Gesundheit : Mit "Kleingeld" nach Hollywood

TOM HEITHOFF

Er gehört nicht zu den Spätstartern.Schon als Schüler hatte Marc-Andreas Bochert eine klare Vorstellung von seiner Berufung: "Ich hatte nie etwas anderes im Sinn, als Filme zu machen, und bis heute hat sich auch alles organisch entwickelt." Schon mit seinen frühen Amateurfilmen, darunter drei Krimikomödien, gewann der 1971 in Hildesheim geborene Bochert einige Preise auf kleineren Festivals wie dem Hannoveraner Schülerfilmfest oder dem Hildesheimer Film- und Videofest.Jetzt hat der Regiestudent von der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf (HFF) in Potsdam-Babelsberg die wichtigste Auszeichnung bekommen, die es international für studentische Filmer gibt: Sein Diplomfilm "Kleingeld" wurde mit dem Studenten-Oscar der Academy of Motion, Picture, Arts and Science in der Kategorie "Bester ausländischer Film" geehrt.Bochert wird den Preis in Hollywood entgegennehmen, wo er auch Vertreter der Filmindustrie treffen soll.

"Kleingeld" zeigt die ungewöhnliche Beziehung zwischen einem Geschäftsmann und einem Obdachlosen.Der eine gibt regelmäßig etwas Geld, der andere wäscht dafür sein Auto - gegen den Willen des Geschäftsmannes.Ein Film über menschliche Annäherung und Entfernung und ein Film der Blicke.Gekonnt spielt Bochert mit dem Blick der Kamera und den Blicken der Figuren: Zarte Andeutungen statt sentimentales Verweilen auf den Gesichtern.Tragik und Komik liegen während der 15 Minuten dicht beieinander, so wenn der Geschäftsmann, da er eines Tages kein Kleingeld, sondern nur einen Hunderter im Portemonnaie findet, sich ängstlich hinter einem Passanten versteckt, um auf die andere Straßenseite zu gelangen.Ein eher beiläufig erzähltes Märchen aus der Wirklichkeit - mit einer magischen Zeitlupenfahrt durchs heutige Berlin.

In jungen Jahren drehte Marc-Andreas Bochert die längsten Filme.90 Minuten mußten es schon sein."Aber man darf nicht vergessen, daß das Drehen auf Video so gut wie nichts kostet", sagt er.Mit zunehmendem Alter wurden die Filme kürzer.Das geht allerdings nicht auf ein ästhetisches Konzept zurück, sondern liegt an den Vorgaben der Potsdamer Hochschule, an der Bochert seit 1992 studiert.In jedem Studienjahr steht den Filmstudenten ein festes Budget zur Verfügung: zwischen 1500 Mark für den ersten Film und 30 000 Mark für den Abschlußfilm.Da überwiegend auf teurem 35mm-Material gedreht wird, sind Langfilme ohne Fremdhilfe kaum produzierbar.

In seinem ersten HFF-Film ("Aljoschas abenteuerlicher Alltag", 1993) dokumentiert Bochert mit viel Gespür für die kleinen Gesten den Alltag eines deutsch-japanischen Jungen.Schon hier zeigt sich sein Hang zur stilleren Komik."Mein Vater ist Komponist und findet seine Musik super.Ich finde sie unnormal", sagt der Junge, während im Hintergrund der Vater wild in die Tasten haut.Dieser Dokumentarfilm wird wohl sein einziger bleiben."Ich bin kein dokumentarischer Mensch", sagt Bochert, "mich interessiert vielmehr das Dramatisieren von Wirklichkeit."

Für seinen 15 Minuten langen "Schatten der Vergangenheit" (1996/97) erhielt er den "Hans W.Geissendörfer Nachwuchsförderpreis".In dieser Geschichte wird ein junger Mann, der einen Supermarkt ausrauben will, von der Kassiererin erkannt - als derjenige, der einst im Bett versagt hatte.Alles lacht über "Mister Schlappschwanz".Immer mehr demütigende Momente aus seiner Vergangenheit kommen ans Licht und reißen die Fassade vom harten Verbrecher auseinander.

"Ich liebe die Filmarbeit, aber sie ist ein ewiges Auf und Ab", sagt Bochert.Angenehm sei das Arbeiten mit vielen Leuten, schwer falle es hingegen, Kompromisse eingehen zu müssen.Bei der Postproduktion am Schneidetisch gibt es "furchtbare Momente, wenn man sieht, daß nichts zusammenpaßt und tolle, wenn sich schließlich doch alles unerwartet zusammenfügt".Beim Drehen ist Bochert, dessen eigene Favoriten Woody Allens "Hannah und ihre Schwestern" und "Smoke" von Wayne Wang und Paul Auster sind, genauso bescheiden und freundlich-zurückhaltend wie im Alltag."Ich halte nichts von Übertreibungen, um Schauspieler zu motivieren." Worte wie "phantastisch" oder "wunderbar" kommen ihm nicht über die Lippen."Wichtig ist, daß die Schauspieler einem vertrauen können", sagt er."Und deshalb bekommen sie von mir nur ehrliche Reaktionen."

Marc-Andreas Bochert war schon gut im Geschäft, bevor er den Studenten-Oscar gewann.Aber wenn er von der Verleihung der "26th Annual Student Academy Awards" aus Beverly Hills zurückkehrt, dürfte der Anrufbeantworter in seiner Wohnung in Berlin-Moabit wegen Überfüllung den Dienst aufgegeben haben.

Am 28.Mai findet in der Akademie der Künste der sogenannte "Probelauf" statt, bei dem ausgewählte Filme der HFF Konrad Wolf, der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und der Budapester Filmhochschule auf der großen Leinwand gezeigt werden.Im ersten Block (18 Uhr) wird der Oscar-prämierte Film "Kleingeld" zu sehen sein.

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