Gesundheit : Mit einer Stimme beraten Streit um nationale Akademie offenbar gelöst

Uwe Schlicht

Wie kann die deutsche Wissenschaft mit einer Stimme im Ausland auftreten und sich damit gegenüber den großen Akademien in den USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und China Gehör verschaffen? Und wie kann sie sich im Inland Autorität verschaffen, wenn sie zu Problemen Stellung nimmt, die Politik und Gesellschaft bewegen? Seit über 20 Jahren wird über diese Fragen diskutiert. Jetzt erklärte der Präsident der ältesten deutschen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina der Naturwissenschaftler, dass eine Lösung in Sicht sei. „Wir sind am Punkt der Einigung. Alle ziehen an einem Strang“, sagte Volker ter Meulen.

Die beteiligten Wissenschaftsorganisationen wie die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft müssten allerdings in ihren Gremien das abgesprochene Konzept noch beschließen, bevor man an die Öffentlichkeit gehen könne. Den Zeitpunkt wollte ter Meulen ebenso wenig nennen wie Details der Vereinbarung, um nicht noch in letzter Minute das Konzept zu zerreden.

Zugespitzt hatte sich die Debatte um eine deutsche Akademie der Wissenschaften mit der Gründung der Berlin-Brandenburgischen Akademie im Jahr 1993. Von Beginn an hatte sie als Haupststadtakademie den nationalen Anspruch. Die Leopoldina der Naturwissenschaftler in Halle sollte als Partner für die nationale Akademie gewonnen werden. Die Partnerschaft war jedoch der Leopoldina zu wenig und sie erhob mit dem Amtsantritt von Volker ter Meulen 2003 selbst den Anspruch, die Rolle einer nationalen Akademie zu übernehmen. Die Leopoldina erweiterte den Kreis ihrer Mitglieder über die Naturwissenschaftler und Mediziner hinaus um Geistes- und Sozialwissenschaftler. Bei der jetzigen Jahresversammlung demonstrierte die Leopoldina, wie weit sie auf diesem Weg gekommen ist. Das Thema Evolution wurde aus allen nur möglichen Perspektiven der Wissenschaft beleuchtet.

Die Leopoldina hat aber noch einen anderen Erfolg zu verzeichnen: Sie wird von den großen Akademien des Auslands zu Stellungnahmen gebeten. So hat die Royal Society, die bedeutende Akademie der Wissenschaften in Großbritannien, die Leopoldina zur Mitarbeit an zwei Stellungnahmen aufgefordert: zur globalen Antwort auf den Klimawandel und zur Bedeutung, die Wissenschaft und Technologie für die Entwicklung von Afrika haben sollen. Beide Stellungnahmen wurden auf dem G-8-Gipfel der Regierungschefs der sieben führenden Industrienationen und Russlands in Schottland den Politikern übergeben. Das heißt, die Leopoldina hat es geschafft, als die Stimme der deutschen Wissenschaft akzeptiert zu werden.

Dieselbe Rolle spielt die Leopoldina im Rahmen des Rats der europäischen Wissenschaftsakademien (EASAC). Vor dem Hintergrund der weltweiten Gefährdung durch Pandemien wie Sars und Vogelgrippe sowie der Ausbreitung von Aids und Tuberkulose hat die Akademie eine Empfehlung erarbeitet, die sich durch zweierlei auszeichnet: Sie analysiert die Gefahren und empfiehlt Politikern und der Pharmaindustrie, wie sie die Infektionen international beobachten lassen sollten. Auf nur 16 Seiten gut lesbar formuliert, ist diese Empfehlung ein Musterbeispiel unaufgeforderter Beratung von Politik und Gesellschaft.

Die Einsicht, dass solcher Rat dringend gebraucht wird, bestimmt die seit Jahrzehnten andauernde Diskussion um die nationale Akademie der Wissenschaften. Im Jahr 2004 hat der Wissenschaftsrat dieses Thema aufgegriffen, aber seine Empfehlungen waren unklar. Ein fertiger Organisationsplan blieb in der Schublade – wegen des großen Widerstands regionaler Akademien. Der Wissenschaftsrat beauftragte die Union der sieben deutschen Länderakademien und der Leopoldina zusammen mit den Großorganisationen der Wissenschaft, einen Plan zu entwickeln.

Die Union der Akademien schlug eine Alternative vor: einen Konvent von 120 bedeutenden Wissenschaftlern aus den deutschen Akademien, dem auch Nobelpreisträger, Leibniz- und Zukunftspreisträger angehören sollen. Ob dieser Vorschlag die Grundlage der von ter Meulen angekündigten Einigung ist, bleibt abzuwarten. Klar ist, dass es allen Beteiligten auf eines ankommt: Dass die deutsche Wissenschaft endlich mit einer Stimme spricht.

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