Gesundheit : "Mit Gewalt auftrumpfen"

Expertin zum Berliner Hauptschul-Problem

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Frau Engin, an Berliner Hauptschulen eskalieren die Probleme mit Schülern aus Migrantenfamilien. Es gibt ein massives Gewaltproblem. Wie ist das zu erklären?

Die Hauptschule ist gerade in Berlin zur Restschule geworden für Kinder aus sozial belasteten Umfeldern. Sie kommen aus überwiegend arabischen Flüchtlingsfamilien, sind Asylbewerber, die quasi jeden Tag abgeschoben werden können. Sie haben hier keine Wurzeln, sind emotional mit einem Herkunftsland verbunden, in dem die Gewalt tobt. Die Kinder kennen nur Sozialhilfe – sie leben tatsächlich in einer Parallelgesellschaft.

Die Aggressionen gehen vor allem von Jungen aus arabischen Familien aus.

Sie bringen das sicher aus den Familien mit. Der Vater als Familienoberhaupt hat seine natürliche Autorität als Ernährer verloren und kompensiert das häufig mit Aggression. Die Kinder fühlen sich minderwertig und können nur mit Drohgebärden, mit Gewalt auftrumpfen. Ihre Vorbilder gucken sie sich in kriminellen Milieus ab. Sie wissen, dass sie keine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben und stellen sich darauf ein, in einer Grauzone zu überleben.

Droht eine Zeitbombe verfehlter Integrationspolitik zu platzen?

Wir sehen jetzt die ersten Anzeichen. Wir als Mehrheitsgesellschaft waren bisher auf beiden Augen blind. Wenn wir uns weiterhin eine Schulform leisten, die in die Sackgasse führt, werden wir weiterhin Problembürger heranziehen.

Also die Hauptschulen abschaffen?

Sie mit Realschulen zusammenzulegen, macht Sinn. Schwache Schüler bekommen die stärkeren als Vorbild. Allerdings darf man davon keine Wunder erwarten. Denn diese Kinder sind nicht innerhalb von zwei Wochen zu Problemschülern mutiert. Den Schülern, die heute in Brennpunktschulen sind, muss kurzfristig mit einer anderen Pädagogik geholfen werden.

Wie müsste die aussehen?

Den Schülern muss ein größerer Bezug zur Praxis geboten werden. Sie müssen durch praktische Arbeit lernen, was es bedeutet, einem Beruf nachzugehen, dass es sich lohnt, Leistung zu bringen, um gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. In diese Hauptschulen sollte man massiv mit Sozialpädagogen, mit Arabisch sprechenden Lehrern und Sozialarbeitern hineingehen, die dann auch die Brückenfunktion zu den Eltern übernehmen.

Wie kann man die Eltern in die Verantwortung nehmen?

Mit Verpflichtungserklärungen: Die Eltern verpflichten sich, ihre Kinder pünktlich zur Schule zu schicken, sie bei den Hausaufgaben zu beaufsichtigen, Kontakt zu den Lehrern zu halten. Die Lehrer verpflichten sich, die Eltern über den Leistungsstand der Kinder zu informieren. Die Schüler unterschreiben, dass sie ihre Hausaufgaben machen, oder auch, kein Mobiliar zu zerstören.

Die meisten Lehrer sind überfordert.

Sie werden als Pädagogen auf diese Klientel nicht vorbereitet. An der Universität wird immer noch für eine Schule mit Mittelschichtkindern ausgebildet. Die ganze Unterschichtproblematik kommt an den Hochschulen erst jetzt an. Den Lehrern, die heute vor den Klassen stehen, fehlen aber die sozialen, sprachlichen und kulturellen Hintergründe.

Ist interkulturelle Erziehung heute nicht ein Pflichtteil des Lehrerstudiums?

Ja, der berühmte „Ausländerschein“. Der ist aber bis heute nicht inhaltlich festgelegt: Da werden globale Problemfelder wie Migration nach Deutschland behandelt. Aber Handlungskompetenz wird selten vermittelt. Wir brauchen ein richtiges Modul, um die zukünftigen Lehrer didaktisch und methodisch handlungsfähig zu machen für einen Unterricht in einer multiethnischen und problematischen Schülerschaft.

Was muss passieren, damit es keine Rütli-Schulen mehr gibt?

Wenn wir keine kleinen Gangster mit 16 Jahren möchten, müssen wir schon im Kindergartenalter vielfältige Angebote machen: Sprache und soziale Kompetenz intensiv fördern, eng mit den Eltern zusammenarbeiten – und beim Übergang zur Grundschule mit den Lehrern. Gerade in Berlin gibt es einige Kitas und Grundschulen, die so arbeiten: Die Kinder bekommen eine Akte mit, in der alles verzeichnet ist, was sie gelernt haben. Das Beispiel etwa der Weddinger Erika-Mann-Grundschule zeigt: Die Kinder haben Ressourcen, sie können enorme Erfolge erzielen. 48 Prozent bekommen dort eine Realschul- oder Gymnasialempfehlung.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

Havva Engin (37) ist Juniorprofessorin für Sprachförderung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Vorher war sie am Lehrstuhl für Interkulturelle Pädagogik an der TU Berlin tätig.

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