Gesundheit : Mit Seltenheitswert

Bei Spielen der Fußball-Weltmeisterschaften fällt im Schnitt nur noch alle 36 Minuten ein Tor, und damit deutlich seltener als früher Schlechtere Spieler? Ganz im Gegenteil!

Thomas de Padova

Javier Marías schimpft über die Kicker von heute. Und über ihre Trainer, die defensiv nach der Devise spielten: „Um zu gewinnen, darf man vor allem nicht verlieren.“

In seinem Buch „Alle unsere frühen Schlachten“ (dtv) schreibt der spanische Schriftsteller: „Die Trainer legen mittlerweile einen so großen Wert auf die Funktionen und speziellen Aufgaben der einzelnen Spieler, dass sie es nicht weiter schlimm finden, wenn sechs oder sieben ihrer Schützlinge nicht die geringste Ahnung davon haben, wie man richtig aufs Tor schießt; es ist, als setzten sie voraus, dass sie das niemals tun würden.“ Das würde möglicherweise die allzu häufigen Fälle erklären, in denen Spieler heutzutage wunderbare Torchancen ungenutzt verstreichen ließen.

Zu wenig Tore! Man wird diese Klage in den kommenden Wochen vielleicht des Öfteren hören. Und ähnlich wie Marías wird manch einer behaupten, früher seien die Partien torreicher und packender, die Akteure auf dem Platz besser gewesen, die hoch bezahlten, aber müden Kicker von heute brächten keine Leistung mehr. Hat der leidenschaftliche Fußballpoet Recht?

Marías kennt die Launen des Balls. Wer viele Tore sehen will, der ist im Fußballstadion nicht am richtigen Ort. Hier wird mit dem Fuß gespielt, auch schon mal mit dem Oberschenkel, der Brust oder dem Kopf – aber nicht mit der Hand. Und das bedeutet: Das meiste im Spiel geht schief.

Ein Ball ist mit dem Fuß viel schwerer unter Kontrolle zu kriegen als mit der Hand. Er steht kaum einmal still, verrutscht, verspringt, wird abgefälscht, Pässe kommen nicht an. Die Absicht, den Ball im Tor unterzubringen, ist von der gegnerischen Mannschaft viel leichter zu durchkreuzen als im Handball oder im Basketball. Die Defensive ist daher klar im Vorteil. In der Regel kommt wenig Zählbares bei einem Fußballspiel heraus.

Heutzutage fallen allerdings noch weniger Tore als früher – wenigstens langfristig betrachtet. Marías darf sich von der Statistik bestätigt sehen. Sowohl in den höchsten nationalen Ligen als auch bei Weltmeisterschaften haben die Spieler mit der Zeit immer weniger Treffer pro Partie erzielt.

Die längste Zeitreihe kommt aus Großbritannien. Ignacio Palacios-Huerta von der Brown University in den USA hat die Spielergebnisse in den britischen Profi- und Amateurligen von 1888 bis heute analysiert. In einem Zeitraum von mehr als 100 Jahren sank demnach die Zahl der Tore pro Spiel in der Premier League von 3,3 in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg langsam, aber sicher auf durchschnittlich nur noch 2,65 seit Beginn der 1980er Jahre (siehe Grafik). In der zweiten englischen Liga sieht die Statistik fast identisch aus, in der dritten und vierten Liga sind die Zeitreihen kürzer, bestätigen aber den Trend. Insgesamt gab es bei den Fußballspielen immer weniger Siege, dafür mehr Unentschieden.

Auch in der inzwischen mehr als 40-jährigen Bundesliga-Geschichte ist der Torjubel immer seltener zu hören. Der Schnitt lag, angefangen mit der Saison 1963/64, in den ersten 15 Bundesliga-Jahren bei 3,3 Toren pro Spiel, in den vergangenen 15 Spieljahren nur noch bei etwa 2,9 Toren pro Partie, sprich: Nur noch alle 30 Minuten fällt heutzutage ein Treffer.

