Gesundheit : Mit den Fingern hören

Das Gehirn von Musikern ist ganz aufs Spielen eingestellt – aber nicht immer können die Muskeln folgen

Adelheid Müller-Lissner

Der junge Robert Schumann war ein begabter Pianist. Vor allem wenn er frei fantasierte, lief er zu großer Form auf. Was ihm jedoch zunehmend Schwierigkeiten machte, nachdem er sein Jura-Studium zugunsten der Musik an den Nagel gehängt hatte, war nach seinen Worten die „ruhige, kalte, besonnene Besiegung der Mechanik“.

Bald machten sich Probleme mit einzelnen Fingern bemerkbar. Der verzweifelte Musikstudent versuchte sie mit Bädern in tierischem Blut, mit Magnetismus und eigenwillig konstruierten Apparaten zu kurieren. Was er für eine mechanische Fehlfunktion der Finger hielt, hatte wohl ganz andere Ursachen. Es könnte sich um eine bei Musikern häufige „fokale Dystonie“ gehandelt haben.

„Diese Störung hat mit der Ansteuerung der Finger und nicht mit den Sehnen zu tun", sagt der Neurologe Eckart Altenmüller. Der Arzt, der auch das Fach Querflöte studiert hat, leitet an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin.

Er hat immer wieder mit verzweifelten Musikern zu tun, deren Gehirn den Fingern falsche Befehle gibt. Wie kann es zu dieser Beeinträchtigung der motorischen Kontrolle kommen? „Musiker haben andere Gehirne“, erklärte Altenmüller bei einem Vortrag zur „Psychosomatik der Musikermotorik“ kürzlich in Berlin. Wer zehn Jahre lang fleißig ein Instrument spielt, bringt es dabei leicht auf 10000 Übungsstunden.

Kleinste Veränderungen im Kopf beginnen schon nach zwanzigminütigem Üben: Die Überleitung zwischen dem für das Hören und dem für die Bewegung zuständigen Areal wird schneller. Wer selbst spielt, aktiviert also auch beim Hören die Regionen des Gehirns, die Bewegungen steuern. „Pianisten hören mit den Fingern!“ Das Gebiet der Hirnrinde, in dem die Finger kodiert sind, wird bei ihnen mit der Zeit deutlich größer.

Messungen per Magnetenzephalographie haben ergeben, dass auch bei Geigern die Handregion im Hirn stark vergrößert ist. Musizieren hat Auswirkungen auf die Anzahl der Nervenzellen und der Verknüpfungen. Zugleich wachsen aber die Anforderungen.

Vor allem bei den Profis im klassischen Sektor: Ob ihre Bewegungen stimmen, ist jederzeit überprüfbar, weil auch Banausen die Fehler in den Stücken hören können, die jeder von Tonträgern kennt. Die meisten Berufsmusiker haben schon in der Kindheit mit dem Spielen begonnen, sie haben ein strenges System durchlaufen. „Das Musizieren ist stark emotional besetzt, das geht bis zur Auftrittssucht“, sagt Altenmüller. Deshalb ist die Angst vor dem Versagen groß. Störungen in Bewegungsabläufen könnten den Anfang vom Ende der Karriere bedeuten.

Für Störungen, deren Ursache nicht in Verletzung oder Überbeanspruchung der Hand, sondern in falschen Kommandos von der Zentrale liegen, ist es typisch, dass sie nur bei bestimmten Aufgaben immer wieder auftreten und zunächst nicht weh tun. Durch die Vergrößerung der Areale, die die einzelnen Finger in der Hirnrinde kodieren, kommt es zu Überlappungen, die die Hemmung schwieriger machen: Dann bewegt sich etwa der Mittelfinger immer mit, wenn nur der Ringfinger gefragt ist. „Es fehlt hier an der Hemmung, die für die Feinmotorik nötig ist“, erklärte Altenmüller.

Der Neurologe vermutet, dass alles mit einem spontanen falschen Bewegungsablauf beginnt. Der Patzer löst Stress aus, das Gedächtnis speichert unter dessen Einfluss genau den Bewegungsablauf, den man am liebsten sofort löschen würde.

In der Behandlung kommt es darauf an, einen Teufelskreis zu durchbrechen. Dabei kann das Nervengift Botulinumtoxin helfen, das in geringer Dosierung die Überaktivität von Muskeln hemmt.

Schwieriger ist es, den Perfektionismus der Musiker zu mildern. Und die typischen Opfer der fokalen Dystonie sind nach Altenmüllers Aussage junge Männer mit starkem Hang zum Perfektionismus. 93 Prozent von ihnen sind klassische Musiker. „Das hat damit zu tun, dass ihnen ein Timing von außen aufgedrückt wird.“ Zum Beispiel wenn sie die Klavier-Kompositionen ihres einstmaligen Leidensgenossen Robert Schumann einstudieren – von denen einige technisch nicht ganz ohne sind.

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