Gesundheit : Misshandlung im Mutterleib

Unterschätzt: Fetale Alkoholschäden zählen zu den häufigsten Behinderungen bei Neugeborenen

Henning Mielke

Björn (Name geändert) ist zehn, wirkt aber wie ein Sechsjähriger. Gemeinsam mit den anderen Kindern seiner Wohngruppe sitzt er am großen Esstisch im Spandauer Kinderheim Sonnenhof und lässt sich das Hühnchen schmecken. Björns Gesicht ist auffällig: schmale Lippen, hängende Augenlider, eine kurze Nase und tiefsitzende Ohren. Es sind die typischen Merkmale einer der häufigsten angeborenen Behinderungen, dem fetalen Alkoholsyndrom. Gravierender aber als diese äußerlichen Fehlbildungen sind die Schäden, die Björns Gehirn und sein Nervensystem genommen haben, weil seine Mutter während der Schwangerschaft exzessiv Alkohol trank.

Während die anderen Kinder am Tisch lebhaft miteinander schwatzen, ist Björn eher still. Erzieherin Elke Peters versucht, ihn sachte zum Reden zu ermutigen. Doch Björns Sprache ist schwer zu verstehen. Er verschluckt Silben und benutzt unverständliche Phantasieworte.

Björn wird nach Kräften gefördert. Denn alkoholgeschädigte Kinder stellen irgendwann ihre Entwicklung ein. Daher gilt: Je mehr die Kinder vor dem Entwicklungsstopp an Fertigkeiten erworben haben, desto besser. Auch das soziale Lernen ist für Kinder wie Björn schwer. Durch ihre Hyperaktivität und überschießende Impulsivität geraten sie oft in Schwierigkeiten. Lange hatte Björn heftige Wutausbrüche. Elke Peters und die anderen Erzieher halfen ihm, seine Aggressionen unter Kontrolle zu kriegen.

Genaue Zahlen zur Häufigkeit alkoholbedingter Schäden bei Kindern gibt es nicht. Schätzungen schwanken zwischen 1000 und 10 000 Fällen pro Jahr in Deutschland. Die meisten Frauen trinken in der Schwangerschaft Alkohol. 8,4 Prozent haben einen starken bis riskanten Alkoholkonsum. Alkohol in der Schwangerschaft kann als die früheste Form von Kindesmisshandlung betrachtet werden. Denn Kinder „trinken“ mit. Sie können sich gegen den Alkohol im Mutterleib nicht wehren, weil ihr Körper noch nicht in der Lage ist, eigenständig zu entgiften. Alkohol kann daher länger auf das Kind einwirken. Der Embryo ist noch schwer alkoholisiert, während die Mutter längst wieder nüchtern ist.

Die häufigste Form von Alkoholschädigungen sind die fetalen Alkoholeffekte, bei denen die Folgen des mütterlichen Alkoholkonsums äußerlich nicht sichtbar sind. Die Kinder leiden jedoch unter Intelligenzmängeln, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten und sind oft hyperaktiv.

Ein eigenständiges Leben als Erwachsene ist für die meisten von ihnen nicht möglich. Hier kommen– wie im Fall von Björn – zur geistigen Behinderung noch äußerlich sichtbare Gesichtsstigmata und die Mikrozephalie, ein deutlich zu kleiner Schädel des Kindes, hinzu. Neben den beiden Hauptformen unterscheiden die Experten noch zahlreiche Unterformen und sprechen deshalb allgemein von fetalen Alkoholspektrum-Störungen.

Der Sonnenhof ist eines von zwei Kinderheimen in ganz Deutschland, die auf solche Kinder spezialisiert sind. Björns Versorgung dort ist optimal. Doch wenn Gela Becker-Klinger, Psychologin und fachliche Leiterin des Evangelischen Kinderheims Sonnenhof, auf die Versorgungssituation von Kindern mit alkoholbedingten Behinderungen zu sprechen kommt, wird sie wütend: „Diese Kinder werden im Mutterleib mit Alkohol begossen und kommen behindert auf die Welt. Dann erkennt man das nicht, behandelt sie falsch, und nachher fallen sie auch noch aus allen Hilfesystemen raus.“ Eine diskriminierende Behinderung sei dies in Deutschland, sagt sie.

Weder Medizin noch Gesundheitspolitik oder Krankenkassen scheren sich um diese Kinder, lautet ihr Vorwurf. Die meisten bleiben nach der Geburt unerkannt und unbehandelt, weil Geburtsmediziner und Kinderärzte zu wenig über diese Behinderung wissen, sagt Hans Ludwig Spohr, langjähriger Chefarzt der Kinderklinik an den DRK-Kliniken Berlin-Westend.

Ein Schritt, um die Versorgung alkoholgeschädigter Kinder zu verbessern, ist die Beratungsstelle, die am morgigen Freitag im Kinderheim Sonnenhof ihre Arbeit aufnimmt. Sie ist die erste auf fetale Alkoholschädigungen spezialisierte Einrichtung hierzulande. Für den Kinderarzt Spohr ist klar, dass die Beratungsstelle nur ein Anfang sein kann. Nötig seien Diagnosezentren, Forschungsprojekte, bundesweite Präventionskampagnen und Fortbildungen von Medizinern.

Beratungsstelle für Menschen mit fetaler Alkoholschädigung. Evangelisches Kinderheim Sonnenhof, Neuendorfer Str. 60, 13585 Berlin, Telefon 030/33 50 52 73

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