Gesundheit : Mit der chinesischen Weisheit am Ende

Immer mehr Studenten kommen aus dem Reich der Mitte – oft mit gefälschten Zeugnissen. Was die Universitäten tun

Franziska Garbe

„Zug nach: Chinatown. Einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte.“

Bisher sind solche Lautsprecherdurchsagen im Nahverkehr deutscher Großstädte natürlich noch nicht zu hören. Aber vielleicht wird es sie in nicht allzu ferner Zukunft geben? Andreas Guder, Juniorprofessor für chinesische Sprache an der Universität Mainz, kann sich das jedenfalls durchaus vorstellen. „Was? In Deutschland gibt es keine Chinatowns?“ Diese Frage hört Guder oft von chinesischstämmigen Amerikanern. Die Abwanderung der Chinesen über den Pazifik in die USA hat eben eine lange Tradition.

Wer in den USA nicht ankommt

Hier zu Lande kam der Andrang, der pünktlich zur Jahrtausendwende auf die deutschen Visastellen in der Volksrepublik China einsetzte, wohl eher überraschend: Von 1999 bis 2000 stieg die Zahl der dort erteilten Einreiseerlaubnisse um über 200 Prozent. Das lag vor allem an der steigenden Zahl chinesischer Studieninteressierter. Im Wintersemester 2000/2001 waren an deutschen Universitäten etwa 70 000 Bewerbungen aus China zu bearbeiten – so viele, wie noch nie zuvor. Seitdem stellen die Chinesen den höchsten Anteil unter den hiesigen Auslandsstudenten. Vor allem an Technischen Universitäten ist ihre Präsenz auf dem Campus nicht mehr zu übersehen.

Andreas Guder, der vier Jahre lang selbst für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in China arbeitete, führt das vor allem auf die Tatsache zurück, dass sich seit etwa 1999 immer mehr chinesische Familien ein Auslandsstudium für ihre Kinder leisten können. Wer es in China finanziell irgendwie schafft, der schickt den Nachwuchs ins Ausland. Das Studium an einer westlichen Universität genießt in China einen viel besseren Ruf, als das im eigenen Land. Der akademischen Bildung wird in der chinesischen Gesellschaft traditionell sehr viel Bedeutung zugemessen.

Ohne universitäre Ausbildung sind die Karrierechancen gleich Null. Doch der großen Nachfrage stehen bislang viel zu wenig Studienplätze gegenüber. Um einen davon zu ergattern, müssen die meisten Bewerber zunächst eine sehr schwierige Aufnahmeprüfung bewältigen, auf die sie oft ein Jahr lang hin arbeiten und an der viele dann letztendlich doch scheitern. So ist es nicht ungewöhnlich, dass manche chinesischen Familien ihr gesamtes Vermögen investieren, um ihren Kindern ein Studium im Ausland zu ermöglichen. Die erste Wahl fällt dabei meist immer noch auf die USA und die dortigen Elite-Universitäten, wie Harvard oder Yale. Doch wer kein Stipendium bekommt oder an der inzwischen restriktiveren Visapolitik der USA scheitert, der kommt häufig nach Deutschland – vor allem auch wegen der hier fehlenden Studiengebühren.

Ein kleines Vermögen lassen chinesische Eltern allerdings oft bereits bei offiziellen Vermittlungsagenturen im Heimatland. Diese verschaffen den jungen Chinesen einen Studienplatz im Ausland, auch wenn ihre Qualifikation dafür objektiv eigentlich nicht ausreicht. „Geschätzte sechzig bis siebzig Prozent der Bewerbungen im Wintersemester 2000/2001 waren Mehrfachbewerbungen oder bestanden aus gefälschten Unterlagen“ , sagt Klaus Birk, Leiter des Referats „China“ beim DAAD. Diesem Missstand versuchte man mit der Einrichtung einer „Akademischen Prüfstelle“ an der Deutschen Botschaft in Peking beizukommen, in der seit 2002 die Echtheit der eingereichten chinesischen Bewerbungsunterlagen kontrolliert wird. Laut Klaus Birk vom DAAD konnten die Bewerberzahlen aus China dadurch auf etwa 20 000 reduziert werden. Die Hochschulrektorenkonferenz beschloss jetzt, als Pilotprojekt für Berlin/Brandenburg eine gemeinsame Servicestelle der Hochschulen einzurichten. Dort sollen internationale Studienbewerbungen – vorrangig solche aus China und Osteuropa – formal geprüft werden.

Die Schande des Scheiterns

Doch die Probleme der chinesischen Studenten in Deutschland entstehen nicht nur durch mangelnde fachliche oder sprachliche Kompetenz. „Viele scheitern auch an der völlig anderen Lernkultur in Deutschland“, sagt Andreas Guder. „In China ist das Studium sehr verschult.“ Mit der völligen Freiheit bei der Studienplanung, die vor allem Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften gewährt wird, hätten viele große Schwierigkeiten. Strengere Zulassungsregeln nach formalen Kriterien wie Noten oder Schulabschlüssen, mit denen hiesige Unis den Ansturm nach dem Motto „Klasse statt Masse“ in den Griff bekommen wollen, scheinen dafür nur eine unzureichende Lösung zu bieten. Und die flächendeckende Einführung der strenger gegliederten Bachelor- und Masterabschlüsse lässt auf sich warten.

Guder sieht die steigende Anzahl der chinesischen Studierenden in Deutschland deswegen mit Besorgnis. „Unter dem Verlust ihrer großen Investition scheitern die jungen Leute am deutschen Studiensystem, können – vor allem wegen der damit verbundenen Schande – nicht mehr in die Heimat zurück und laufen deshalb Gefahr, in die Illegalität abzurutschen.“

Doch nicht alle Chinesen sind schlecht auf ihren Studienaufenthalt in Deutschland vorbereitet: Yu T. beispielsweise ist seit 1998 in Berlin, studiert im zehnten Semester Publizistik an der Freien Universität und wird bald ihren Abschluss machen. In China hatte sie bereits fünf Jahre Deutschunterricht, mit allem, was dazu gehört: Sprache, Geschichte, Kultur. Außerdem lagen zwei Jahre Germanistikstudium an der Universität Peking hinter ihr. „Berlin unterscheidet sich fast überhaupt nicht von chinesischen Großstädten wie Shanghai oder Peking“, meint die 25-Jährige. Als sie hierher kam, sei sie beinahe enttäuscht darüber gewesen, dass der erwartete Kulturschock bei ihr ausblieb.

Das Einzige, was sie an deutschen Universitäten nach wie vor als schwierig empfindet, ist, Kontakt zu deutschen Studierenden zu bekommen. „In Deutschland muss immer ich den ersten Schritt machen“, erzählt Yu. „In Amerika oder Kanada begegnen einem die Leute viel offener.“ Yu kann es ihren Landsleuten deshalb nicht verübeln, dass diese sich selbst von der übrigen Studentenschaft abkapseln, wie es an deutschen Unis mit einem hohen Anteil an chinesischen Studenten beklagt wird. Außerdem klappt eine Integration ab einem gewissen Grad der kulturellen Fremdheit einfach nicht mehr, glaubt der Sinologiedozent Guder. „Die Neigung zur Gettoisierung ist bei den Chinesen vielleicht noch ausgeprägter als bei anderen Nationalitäten, doch letztendlich verhalten sich Europäer in China auch nicht anders.“

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