Gesundheit : Mit der Couch auf den Marktplatz?

Frank Werner Pilgram

Psychoanalytiker - sind das nicht jene antiquierten Zeitgenossen, die ihr Berufsleben schweigend und zuhörend im Sessel hinter der Couch verbringen, unberührt von gesellschaftlichen Veränderungen? Dabei hätte die Freudsche Aufklärung durchaus Relevantes zum Verständnis der drängenden Probleme beizutragen. Aber so sehr ihr Denken und Vokabular auch, oft banalisiert und entstellt, Eingang in die Wissenschafts- und Alltagssprache gefunden hat, so selten findet sich noch eine stringente psychoanalytische Begriffsarbeit an den aktuellen Konflikten in der öffentlichen Auseinandersetzung.

Im ersten Drittel des nun vergangenen Jahrhunderts dagegen inspirierte die junge Wissenschaft noch die avantgardistischen Bewegungen in Kunst und Politik, doch mit der Etablierung als marginale Sparte der Gesundheitsindustrie verlor sie nach der Renaissance von 68 mehr und mehr ihre subversive erotische Faszination für die Allgemeinheit. Warum schweigt die Psychoanalyse im öffentlichen Raum? Dieser Frage widmete sich ein Symposion, organisiert von Lilli Gast (FU) und Bernd Gutmann (Institut für Psychoanalyse).

Auf ihrem "Weg von einer prophetischen zu einer priesterlichen Bewegung", wie Bernd Schwibs, Redakteur der Zeitschrift Psyche, es nannte, hat die Zunft Entscheidendes zum Dilemma ihrer Kastration im allgemeinen Diskurs beigetragen. Denn schon in der kleinen Binnenöffentlichkeit der Ausbildungsinstitute steht es schlecht um eine demokratische Diskussionskultur. Wer einmal die gehemmte Atmosphäre dort kennen gelernt hat, wird verstehen, dass ein Nachwuchs, der ständig psychologisierender Kontrolle in demütigenden Initiationsritualen unterworfen ist, auch später kaum die Lust an einer freien, gar politischen Rede entwickeln wird.

Die weitgehende Eliminierung einer öffentlich wirksamen, kulturkritischen Tradition innerhalb der psychoanalytischen Bewegung ist in Deutschland eine Nachwirkung des Faschismus, der alle jüdischen und linken Analytiker ins Exil getrieben hat. Die Soziologin Sigrun Anselm fragte nach der Art, wie heute mit den zivilisatorisch zentralen Themen von Aggression und Gewalt im medialen Diskurs umgegangen wird: Sie erscheinen dort vornehmlich als die der anderen. Die bürgerlichen Mittelschichten projizierten die Angst und Aggression, die durch den wirtschaftlichen Kampf ums Dasein erzeugt würden, auf Randgruppen. Für Josef H. Ludin dagegen, der gleichsam als Vertreter der offiziellen internationalen Psychoanalyse (IPA) auf dem Podium saß, ist die Wahrheit der psychoanalytischen Situation grundsätzlich keiner öffentlichen Artikulation zugänglich. Indem er die romanisch-katholische Tradition des Mysteriums dafür reklamierte, verwarf er die aufklärende Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft zugunsten eines elitären Zirkels, zelebriert von der "wissenden" analytischen Priesterkaste. Zum Glück blieb dies in der überaus breiten und lebendig geführten Diskussion des zahlreich erschienenen Publikums aber nicht das letzte Wort.

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