Migrantenhilfe ZFM : Ausbildung statt Abschiebung

Junge Flüchtlinge haben oftmals einen Schulabschluss und trotzdem keine Zukunftsperspektive. Vivantes und die Migrantenhilfe ZFM geben ihnen eine berufliche Chance als Krankenpfleger.

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"Mein Vater hat gesagt, wir sollen uns in der Schule anstrengen", erzählt Krankenpfleger Mohammed Jouni.
"Mein Vater hat gesagt, wir sollen uns in der Schule anstrengen", erzählt Krankenpfleger Mohammed Jouni.Foto: Mike Wolff

Auf der Station ist es ganz still, bis Mohammed Jouni um die Ecke biegt und die Tür zum Dienstzimmer aufschließt. Der 25-Jährige arbeitet gerne nachts. „Auch wenn ich nie weiß, was als nächstes passiert.“ Damit meint er die Ereignisse auf der gerontopsychiatrischen Station des Vivantes Klinikums Spandau. Seit April ist er dort als Pfleger festangestellt.

Den Satz „Ich weiß nicht, was passiert“ konnte man sehr lange auch auf sein Leben beziehen. Das war nämlich vor allem von einem geprägt: Unsicherheit. Mohammed Jouni kam 1998 mit seiner Familie aus dem Libanon, wie er mit ruhiger Stimme in akzentfreiem Deutsch erzählt. Sein Vater hatte dort als Bauleiter gearbeitetet und gehofft, der Familie in Deutschland eine neue Existenz aufbauen zu können. Stattdessen erwartete Jouni in Berlin ein Leben mit angezogener Handbremse: Die Eltern durften nicht arbeiten, die ganze Familie war nur geduldet und lebte von Verlängerung zu Verlängerung. Und von Transferleistungen. Das war schwer zu ertragen.

„Unser Vater hat uns gesagt, dass wir nicht wissen können, was die Zukunft bringt“, erzählt Jouni. Damit war auch gemeint, dass die Polizei theoretisch jeden Morgen anklopfen und sie zum Flughafen bringen konnte. „Er hat uns immer wieder gebeten, uns in der Schule anzustrengen.“ Jouni hielt sich an den Rat, er war ein guter Schüler. Trotzdem spürte er die Kluft zwischen sich und seinen Klassenkameraden, je näher das Abitur rückte. „Die anderen planten ihre Ausbildung oder ihr Studium“, erinnert er sich. Für ihn selbst, den Geduldeten, war das nicht möglich. Denn wer kein Bleiberecht hat, darf in Deutschland zwar zur Schule gehen, aber keine Ausbildung machen, kein Studium beginnen und keine Arbeit aufnehmen. Dabei haben viele junge Flüchtlinge ihren Realschulabschluss oder sogar Abitur. Aber keine Chance, etwas daraus zu machen.

Mohammed Jouni hatte Glück. Er erfuhr damals von dem neuen Angebot eines kostenlosen sechsmonatigen Pflegebasiskurses, der eine echte Perspektive bot: Die Option, nach dem Kurs bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz bei Vivantes unterstützt zu werden. Organisiert wird der Kurs vom Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste (ZFM) in Moabit, einer Einrichtung, die Migranten und Flüchtlinge berät. Mohammed Jouni machte den sechsmonatigen Kurs, an den sich ein zehnwöchiges Praktikum bei Vivantes anschloss. Danach konnte er sich beim Vivantes-eigenen Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG) um eine Ausbildung zum Krankenpfleger bewerben – und wurde genommen. Das ZFM unterstützt die jungen Interessenten bei dieser Bewerbung und bei der Prüfungs- und Examensvorbereitung. Und auch bei aufenthaltsrechtlichen Problemen. „Die interkulturelle Kompetenz unserer Kursteilnehmer wird auf dem Markt extrem gebraucht“, sagt der Medizinpädagoge Marco Hahn vom ZFM. Mittlerweile haben mehr als 40 Teilnehmer des Pflegebasiskurses eine Ausbildung bei Vivantes begonnen oder bereits abgeschlossen. Das IbBG ist für sein Engagement im Oktober mit dem Integrationspreis des Landesbeirats für Integrations- und Migrationsfragen ausgezeichnet worden.

Mohammed Jouni kam vor Beginn seiner Ausbildung ein Beschluss der Innenministerkonferenz zugute. Wer 2007 seit mindestens acht Jahren in Deutschland lebte, Deutsch sprach und nicht straffällig geworden war, erhielt ein Bleiberecht auf Probe. Die Probezeit hat Jouni längst überstanden. Weil er seinen Lebensunterhalt selbständig bestreitet. „Anderen Flüchtlingen, die nicht das Glück hatten, eine ordentliche Ausbildung zu absolvieren, ist das kaum möglich“, sagt er.

Die Psychiatrie war schon während der Ausbildung seine Lieblingsabteilung. Ihn fasziniert, dass er mit ganz verschiedenen Menschen zusammenkommt und dass es egal ist, ob sie arm oder reich sind, einen Migrationshintergrund haben oder religiös sind. Für Jouni ist die Religion ein Schlüssel, um mit Patienten ins Gespräch zu kommen. Mit Christen betet er manchmal das Vaterunser, mit Moslems spricht er über den Koran. „Der Zufall hat mir sehr geholfen. Andere mussten viel länger als ich darauf warten, diese Ausbildung zu beginnen.“ Zum Beispiel die 26-jährige Marina Radosavljevic: Sie kam als Zweijährige mit ihrer Familie aus Serbien nach Deutschland und lebte ebenfalls von Duldung zu Duldung. Nach der Schule fand sie einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester. Doch die Ausländerbehörde gab ihr keine Arbeitserlaubnis. Marina klagte dagegen, und verlor. Auch gegen die drohende Abschiebung in ein Land, das sie kaum kennt, hat sie sich gewehrt. Über den Pflegebasiskurs des ZFM konnte sie schließlich doch noch eine medizinische Ausbildung machen und arbeitet heute als Krankenschwester im Vivantes Humboldt-Klinikum. „Wer das nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, wie sehr ich dafür kämpfen musste.“ Um in Deutschland ganz normal leben zu dürfen. Mehr Informationen unter www.migrationsdienste.org

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