wird. Wo sie Alternativen zum Bestehenden reflektiert, die nicht gefragt sind. Nehmen Sie diesen radikalen Ansatz der neuzeitlichen Philosophie, wie ihn Descartes gemacht hat: Philosophie beginnt mit dem Zweifel. Das heißt, alle Voraussetzungen, die man mit großer Selbstverständlichkeit auch zur Selbsterhaltung macht, in Frage zu stellen. Man kann sie dann wiedergewinnen, aber man muss sie erst in Frage stellen, und das ist gefährlich. Man kann den Boden unter den Füßen verlieren.

Das ist nur gefährlich für den Einzelnen.

Nein, nicht nur. Philosophie ist auch gefährlich für bestehende Gesellschaftsformen. Politik beispielsweise ist weitgehend orientiert an den Mitteln, die eingesetzt werden für Ziele, die selbst diskussionslos hingenommen werden. Das macht Politik heute weithin so langweilig und ist einer der Hauptgründe für das, was man Politikverdrossenheit nennt.

Sie haben einmal davon gesprochen, dass heute viele Bewusstseinsformen ausgetrocknet und verschüttet seien. Woran haben Sie da gedacht?

Ich denke da in erster Linie an das Geschichtliche. Wir tun so, als ob unsere Gegenwart alles sei. Wir haben kaum noch ein Bewusstein für das Geschichtliche, für die tiefen Dimensionen, aus denen Metaphysik und Religion entstehen. Diese Tiefendimensionen können nur um den Preis einer ungeheuren Verarmung abgewürgt werden.

Und Philosophie kann dieses Bewusstsein für die tiefen Dimensionen, für das Geschichtliche wach halten?

Philosophie ist Grundlagenreflexion darüber, wie wir uns zu uns selbst und zur Welt verhalten. Beide Aspekte gehören dazu: selbstbezogene Fragen, wie die Konfrontation mit dem Tod des Einzelnen, aber auch die Frage nach unserem Weltverhältnis, nach unserem Verständnis der je gegenwärtigen, geschichtlich vorgegebenen Zeit.

Sie haben in den letzten Jahren bei den Vorsokratikern, dem Dichter Pindar zum Beispiel, versucht, verschüttete Bewusstseinsformen auszugraben. Aber leben wir heute nicht in einer anderen Zeit? Unser Bewusstsein ist bestimmt durch die gegebene geschichtliche Situation. Wie können wir da noch etwas von den Vorsokratikern lernen?

Ich habe früher den Anteil der geschichtlichen Veränderungen viel stärker hervorgehoben, so sehr, dass mir Begriffe wie die "Natur des Menschen" suspekt waren, weil sie - wie Marx sagt - geschichtliche Kontingenz an den Himmel der ewigen Naturnotwendigkeit projizieren. Aber es gibt Grunderfahrungen des Menschseins, die solchen geschichtlichen Veränderungen nicht zum Opfer fallen. Das habe ich lernen müssen.

Welche Grunderfahrungen des Menschseins meinen Sie?

Endlichkeit, Tod, Krankheit, Scheitern, Verfall. Die Griechen hatten ein stark ausgebildetes Bewusstsein von dieser Schattenseite, von dieser Negativität der Existenz.

Seit vielen Jahren arbeiten Sie als Philosoph auch mit Medizinern zusammen, besonders mit Psychiatern. Sie haben sich zum Beispiel mit der Psychopathologie der Zeit beschäftigt, also mit außergewöhnlichen, klinischen Formen, Zeit wahrzunehmen. Warum interessieren Sie diese Seiten des Menschseins?

Wir können viel über uns lernen aus unserem Versagen und Scheitern. An den Wissenschaften von der kranken Seele, der Psychopathologie, der Psychiatrie, kann man ablesen, wie es um uns bestellt ist. Schizophrene zum Beispiel haben Einsichten, die dem Normalbürger verstellt sind. Sie artikulieren sehr oft ausgezeichnete Zeiterfahrungen. Etwa die Erfahrung eines Zeitstillstandes, in dem dann aber etwas anderes aufleuchtet. Eine erstarrte Ewigkeit gleichsam, hinter der aber eine andere, bessere Ewigkeit steht. So gesehen hat die Welt des Schizophrenen einen hohen Wahrheitswert. Sie ist wie ein Hohlspiegel, in dem wir unsere Existenz sehen müssen.

Sie haben auch Endlichkeit und Tod zu den Grunderfahrungen des Menschseins gezählt.

Das sind für mich wichtige Fragen, zum Beispiel, ob es neben der schlechten Todesverdrängung auch eine gute Todesvergessenheit gibt. Solche existenziellen Grundfragen zeigen, dass Philosophie nicht abgehoben ist vom vorphilosophischen Bewusstsein, sondern Fragen reflektiert, die im menschlichen Leben entstehen.

Haben Sie Antworten auf diese Fragen?

Wir sollten nicht gänzlich am Tod vorbeileben. Von einem gewissen Vorblick auf den Tod her bekommt unser Leben überhaupt erst die nötige Energie. Wenn wir sagen könnten, wir leben ewig, dann würden wir, glaube ich, ziemlich herumhängen.

Wir gewinnen also die Energie, die wir brauchen, um unser Leben in die Hand zu nehmen, Ziele zu haben, es zu gestalten, daraus, dass uns bewusst ist, wir werden eines Tages sterben?

Man darf das natürlich nicht übertreiben, weil es sehr leicht zu einem neurotischen Leistungszwang führt. Wir brauchen auch Momente, in denen wir nicht immer nur daran denken, dass wir sterben und wie wir bis dahin unsere Zukunft gestalten. Ästhetische Erlebnisse zum Beispiel, in einem weiten Sinne, der nicht auf Kunstwerke eingeschränkt ist, sind Erlebnisse, in denen wir uns davon befreien, immer auf den Tod ausgerichtet zu leben. Wenn wir uns in etwas Schönes versenken, dann verweilen wir so dabei, dass wir uns zurückholen aus der Zukunft. Das ist dann eine echte Todesvergessenheit.

Mit dem Leopold-Lucas-Preis werden Persönlichkeiten geehrt, die zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern beigetragen haben. Sie haben auch ein Buch geschrieben, "Der Andere", in dem es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Worauf kommt es an, in der Beziehung von Menschen untereinander?

Ich habe mal eine Doktorandin von mir gefragt: Was ist für Sie der höchste Wert? Nach einigem Zögern sagte sie: "Freundlichkeit". Das ist irgendwie verblüffend, weil man denkt "Na ja, Freundlichkeit, das ist doch fast eine Selbstverständlichkeit". Aber ich finde es unheimlich wichtig, dass Menschen nicht nur im familiären Bereich, sondern auch in der Straßenbahn und auf der Straße freundlich miteinander umgehen. Man lässt den anderen oder die andere als das, was sie sind, gelten.

Auch Sie würden Freundlichkeit als den höchsten Wert bezeichnen?

Ich gestehe, dass ich unsicher bin, ob ich sagen würde, der höchste Wert. Aber die Antwort hat mich sehr nachdenklich gemacht.

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