Gesundheit : Mit Ruhe fährt man besser

Der Fortschritt bändigt sich selbst: Intelligente Systeme schützen Autofahrer vor zu vielen Informationen

Andreas Maisch

Regen peitscht auf die Windschutzscheibe, die Kreuzung verschwimmt zwischen den Scheibenwischern. Im Radio wird vor einem Orkan gewarnt. Da klingelt plötzlich das Telefon. Oder ist es das Signal, dass das Öl alle ist? Muss ich nach rechts oder links? Was sagt das Navigationssystem? Es ist das Telefon, ich kann doch jetzt nicht telefonieren!

Der moderne Autofahrer droht in Informationen zu ertrinken. In seinem Auto baut sich eine immer größere Reizflut aus Telefonanrufen, Navigationshinweisen und verschiedensten Signalen des Bordcomputers auf. Eigentlich soll der technische Fortschritt Autofahren ja sicherer und komfortabler machen. Doch besonders in kritischen Situationen kann ein Zuviel des Guten gefährlich sein – wenn die Informationsflut die Aufmerksamkeit des Fahrers verschluckt.

Dies hat auch die Automobilindustrie erkannt. Gemeinsam mit Wissenschaftlern sucht sie nach dem richtigen Umgang mit den rasanten technischen Entwicklungen. Die Lösung: Der Fortschritt soll den Fortschritt bändigen. Intelligente Systeme werden entwickelt, die Telefonate oder Informationen zurückhalten können, etwa wenn der Fahrer in eine scharfe Kurve einbiegt oder zum Überholen ansetzt.

„Workload-Manager“ heißen diese Systeme in Fachkreisen. Es geht um den Umgang mit den Belastungen beim Fahren, englisch „Workload“. Ist die Belastung hoch, sollte der Fahrer vor jeder unnötigen Ablenkung geschützt werden. Bisher sind Workload-Manager überwiegend Thema für die Entwicklungslabors der Autoindustrie. Doch zwei Autos von Volvo fahren schon serienmäßig mit einem intelligenten Informationssystem.

Das Bild der Fahrerbelastung setzt sich hier aus objektiven Daten aus dem Fahrzeug zusammen. So liefern Radsensoren Daten zur Geschwindigkeit, über das Lenkrad wird die Kurvenlage abgegriffen und über die elektronische Stabilitätskontrolle werden Beschleunigung und Neigung erfasst. Zudem berücksichtigt das System, ob Blinker, Scheibenwischer oder die Mittelkonsole bedient werden.

Melden nun mehrere Kanäle eine zu starke Aktivität – zum Beispiel beim Überholen oder Rangieren –, dann ist es so weit: Die Technik schützt den Menschen vor der Technik. Der Anruf der Ehefrau, die Meldung zum niedrigen Ölstand oder die schöne Stimme des Navigationssystems werden zurückgehalten. Doch die Information ist nicht verloren, sie wird nur verzögert dargeboten, sobald die Belastung vorbei ist. Das macht den Charme des Systems aus: Es arbeitet, ohne dass der Fahrer etwas bemerkt. Es ist gewissermaßen ein elektronisches Unterbewusstsein, das vor dem Informations-GAU schützt.

Doch die Forscher denken noch weiter. Wie schafft man es, dass der Fahrer in kritischen Situationen nicht selbst telefoniert oder das Radio bedient? Bei der Suche nach einer Antwort haben Psychologen vom Zentrum für Verkehrswissenschaften an der Universität Würzburg eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Der Mensch lässt sich von einer Maschine nur ungern etwas verbieten.

Das zeigte sich, als Probanden in einen Fahrsimulator gesetzt und aufgefordert wurden, den Bordcomputer während der Fahrt zu bedienen. „Fahrer, denen in einer kritischen Situation das System einfach ausgeschaltet wurde, reagierten regelrecht verärgert“, sagt die Psychologin Nadja Rauch. Nur Hinweismeldungen über kommende Belastungen seien akzeptiert worden.

Diese Ergebnisse könnten für eine neue Generation von Workload-Managern wichtig sein, die aktuell entwickelt werden. Es handelt sich um Systeme, die nicht nur auf die Fahrzeugsensorik, sondern auch auf die digitalen Karten der Navigationssysteme zugreifen.

Das macht die aktuelle Beanspruchung vorhersehbar, und den Fahrern kann ein elektronischer Schutzengel an die Seite gestellt werden. Der könnte dann nicht nur rechtzeitig Informationen zurückhalten, sondern auch früh genug den Zeigefinger in Form eines Warnsignals heben. Nach dem Motto: „Jetzt nicht telefonieren, denn gleich kommt dichter Verkehr.“ Ende des Jahres will Audi einen Workload-Manager dieser neuen Generation vorstellen. „Wir brauchen dringend ein System, das den Überblick behält“, sagt Ingenieur Andreas Muigg, der die Entwicklung des Systems betreut.

Denn die Informationsdichte werde noch weiter zunehmen, sobald Konzepte der Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation realisiert würden. Das bedeutet, dass sich Autos gegenseitig über bestimmte Situationen informieren können, etwa über Bremsvorgänge oder das Einschalten der Warnblinkanlage. Diese Technik wollen die großen deutschen Autofirmen bald gemeinsam vorstellen. Bei dieser Informationsflut braucht es wohl umso mehr ein System, das einfach mal sagt: „Klappe halten!“

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