Gesundheit : Mit dem Luftschiff auf Insektenjagd im Steigerwald

Mathias Orgeldinger

Kinder können noch unbeschwert mit dem Kescher losziehen, um Beute zu machen. Erwachsene dagegen müssen sich rechtfertigen, wenn ihre Sammelleidenschaft skurrile Blüten treibt: Schmetterlingsjäger etwa sind beliebte Vorlagen für Karikaturisten.

Andreas Floren bleibt davon unberührt. Ihn schützt der Mantel der Wissenschaft. Frühmorgens um halb sechs schwebt er in einem Luftschiff über den Wipfeln des fränkischen Steigerwaldes und jagt mit seinem Kescher nach Spinnen und Insekten. Der Forscher vom Institut für Tierökologie und Tropenbiologie der Universität Würzburg studiert die Tiergemeinschaft der Baumkronen. Ein Lebensraum in luftiger Höhe, der genauso unerforscht ist wie die Tiefsee.

Denn die Wissenschaftler können ihren Arbeitsplatz nur mit großem Aufwand erreichen. Besonders in den Tropen, wo die Urwaldriesen 50 bis 80 Meter hoch werden. Wer in der Baumkronenregion sammeln möchte, muss ausgezeichnet klettern können, Plattformen errichten oder einen Baukran aufstellen. Ansonsten bleibt nur der Griff zur chemischen Keule.

So kam Andreas Floren auf die Idee mit dem Luftschiff. Kein gewöhnliches freilich, sondern eine eigenwillige Konstruktion der Gefa-Flug GmbH aus Aachen. Das Luftschiff AS 105 GD vereinigt die Visionen der Gebrüder Montgolfier und des Grafen Zeppelin. "Damit er besser zu steuern ist, haben wir einen Heißluftballon in die Länge gezogen und mit einem Propellermotor versehen", erklärt der Pilot Rainer Hasenclever. Hülle und Gondel passen in einen kleinen Anhänger; die vierköpfige Bodenmannschaft kann das Luftschiff vor Ort in einer halben Stunde startklar machen.

Schnell sind diese 40-Meter-Zigarren alerdings nicht. "Wenn ich 15 Minuten mit der Höchstgeschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde fliege, bin ich fix und fertig", gesteht Hasenclever, der sein Vehikel liebevoll als "aerodynamischen Scherzkeks" bezeichnet. Doch die Entdeckung der Langsamkeit macht das Heißluft-Luftschiff für wissenschaftliche Einsätze interessant. Denn das Fluggerät kann in der Luft stehen bleiben, ohne Abwind und Lärm: Ideale Voraussetzungen für Naturforscher.

Während sich die Morgennebel über der Wiese in Fabrik-Schleichach, einem verschlafenen Ort an der Steigerwald-Höhenstraße, langsam lichten, gibt Hasenclever das Signal zum Starten. Vier Seile verlassen die Hände der Bodenmannschaft. Der 52-PS-Rotaxmotor heult auf. Schnell gewinnt das Luftschiff an Höhe und gleitet sanft über den Eichen- und Buchenwald. Einfach zu fliegen ist das Gerät nicht: Die beiden Propangasbrenner werden mit dem Fuß bedient, das Seitenruder folgt einem Seilzug und der Motor reagiert auf einen Joystick.

"In den Baumkronen explodiert das Leben", schwärmt Floren. Um die Tiergemeinschaften besser verstehen zu können, vergleicht der Forscher seit Jahren Ur- und Nutzwälder in den Tropen und in Mitteleuropa. Wie bei den Wipfelforschern üblich, verwendete er bisher die Methode der Benebelung, was ihm an der Uni den Spitznamen "The fogger" eintrug. Dabei werden einzelne Baumkronen mit Pyrethrum besprüht, einem für Wirbeltiere ungiftigen Insektizid. Anschließend sammelt der Wissenschaftler die toten Krabbeltiere ein und konserviert sie in 80-prozentigem Alkohol.

Das hat auf den ersten Blick wenig mit Naturschutz zu tun, ist aber unumgänglich: Nur tote Insekten lassen sich exakt bestimmen. Und ohne Artenkenntnis gibt es keine roten Listen und damit auch keine Argumente für den Schutz des betreffenden Waldes. Außerdem fallen die Benebelungsaktionen kaum ins Gewicht angesichts der unzähligen Insekten, die täglich von Millionen Autos "aufgesammelt" werden.

Bisher hat Floren im Steigerwald 213 Käferarten gezählt, davon 21, die auf der roten Liste der bedrohten Tierarten stehen. Zum Vergleich: In einem unberührten Regenwald im Norden Borneos fand der Forscher auf 19 Bäumen 2168 Käferarten, darunter einige neue Spezies. Ein ungeheures Gewusel - und ein problematisches dazu. Denn nach dem Konzept der ökologischen Nische kann eine Tierart nur überleben, wenn sich ihre Ansprüche an die Umwelt und ihre Lebensweise von denen der Nachbarn unterscheiden. Jedes Tier im Ökosystem sollte nach der Lehrmeinung einen speziellen "Beruf" ausüben. Andreas Floren vermutet dagegen, dass die Baumkronengemeinschaften der Urwälder nach dem Zufallsprinzip strukturiert sind.

Um die Hypothese zu beweisen, muss der Forscher zunächst sicherstellen, dass seine Beute auch tatsächlich aus der Wipfelregion stammt. Beim Versprühen von Insektengift ist dies jedoch nicht zweifelsfrei gewährleistet. Florens Hoffnungen ruhen daher auf dem Einsatz des Luftschiffes. Die Jagd mit dem Kescher steht dabei nicht im Vordergrund, denn selbst ein erfahrener Pilot wie Hasenclever kann sein Luftschiff nicht unbegrenzt lange in Reichweite der Baumwipfel schweben lassen. Viel ergiebiger war bei den Testflügen eine Alkohol-Falle, die Floren in der Baumkrone abgesetzt und nach zwei Tagen wieder abgeholt hat. "Die Ausbeute lag bei einigen hundert Individuen", verkündet der Ökologe begeistert.

Da es in Deutschland längst keine Urwälder mehr gibt, plant Floren im nächsten Jahr einen dreiwöchigen Luftschiffeinsatz in Polen. In Rumänien und Slowenien hat er bereits erstaunliche Unterschiede zum heimatlichen Wirtschaftswald festgestellt: In den Baumkronen der Urwälder leben viele Arten nebeneinander, ohne dass eine einzige Spezies zahlenmäßig dominant würde. Damit sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Schädlinge unkontrolliert vermehren können.

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