Gesundheit : Mit dem Wetter rechnen

Klimaforscher: An der Ostsee wird es in Zukunft wärmer – und trockener

Roland Knauer

Donnern die Tornados der Luftwaffe wieder einmal über die Mark Brandenburg, nehmen die Piloten vielleicht weniger ein Übungsziel ins Visier, sie wollen vielmehr den Wetterbericht verbessern. Mit einem Infrarotsensor an Bord messen die Offiziere nicht nur die Wärme eines Panzermotors noch einige Zeit, nachdem der Stahlkoloss längst davongerasselt ist. Sie können auch Temperaturunterschiede zwischen einem Weizen- und Maisfeld oder zwischen einem See und einem Kiefernwald feststellen.

Mit den Daten verbessern Heinz-Theo Mengelkamp vom GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht und seine Kollegen von diversen deutschen Forschungsinstituten den Wetterbericht und Klimaprognosen. Für ihre Vorhersage der Hagelschauer, Hitzeperioden und Kaltlufteinbrüche werfen die Wetterfrösche im Rechner ein grobes Netz über die Karte Mitteleuropas, dessen Maschen in der Realität der Mark Brandenburg sieben Kilometer weit sind. An jedem Knotenpunkt wird je ein Wert für die Temperatur, Windrichtung und -geschwindigkeit sowie für andere Daten eingesetzt, mit dem der Computer dann rechnet.

Dieser eine Wert soll die gesamte sieben mal sieben Kilometer große Fläche repräsentieren. Das stimmt in der Realität natürlich nur selten, befinden sich auf diesen 4900 Hektar doch normalerweise völlig unterschiedliche Landschaftstypen – vom Getreidefeld über Wiesen und Wälder bis zu Seen oder Straßenschluchten. An einem sonnigen Sommertag ist es über dem abgeernteten Feld deutlich wärmer als im dunklen Wald, über den Straßenschluchten der Stadt verdunstet dann erheblich weniger Wasser als aus dem nahe gelegenen See.

Mit Hilfe von dreizehn Mess-Stationen, Hubschraubern, den Aufklärungstornados des Luftwaffengeschwaders Immelmann sowie Satellitenbildern wollten es die Forscher daher genauer wissen. Auf einer Fläche von 400 Quadratkilometern rund um das Meteorologische Observatorium Lindenberg im Südosten von Berlin wurden über Feldern und Wäldern, Dörfern und Weiden so ungefähr alle Daten gemessen, auf die ein Meteorologe Wert legt.

Heinz-Theo Mengelkamp hat die Daten unter anderem in ein Computer-Klimamodell für den Ostseeraum integriert. Das Modell ist von Daniela Jacob vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Da der Ostseeraum nicht nur aus Getreidefeldern und Waldflächen besteht, sondern auch jede Menge Wasser enthält, hat Andreas Lehmann vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel beobachtet, welche Strömungen in der Ostsee herrschen und welche Gebiete dieses Binnenmeeres unter welchen Bedingungen zufrieren. Auch seine Daten und die Ergebnisse einiger weiterer Forschergruppen flossen in das Ostsee-Computermodell ein.

Ergebnis: 2050 sollten sich die Anrainer des Binnenmeeres auf durchschnittlich ein Grad Celsius mehr einstellen, 2100 wird es dann wohl zwei bis zweieinhalb Grad wärmer sein. Außerdem scheint die deutsche Ostseeküste zur ernsten Konkurrenz für die Mittelmeerstrände zu werden: In den Sommermonaten soll es 15 bis 20 Prozent weniger als bisher regnen.

Recht einfach könnte man das Ostseemodell auch für andere Regionen von Mitteldeutschland bis zum La-Plata-Becken in Argentinien fit machen. Doch das Projekt ist mittlerweile beendet, ein anderer Geldgeber nicht in Sicht. Diesen Geldmangel werden auch die Hoteliers an der Ostsee bedauern.

Denn mit dem Programm von Daniela Jacob und ihren Kollegen ließen sich im Prinzip auch Saisonwetterberichte machen – mit einigen Vorzügen: Wenn der Strandbesitzer sich bereits im Frühling auf einen Supersommer einstellen kann, ordert er entsprechend größere Speiseeis-Mengen. Droht dagegen meist Schmuddelwetter, könnte er seine Liegestühle in andere Regionen mit mehr Sonnenschein verleihen und so noch einen Teil des Verdienstausfalles auffangen.

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