Gesundheit : Mit Leidenschaft

Das Sams als Belohnung, Singen in der Mathestunde: Eine Liebeserklärung zum Welttag des Lehrers

Daniel Herbstreit

Vor zwölf Jahren hat die Unesco den 5. Oktober zum Welttag des Lehrers erklärt. Der Gedenktag soll das Engagement von Lehrern in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken: ihre Anstrengungen, das Bildungsniveau zu erhöhen, junge Menschen zum friedlichen Zusammenleben zu erziehen und zu einer toleranteren Welt beizutragen. Unser Autor ehrt den Berufsstand mit einer Liebeserklärung – vier Jahre nach seinem Abitur.

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Als Schüler war ich aufsässig, richtig militant sogar, und natürlich fühlte ich mich zutiefst im Recht bei meinen Kämpfen gegen die Gehassten unter den Lehrern. Gegen den arroganten Mathelehrer, für den Schüler vor allem dumme, anmaßende Kinder waren. Die Englischlehrerin, die kaum eine grammatische Regel erklären konnte, ohne ins Stammeln zu kommen, und die mit Sicherheit selbst wusste, dass sie den Beruf komplett verfehlt hatte.

Aber das ist nur die halbe Geschichte. Denn eigentlich bin ich ganz gern zur Schule gegangen, es gab ja auch viele gute, engagierte Lehrer – wie die Klassenlehrerin in der ersten und zweiten Klasse. Sie versüßte uns das Lesenlernen mit den Geschichten vom „Sams“ von Paul Maar. Wenn wir gut gearbeitet hatten, las sie uns aus „Eine Woche voller Samstage“ vor. Im Kunstunterricht erklärte sie uns Bilder von Paul Klee und ließ uns in ähnlichem Stil richtige Kunstwerke anfertigen. Ich lud sie zu meinem Geburtstag ein. Es gibt ein Foto, da sitzt sie mitten im Kindergewimmel am Kaffeetisch, mit meiner kleinen Schwester auf dem Schoß.

Für katholische Religion gab es an der Grundschule nur eine einzige Lehrerin, eine nicht mehr junge, leicht verhärmte Dame. Sie warnte uns vor den Verführungen von „Bravo“ und satanischer Musik von Led Zeppelin – nicht etwa in den 60er, sondern in den frühen 90er Jahren. Bei aller Glaubensstrenge aber war sie eine liebevolle Lehrerin. Und mit Leidenschaft erzählte sie uns die Geschichte von Moses und dem Auszug aus Ägypten.

Ist der Grundschüler schneller bereit, einen Lehrer zu lieben als später der Jugendliche? Vielleicht. Trotzdem weiß auch ein Kind schon ganz genau, was einen guten Lehrer von einem schlechten unterscheidet: Ein guter Lehrer ist freundlich und hat meistens gute Laune, dann darf er auch ab und zu streng sein. Er kann gut erklären, beantwortet Fragen, hilft geduldig den Langsameren, weiß aber auch die Schlauen bei der Stange zu halten, indem er alternative Lösungsansätze ernst nimmt und diskutiert. In dieser idealen Form findet man Lehrer natürlich fast nur in Romanfiguren und Filmhelden, wie dem nahezu überirdischen John Keating, gespielt von Robin Williams im „Club der toten Dichter“.

Aber auch ohne ideal zu sein, geben doch viele wirklich gute oder wenigstens brauchbare Lehrer ab. Und manchmal ist ein schwieriger Lehrer sogar besonders lehrreich, weil man lernen muss, mit einem anstrengenden Charakter umzugehen. Mit Exzentrikern wie dem 60-jährigen Englischlehrer etwa, der immer wie aus dem Ei gepellt war und durch die Gänge schritt wie ein General. Es ging das Gerücht um, er sei tatsächlich Reserveoffizier – ihn danach zu fragen, hat nie jemand gewagt. Legendär waren seine Vorträge über die Mechanik von Schusswaffen und Kommentare wie: „Sich mit Schlaftabletten umzubringen ist unmännlich!“ Oder wie dem alten Mathelehrer, der schon meinen Vater hatte eine Klasse wiederholen lassen. Anspruchsvoll, hart und jähzornig einerseits, andererseits ein überzeugter Anthroposoph, der einmal, mitten in der Mathestunde, spontan mit uns einen Kanon einstudierte.

Ich war, wie gesagt, auch nicht gerade ein einfacher Schüler. Habe die Inkompetenz mancher Lehrer lustvoll vorgeführt, Schwächen bloßgestellt, wackelige Autorität gnadenlos demontiert. Zum Glück gab es immer wieder Lehrer, die mir trotzdem mit Verständnis und Freundlichkeit begegneten. Der Deutschlehrer in der Oberstufe etwa, ein kluger älterer Mann. Seine Gutmütigkeit wurde unter uns Schülern belächelt, sein ungeheures Wissen bewundert. Im Unterricht gab er unzählige Anregungen, ließ uns über Literatur, Philosophie, Gott und die Welt diskutieren. Oder der Kunstlehrer, ein Querkopf unter Beamtenseelen, der sich traute, seine Schüler mit klaren Meinungen und lautem, respektlosem Lachen zu provozieren – und in dessen Klassenzimmer die Luft immer ein bisschen leichter und freier schien als im Rest des Schulhauses.

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