Gesundheit : Mit allen Mitteln gegen das Vergessen

Die Alzheimer-Demenz wurde 1906 entdeckt. Wie sieht es mit der Behandlung aus, 100 Jahre später?

Michael Simm

Alois Alzheimer wäre überrascht. Dass die Krankheit, die heute seinen Namen trägt, binnen 100 Jahren in aller Munde sein würde, konnte der Mann nicht voraussehen. Als der Nervenarzt am 3. November 1906 auf der „37. Tagung Südwestdeutscher Irrenärzte“ in Tübingen erstmals „einen eigenartigen schweren Krankheitsprozess der Hirnrinde“ beschrieb, sollen die Kollegen dies mit freundlichem Desinteresse zur Kenntnis genommen haben. Alzheimers vorbildliche Fallstudie wurde archiviert. Und ward fast 75 Jahre lang vergessen.

100 Jahre nach der erstmaligen Beschreibung ist die Alzheimer-Krankheit auf dem besten Weg, als Volksleiden anerkannt zu werden. Die Investitionen in die Forschung sind gewaltig. Allein die nationalen Gesundheitsinstitute der USA verteilten im Vorjahr 656 Millionen Dollar, mehr als eine halbe Milliarde Euro. Zudem arbeiten über 100 Firmen an beinahe 200 Substanzen gegen Alzheimer, mehr als für die meisten anderen Krankheiten.

Das Geld ist gut angelegt. Neben dem unwägbaren Leid für Patienten und Angehörige belaufen sich die wirtschaftlichen Schäden durch die Krankheit auf weltweit jährlich 193 Milliarden Euro, so das Ergebnis einer Schätzung durch Anders Wilmo vom Karolinska-Institut in Stockholm. Wilmot präsentierte seine Zahlen im Juli auf der Internationalen Alzheimer-Konferenz ICAD in Madrid, wo sich mehr als 5000 Forscher versammelt hatten. Dabei ging Wilmo von 28 Millionen Alzheimer-Patienten weltweit aus. Eine Zahl, die mit der erwarteten Zunahme an älteren Menschen rapide wachsen wird. Wenn es nicht gelingt, den Ausbruch zu verzögern oder gar zu verhindern.

Die verfügbaren, von den meisten Fachgesellschaften empfohlenen Arzneimittel (Donepezil, Memantine, Rivastigmin und Galantamin) können dies jedoch nicht leisten. Sie dürfen erst nach der Feststellung des Hirnleidens durch einen Arzt verschrieben werden. Danach können sie den Fortschritt der Krankheit im Idealfall um zwei Jahre verzögern, indem sie die Signalleitung im angeschlagenen Denkorgan erleichtern. Allerdings wirken diese Pillen längst nicht bei allen Patienten. Nicht wenige Experten bezweifeln, dass der Nutzen den Preis der Präparate rechtfertigt.

Wohl auch wegen dieser unbefriedigenden Lage waren Vorträge über Arzneimittelkandidaten und Verabreichungsformen in Madrid überaus gut besucht. Zu den beachteten Neuheiten zählten ein Pflaster und ein Implantat, die ihre Wirkstoffe über längere Zeit abgeben. Damit ließen sich nicht nur Probleme mit dem Schlucken umgehen, die bei vielen Patienten die Einnahme erschweren. Auch Übelkeit und Erbrechen könnten verringert werden, die mit den zugelassenen Arzneien verhältnismäßig häufig auftreten. Diese Hoffnung erfüllte sich jedenfalls in der Vergleichsstudie „Ideal“ mit 1195 Teilnehmern, die Bengt Winblad vom Karolinska-Institut im schwedischen Huddinge vorstellte.

Ein täglich erneuertes, zehn Quadratzentimeter großes Pflaster mit Rivastigmin war dabei ebenso wirksam wie zweimal täglich verabreichte Pillen mit dem gleichen Wirkstoff. Doch war das Pflaster deutlich weniger belastend. Nur sechs Prozent der Patienten mussten sich damit erbrechen, gegenüber 17 Prozent mit den Pillen. Übelkeit vermeldeten sieben Prozent der Patienten mit dem Pflaster; mit Pillen waren es dagegen 23 Prozent. Das Pflaster könne, „eine Option für Patienten und deren Familien“ werden, folgerte Winblad. Die Zulassung soll gegen Ende 2006 beantragt werden, teilte der Hersteller Novartis mit.

