Gesundheit : Milliarden oder Millionen für die Physik?

Wie der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zu den Forschungsgeräten getroffen hat

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Wenn die Bundesregierung jetzt über neun Großgeräte für die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung entscheidet, hat dieses Votum das Volumen von fast sieben Milliarden Euro. Die Projekte kommen allesamt aus der Physik. Warum ist das so?

Das müssen Sie das Bundesforschungsministerium fragen. Denn das Ministerium hat den Wissenschaftsrat um die Begutachtung gebeten. Aus der Physik hatte sich zu diesem Zeitpunkt eine ganze Reihe von Initiativen gesammelt , zu denen ein unabhängiges Gremium befragt werden sollte, keine Regierungskommission. Außerdem hat die physikalische Grundlagenforschung in Deutschland eine lange, ruhmreiche Tradition, und ihre Geräte sind meist besonders teuer. Alle haben aber auch ein breites Spektrum von Anwendungsmöglichkeiten in der Biologie, der Medizin und der Materialforschung.

Sieben Milliarden Euro sind in der Forschungsförderung eine große Summe. Inwiefern werden von der Festlegungen der Forschungsmittel andere Wissenschaftsbereiche betroffen?

Wenn alle diese Geräte bewilligt würden, hätte das Folgen für das Wissenschaftssystem insgesamt. Aber auch ein Teil der Projekte wäre immer noch teuer genug. Darum haben wir empfohlen, dass sich die Träger, meist Großforschungseinrichtungen, an der Finanzierung beteiligen sollten. Außerdem müsste sich die Bundesregierung als Hauptfinanzier um eine europäische oder internationale Finanzierung für die Vorhaben kümmern, die international genutzt werden.

Ist Schaden für andere Disziplinen absehbar?

Das Wissenschaftssystem in Deutschland darf auf keinen Fall von den Kosten dieser Anschaffungen so belastet werden, dass praktisch nichts übrig bleibt. Das hat der Wissenschaftsrat besonders am Hochschulbauförderungsgesetz festgemacht, also an Investitionen für die Infrastruktur der Hochschulen. Die immer schon unzureichenden Mittel dafür dürfen nicht noch mehr geschmälert werden. Das rührt allerdings nicht an die Grundfrage, ob 100 Millionen für die Physik wichtiger sind als 10 Millionen für die Biologie.

Wer soll denn das entscheiden?

Der Wissenschaftsrat ist mit der Begutachtung der GroßgeräteListe gebeten worden, dafür Kriterien zu entwickeln. Ich weiß allerdings nicht, ob die Wissenschaft eine zufrieden stellende Antwort finden kann. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Community der Physiker allein mit einer solchen Entscheidung überfordert wäre, ob die Neutronenforschung oder die Elementarteilchen-Physik wichtiger ist. Diese Spannung wäre noch stärker, wenn Mediziner und Physiker oder gar Germanisten und Physiker ihre Anträge gegeneinander durchzusetzen hätten.

Ist die Politik damit nicht überfordert, wenn die Wissenschaft es schon nicht kann?

Wann wäre die Politik je überfordert? Aber sie war klug beraten, ein unabhängiges Urteil einzuholen. Das Votum des Wissenschaftsrates ist in der Community sicher mehr akzeptiert als das einer Regierungskommission.

Hat der Wissenschaftsrat die Auseinandersetzung um regionale und Länderinteressen bei den Forschungsgeräten schon geführt?

Letztlich muss jede Standortentscheidung von der Politik getroffen werden. Es ist ja bekannt, dass Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt/Sachsen besonders an der Spallationsquelle interessiert sind. Ich kann gut verstehen, dass sich die neuen Länder strukturell im Nachteil sehen, weil sie keine gewachsene Infrastruktur wie in den alten Ländern haben. So müssen sie immer befürchten, attraktive Projekte nicht zu bekommen – obwohl gute Leute und Ideen da sind. Auf Dauer kann das nicht so bleiben.

Das ist aber gegenläufig zu der aktuellen Tendenz, Cluster zu bilden.

Dafür gibt es viele starke Forschungseinrichtungen und Hochschulen im Osten. Aber was fehlt, sind gewachsene Großforschungseinrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft. Und die meisten der jetzt geplanten Geräte würden an solche Zentren gehen.

Teuerstes Projekt auf der Liste ist mit rund 3,5 Milliarden Euro der Teilchenbeschleuniger Tesla. Die Empfehlung dazu bleibt seltsam unbestimmt. Dennoch landet Tesla nicht wie die Neutronenquelle ESS in der am wenigsten aussichtsreichen Kategorie 3. Woran liegt das?

Die Gutachter waren von der wissenschaftlichen Vision des Tesla-Projekts stärker überzeugt als von ESS. Die Tesla-Wissenschaftler haben sehr gut dargestellt, was sie mit dem neuen Gerät vorhaben. In die Gruppe 3 sind Geräte im Übrigen aus ganz unterschiedlichen Gründen gekommen.

Um die sehr skeptische Einschätzung der Neutronenquelle ESS hat es viel Wirbel gegeben. Der Vorwurf lautete, die Kommission habe Material lückenhaft berücksichtigt. Wurde da tatsächlich etwas übersehen?

Wir haben beurteilt, was uns präsentiert wurde. Fast alle Kommissionsmitglieder hatten dem Bewertungsbericht auf dieser Basis zugestimmt, ein Einziger hatte damals widersprochen. Uns hat über die Maßen überrascht, dass einige der Wissenschaftler, die dem Papier ausdrücklich zugestimmt hatten, sich hinterher davon distanzierten. Das ist uns unerklärlich. Hätten diese Wissenschaftler ihre Ablehnung vorher geäußert, wäre die Unterarbeitsgruppe noch einmal zusammengekommen.

Kann sich der Konflikt noch auflösen?

Der Wissenschaftsrat ist jeder Zeit bereit, einen neuen ESS-Antrag zu prüfen. Das wissen die Wissenschaftler und die interessierten Länder. Ein neues Verfahren müsste aber vom Bund mitgetragen werden.

Wer sucht bei einem solchen Prozessen die Gutachter aus?

Letztlich stellt der jeweilige Vorsitzende der Arbeitsgruppe zusammen mit internen und externen Wissenschaftler n die Kommissionen zusammen. Dabei legen wir großen Wert auf auswärtigen Sachverstand. So kamen von 53 Wissenschaftlern zur Begutachtung der Großgeräte 36 aus dem Ausland. Es waren sogar einige Nobelpreisträger dabei. Wir versuchen immer, einen Mix aus Fachexperten und fachfremden Wissenschaftlern herzustellen, um eine breite Basis zu haben.

Was erwartet der Wissenschaftsrat von der Entscheidung der Bundesregierung über die Forschungsgeräte?

Wir erwarten, dass sich die Bundesregierung auf der Grundlage unserer Empfehlungen entscheidet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie hiervon abweicht und beispielsweise auf einmal ein Gerät der Gruppe 3 finanzieren will. Und ich erwarte, dass sie allen Geräten der Gruppe 2 in irgendeiner Weise eine Perspektive gibt.

Auch dem teuersten?

Die schwierige Finanzsituation kann sich doch wieder ändern. Für die Wissenschaftler ist es enorm wichtig, eine Perspektive zu behalten. Dabei völlig von den Empfehlungen des Wissenschaftsrates abzuweichen, wäre ganz klar ein Affront.

Das Interview führte Bärbel Schubert.

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