Gesundheit : Minister fordern Trendwende in der Ausbildung

Uwe Schlicht

Die Kultusminister und Wirtschaftsminister der Länder wollen eine "Trendwende in der Ausbildungssituation" herbeiführen. Das bewährte duale System mit den beiden Ausbildungsstandorten Betrieb und Schule dürfe dadurch nicht immer weiter ausgehöhlt werden, dass der Staat immer stärker in die Finanzierung der beruflichen Ausbildung eingebunden werde, erklärte Kultusministerin Annette Schavan (CDU) aus Baden-Württemberg gestern vor der Presse. Erstmals haben sich die beiden Konferenzen der Länderminister auf eine gemeinsame Stellungnahme geeinigt und wollen diese in die Beratungen des Bündnisses für Arbeit einbringen. Mindestens einmal jährlich wollen Schul-und Wirtschaftsminister künftig zusammenkommen.

Selbst in dem mit vielen mittelständischen Betrieben starken Baden-Württemberg werden nach Angaben der Schulministerin Schavan inzwischen 39,5 Prozent der auszubildenden Jugendlichen in staatlich finanzierten beruflichen Vollzeitschulen unterrichtet. Dadurch entstehe von Jahr zu Jahr eine Welle von Ausgebildeten, die später nur schwer auf einen Arbeitsplatz zu vermitteln seien.

Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) betonte, dass das duale System in der Krise sei, wenn der Staat 60 Prozent der Ausbildungsplätze fördern müsse, wie das in Sachsen der Fall sei. Die Wirtschaft trage in erster Linie die Verantwortung für die Berufsausbildung. Daher wollen die Länder künftig nur noch dort mit staatlichen Mitteln eine Berufsausbildung fördern, wo es zu Verbundlösungen kommt. Bei Verbundlösungen geht es darum, mehrere hochspezialisierte Betriebe, in denen jeder für sich nicht mehr die nötige Bandbreite für eine Berufsausbildung bieten kann, zusammenzuführen, damit sie im Verbund sehr wohl die Breite für einen Beruf garantieren.

Schommer erteilte auch bisherigen Förderprogrammen von "Kopfprämien" eine Absage. Sachsen zahlt jenen Betrieben, die zusätzliche Ausbildungsplätze anbieten, pro männlichen Jugendlichen 3000 Mark und pro weiblichen Jugendlichen 6000 Mark. Daraus seien Mitnahme-Effekte entstanden, die der eigentlichen Berufsausbildung wenig nutzten. Auch Sachsen will künftig nur noch Verbundlösungen finanzieren.

Außerdem wollen die Schulminister und Wirtschaftsminister die ständigen Klagen über die mangelnde Qualität der Schulabgänger aufgreifen und sich mit der Wirtschaft auf geeignete Qualitätskriterien für den Einstieg in die Berufsausbildung einigen. Von den Betrieben angewandte Eignungstests seien, so die niedersächsische Schulministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD), wissenschaftlich nicht abgesichert und kaum geeignet, Qualitätsprognosen zu geben. Jürgens-Pieper berief sich dabei auf einschlägige Untersuchungen des Bundesinstituts für berufliche Bildung. Ziel der Schul- und Wirtschaftsminister ist es, eine Objektivierung der Ausbildungsreife zu erreichen.

Wenn auch das gemeinsame Positionspapier der Kultusminister und Wirtschaftsminister keine Zahlen über die jährlich mit Ausbildungsplätzen zu versorgenden Jugendlichen enthält, ließ Annette Schavan keinen Zweifel daran, dass angesichts der Jahrgangsstärken von 900 000 Jugendlichen in Deutschland jährlich 600 000 neue Ausbildungsverträge zu wenig seien.

Um die Berufsausbildung flexibler zu machen, möchten die Schul- und Wirtschaftsminister von zu speziellen Ausbildungsordnungen abkommen und eine Konzentration auf wesentliche Berufe erreichen. Auf der anderen Seite sollen die Ausbildungsordnungen so gefasst werden, dass in den einzelnen Gebieten Abweichungen möglich sind, um dem Profil einer Wirtschaftsregion besser entsprechen zu können. Es ist Ziel der Minister, mit den Tarifpartnern die Ausbildungsordnungen so zu modernisieren, dass sie den Anforderungen der Wissensgesellschaft der Zukunft entsprechen und nicht auf der alten Industriegesellschaft aufbauen. Für Abiturienten sollen künftig anspruchsvolle Zusatzqualifikationen angeboten werden. Auf der anderen Seite müssten gerade für den Nachwuchsbedarf des Handwerks auch Hauptschüler als Lehrlinge akzeptabel bleiben.

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