Unterdessen erprobt die US-Firma Voyager Pharmaceutical ein Implantat, welches das Hormon Leuprolid über acht Wochen freisetzen soll. Leuprolid ist zugelassen zur Behandlung von Wucherungen der Gebärmutterschleimhaut (Endometriose) und des fortgeschrittenen Prostatakrebses. Auf die Idee, die Substanz auch gegen Alzheimer zu testen, kam man, als die Frau eines Krebspatienten dessen Ärzten erzählte, dass die Gedächtnisprobleme ihres Mannes im Laufe der Behandlung verschwunden wären.

Leuprolid kann womöglich einen Überschuss an luteinisierendem Hormon (LH) im Gehirn verringern. LH wiederum treibt nach Ansicht einiger Forscher den Krankheitsprozess voran. Dass Leuprolid die geistige Leistung von Alzheimer-Patienten verbessern kann, wenn es zusammen mit Donepezil, Rivastigmin oder Galantamin gegeben wird, glaubt der Voyager-Forscher Christopher Gregory. Er berichtete in Madrid von zwei bislang unveröffentlichten Studien mit zusammen 227 Patienten. Nach den für solche Studien geltenden Regeln wurde indes nur einer der beiden vorgegebenen Zielpunkte knapp erreicht.

Wie zum Trotz hat die Firma zwei weitere, größere Studien mit einjähriger Laufzeit begonnen, in denen ein Leuprolid-Implantat den Wirkungsnachweis liefern soll, der für einen Zulassungsantrag Voraussetzung ist. Jeweils 555 Patienten sollen in Amerika und Europa daran teilnehmen und nach dem Zufallsprinzip für jeweils acht Wochen ein Implantat mit Memryte oder mit einem Scheinmedikament (Placebo) bekommen.

Fast tot gesagt feiert eine Impfung gegen die Alzheimer-Krankheit Wiederauferstehung. Zwar wurde eine vor fünf Jahren erfolgte Studie der Firma Elan mit 372 Freiwilligen abgebrochen, weil sechs Prozent der Geimpften Zeichen einer Hirnhautentzündung hatten. In der Nachbeobachtung stellte man jedoch fest, dass die Impfstoffempfänger heute noch ein geringfügig, allerdings eindeutig besseres Gedächtnis haben als diejenigen, die nur eine Scheininjektion erhalten hatten.

Laut Studienleiter Leon Thal von der Universität von Kalifornien in San Diego lag der Ausgangswert im Gedächtnistest MMSE bei 20 Punkten. Für die Impfstoffempfänger liegt er nun bei 13, für die Kontrollgruppe bei 10. Unter den erfolgreich Geimpften müssten heute zwei Drittel (65 Prozent) rund um die Uhr gepflegt werden, in der Gruppe ohne den Impfstoff aber 95 Prozent. Die Daten seien noch unvollständig und man dürfe daraus keine voreiligen Schlüsse ziehen, mahnte Thal.

Inzwischen prüft nicht nur die Firma Elan einen „entschärften“ Impfstoff an Freiwilligen, sondern auch das Schweizer Unternehmen Novartis mit seinem Zürcher Partner Cytos Biotechnology sowie der US-Pharmakonzern Eli Lilly.

Cytos erwartet erste Ergebnisse im kommenden Jahr. Dem Vortrag des Lilly-Vertreters Eric Siemers war zu entnehmen, dass es unter den bislang 16 Empfängern des Impfstoffes keine Sicherheitsprobleme gegeben hat. Überdies schnellten die Mengen des Eiweißbruchstücks A beta im Blut um das 150- bis 600-fache in die Höhe. Dies wird als gutes Zeichen gedeutet, da schwer lösliche Klümpchen aus A beta im Gehirn von den meisten Experten als Hauptursache der Alzheimer-Demenz angesehen werden.

Womöglich wirkt die Impfung also wie ein Staubsauger, der A beta aus dem Gehirn ins Blut holt, wo es vom Körper beseitigt werden kann. Der „Frühjahrsputz“ für das Gehirn müsste aber für die meisten Alzheimer-Impfstoffe häufig wiederholt werden, denn ihre Bestandteile zerfallen binnen weniger Wochen. Abgesehen davon, dass der Nutzen der neuen Impfstoff-Kandidaten sich erst in den kommenden Jahren zeigen wird, ist noch völlig unklar, ob und wie solch eine Strategie finanziert werden könnte.

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