Gesundheit : Mit Rindern eine Zelle teilen?

Britische Forscher wollen Embryonen aus menschlichen Zellkernen und Kuh-Eizellen herstellen

Dagny Lüdemann

Wissenschaftler aus Großbritannien wollen Erbgut von Mensch und Rind vermengen. Ein Team des Stammzelleninstituts North-East England, das von den Universitäten in Durham und Newcastle betrieben wird, hat bei der zuständigen Aufsichtsbehörde in London am Montag die Genehmigung beantragt, drei Jahre lang menschliche Zellkerne in Eizellen von Kühen einpflanzen zu dürfen.

Stammzellen von Embryonen könnten eines Tages zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden, bei deren Verlauf bestimmte Zellarten absterben. Denn embryonale Stammzellen sind in der Lage, verschiedene Gewebearten nachzubilden. Bei Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer werden Gehirnzellen zerstört – die Folge ist der unaufhaltsame Verlust geistiger und körperlicher Fähigkeiten. Könnten aus Stammzellen neue Gehirnzellen gezüchtet werden, wäre eine Heilung vielleicht möglich.

Mit dem Verfahren, das das Team um Lyle Armstrong von der Universität Newcastle testen möchte, könnte das therapeutische Klonen erleichtert werden. Bei diesem Verfahren wird in eine entkernte Eizelle der Zellkern einer Körperzelle eines Patienten eingepflanzt. Aus dem so erzeugten Embryo werden dann Stammzellen gewonnen. So lässt sich für jeden Kranken maßgeschneidertes Gewebe züchten, das ohne Abstoßungsreaktion implantiert werden kann – zumindest in der Theorie. Bisher werden bei dem Verfahren unzählige menschliche Eizellen verbraucht, bis ein Laborversuch erfolgreich ist. Doch solche Eizellen sind Mangelware. Zwar bleiben bei der künstlichen Befruchtung einige Eizellen für die Forschung „übrig“, doch ihre Anzahl reicht nicht aus, um große Versuchsreihen durchzuführen.

Um den Mangel an menschlichen Eizellen zu umgehen, wollen die britischen Forscher jetzt auf Eizellen der Kuh ausweichen. Mit der gleichen Technik, die 1996 angewandt wurde, um das Schaf Dolly zu klonen, wollen sie Embryonen schaffen, denen sie im Alter von sechs Tagen die begehrten Stammzellen entnehmen können. Wären diese brauchbar, könnte das die Forschung entscheidend voranbringen.

Ob sich aus den Mischzellen aus Mensch und Kuh überhaupt Embryonen entwickeln würden, die mindestens sechs Tage lang überleben, steht nicht fest. Allerdings war chinesischen Forschern im Jahr 2003 der gleiche Versuch mit Eizellen von Kaninchen gelungen. Daraus hatten sich tatsächlich Embryonen entwickelt, denen Stammzellen entnommen werden konnten, wie die Wissenschaftler im Fachblatt „Cell Research“ (Band 13, Seite 251) berichteten.

Ob der Einsatz solcher Mischformen vertretbarer wäre als die Nutzung rein menschlicher Embryonen, ist umstritten. Die britischen Forscher gehen davon aus, dass ihre künstlich erzeugten Embryonen genetisch zu 99,9 Prozent menschlich wären – der Kuhanteil wäre auf die DNS außerhalb des Zellkerns beschränkt.

In Deutschland ist die Gewinnung von Stammzellen aus menschlichen Embryonen verboten, weil sie – wenn auch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium – danach abgetötet werden. Auch die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken ist strafbar. Allerdings darf hierzulande unter Auflagen an importierten embryonalen Stammzellen geforscht werden, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Diese alten Zelllinien haben jedoch häufig Defekte im Erbmaterial und wurden auf Mäusezellen kultiviert, wodurch sie mit tierischen Viren verseucht sein können. Ihr Einsatz am Menschen wäre also nicht möglich.

Ob es nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz erlaubt wäre, menschliches Erbgut in Eizellen der Kuh einzupflanzen, ist bisher ungeklärt. Ein solcher Fall wird in dem Gesetzestext nicht ausdrücklich erwähnt. „Eine Expertenkommission müsste prüfen, ob derartige Experimente ethisch vertretbar und in Deutschland genehmigungsfähig wären“, sagte Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts, das für die Prüfung von Stammzell-Experimenten in Deutschland zuständig ist. „Allerdings sollten wir zunächst einmal abwarten, wie die Entscheidung in England ausfällt“, sagte Glasmacher dem Tagesspiegel.

Durch das Einpflanzen menschlichen Erbmaterials in Eizellen von Kühen könne „die Stammzellenforschung in das nächste Stadium eintreten“, sagte Lyle Armstrong, einer der britischen Antragsteller. Bedenken äußerte Calum MacKellar vom Schottischen Rat für Bioethik. „Bei diesem Verfahren werden tierische Eizellen und menschliche Chromosomen auf sehr direkte Art vermischt“, sagte er dem britischen Rundfunk BBC. „Das würde die Unterscheidung zwischen Tieren und Menschen untergraben.“

Als ethisch unbedenklich gilt der Einsatz der Stammzellen von Erwachsenen. Diese adulten Stammzellen werden auch in Deutschland bereits seit 30 Jahren in der Medizin genutzt – zum Beispiel bei der Therapie von Blutkrebs. Nachdem die Krebszellen gemeinsam mit gesunden Zellen durch Chemotherapie zerstört wurden, muss der Körper neue Blutzellen produzieren. Dazu werden den Patienten von gesunden Spendern Stammzellen gespritzt, die dann neue krebsfreie Blutzellen produzieren. Diese Art der Therapie konnte bisher aber nicht auf andere Krankheiten ausgeweitet werden, weshalb die Forscher auf embryonale Stammzellen setzen.

Mit einer Entscheidung der britischen Aufsichtsbehörde, ob die Genetiker aus Durham und Newcastle die Zellkerne von Menschen in Eizellen von Kühen einsetzten dürfen, wird in einigen Monaten gerechnet.

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