Gesundheit : Mit 17 Jahren in der Antarktis forschen

Juliane von Mittelstaedr

Wer wünscht sich nicht in die Ferne, wenn er nach draussen sieht? Egal wohin, bloß warm sollte es sein. Vier Schüler des Auricher Gymnasiums wollen genau das Gegenteil: Sie fahren dorthin, wo es besonders kalt ist - in die Antarktis. Der Direktor des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI), Jörn Thiede, hat die Schüler eingeladen, einen Monat auf dem Forschungsschiff "Polarstern" zu verbringen. Es ist das erste Mal, dass Schüler an einer solchen Expedition des AWI teilnehmen. Eine Kreuzfahrt erwartet die Schüler der 12. Klasse freilich nicht, das Leben auf dem Eisbrecher ist knochenhart. Sie werden gemeinsam mit den Meeresbiologen arbeiten und forschen, vier Wochen nicht Schüler, sondern Wissenschaftler sein.

Alle Vorbereitungen sind getroffen und die "Polarstern" nimmt bereits Kurs auf Punta Arenas in Südchile, wo die Schüler am 23. Januar an Bord gehen werden. Doch davor stand noch ein anderer Termin: Einladung bei Bildungsministerin Bulmahn zur Projektvorstellung. Souverän und ernsthaft berichten die vier Schüler, was sie auf der "Polarstern" vorhaben. Doch man merkt: Ein bisschen unheimlich ist es ihnen vor solchem Publikum schon.

Um Elephant-Island

Fadi Ramadan will sich den wissenschaftlichen Methoden der Forscher widmen, Markus Seemann den Mageninhalt von Kalmaren untersucht, um mehr über ihr Verhalten zu erfahren. Die erst siebzehnjährige Katharina Voigt hat ein Projekt gewählt, das die Fischbestände um Elephant Island und die südlichen Shetland-Inseln prüft, während sich Mareike Aden für den Stellenwert der Tiefseeforschung in der öffentliche Wahrnehmung interessiert. Ungewöhnliche Themen für Jugendliche. Die vier grinsen: "Wir finden das echt spannend." Alle vier Schüler beteiligen sich nicht nur an den wissenschaftlichen Projekten, sie schreiben darüber auch eine Facharbeit, Teil ihrer Leistungskurse.

Ministerin Edelgard Bulmahn bekennt freimütig, sie sei schon "etwas neidisch". "Einfach mal ein paar Wochen mitfahren...", der Satz hängt in der Luft. Manchmal sei es zwar feucht und nass, ansonsten aber "toll". Die Ministerin muss es wissen - ihr Vater war immerhin Binnenschiffer. Dass die Reise für sie eine einzigartige Gelegenheit ist, die Antarktis kennenzulernen, ist den Schülern bewusst. Wer kann schon mit achtzehn sagen, er habe die antarktischen Cephalopoden untersucht?

Schule mit Sinn für Forschung

Aus vielen Bewerbern haben die sie begleitenden Lehrer Regina Scherf und Alexander Stracke sowie einer der Initiatoren der "Auricher Wissenschaftstage", Josef Antony, die vier Gymnasiasten ausgewählt. Teamfähig sollten sie sein, belastbar, mit biologischem Interesse und der entsprechenden Motivation. Die Lehrer haben sich für Fadi, Mareike, Markus und Katharina entschieden. Die vier haben jetzt die Chance, so Mareike, "praktisch zu erleben, was uns sonst nur trocken eingebläut wird." Alle wollen sie nach dem Abitur im nächsten Jahr Biologie studieren, sich dann vielleicht auf Meeresbiologie spezialisieren. Nur Markus will sich noch nicht festlegen. "Mal sehen", meint er, "was nach der Expedition ist." Sie alle interessiert auf jeden Fall die "extreme Landschaft" am entgegengesetzten Ende der Welt. So weit weg von zuhause waren sie noch nie.

Die Kosten an Bord übernimmt das AWI, die Anreise nach Chile wird aus Spenden der örtlichen Sparkasse und von Bürgern im Rahmen der "Auricher Wissenschaftstage" bezahlt. Bei diesem bisher einzigartigen Schulprojekt erleben siebzig Schüler der gymnasialen Oberstufe und der Berufbildenden Schule Technik und Forschung hautnah. Jeweils in den Oster- und Herbstferien streifen sie einen weißen Kittel über und tauschen Schulalltag gegen Labor. Experimentieren mit Wissenschaftlern und nicht nur zusehen - die Auricher haben ein bemerkenswertes Modell entwickelt, um Interesse an Forschung und Technik zu wecken. Auch Ministerin Bulmahn freut sich über den Erfolg des Projektes und hofft auf mehr derart engagierte Lehrer und Schüler. Den vier Schülern aus Aurich wünscht sie Erfolg - und dass sie nicht frieren.

Wie kalt es im Moment ist? "Nicht so kalt, ist ja Sommer", meint Katharina. "Um die Minus zwanzig Grad" schätzt Mareike, "aber die vom AWI geliehen Polarkleidung ist ja an Bord". Und wenn es zwischen den Eisbergen trotzdem zu kalt wird, dann gehen sie eben in die bootseigene Sauna.

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