Bei den Torschützenkönigen ist Ähnliches zu beobachten: In den 60er und 70er Jahren mussten die Stürmer in der Bundesliga oft 30 Tore oder mehr erzielen, um Torschützenkönig zu werden: Uwe Seeler, Lothar Emmerich und immer wieder Gerd Müller, der mit 40 Toren 1971/72 den Rekord hält. Seit den späten 80ern reichen gut 20 Treffer aus. Ailton, der 2003/04 stolze 28 Mal erfolgreich war, oder Miroslav Klose, der in dieser Saison 25 Mal traf, sind inzwischen schon erfreuliche Ausnahmen und nicht die Regel.

Was für Premier League und Bundesliga gilt, ist bei Weltmeisterschaften nicht anders. An die 13 Tore aus sechs WM-Partien des Franzosen Just Fontaine (1958) oder die elf Treffer aus fünf Begegnungen des Ungarn Sándor Kocsis (1954) kommt schon lange niemand mehr heran. Der Trefferdurchschnitt sank von etwa 4,4 Toren pro Spiel im Mittel der ersten fünf Weltmeisterschaften auf 2,5 bei den zurückliegenden fünf Turnieren. Das sind immerhin zwei Treffer weniger pro Partie (siehe Grafik). Wie ist das zu erklären?

Systematische Spielbeobachtungen wie bei der WM 1998 in Frankreich geben Marías in einem weiteren Punkt Recht: Die Defensivtaktik war bei allen Mannschaften der wichtigste Bestandteil des Spiels. Der Spielaufbau der gegnerischen Mannschaften wird durch aggressives Pressing und Forechecking gestört. Insbesondere die damaligen Achtelfinalisten hätten sich dadurch ausgezeichnet, dass sie ihre Mittelfeldspieler und Stürmer zur Verteidigung zurückkommen ließen, resümierte etwa der ägyptische Sportwissenschaftler Ali Hussein Abdelrahman. Eine Spielweise, die viel Kraft kostet und eine hohe körperliche Leistungsfähigkeit der Spieler voraussetzt. „Das Vorherrschen dieser Spieltaktik erklärt auch die geringere Anzahl der Tore, die im Wettkampf erzielt wurden.“

Auch Änderungen wie die Dreipunkteregel haben den Fußball nicht offensiver gemacht. Die Mannschaften spielen getreu der alten Fußballweisheit: „Der Sturm gewinnt Spiele, die Abwehr gewinnt Meisterschaften.“

Aber wie ist es mit Marías’ Schlussfolgerung, die Fußballspieler von damals seien besser gewesen als die Kicker von heute?

Es gibt Sportarten, in denen sich die höhere Leistungsfähigkeit des Einzelnen direkt am Ergebnis ablesen lässt: Beim Hochsprung liegt oder fällt die Latte, beim Kugelstoßen wird mit dem Band Maß genommen, am Ende der 1500-Meter-Laufstrecke steht jemand mit der Stoppuhr und registriert die Zeit.

Britische Wissenschaftler haben kürzlich die Rekorde in den verschiedenen Laufdisziplinen seit 1910 analysiert. In den Jahrzehnten des Amateursports verbesserten sich die Laufzeiten demzufolge nur langsam. Erst die zunehmende Professionalisierung Mitte des 20. Jahrhunderts ließ die Weltrekorde in immer kürzeren Abständen purzeln.

Seit den 80er Jahren aber sind neue Bestmarken wieder seltener geworden. Im 1500-Meter-Lauf der Frauen etwa habe es bis dato nur einen neuen Weltrekord gegeben, stellten Alan Nevill von der Wolverhampton Universität in Walsall und seine Kollegen fest. Sie schätzen, dass spätestens Mitte dieses Jahrhunderts eine Leistungsgrenze im Laufsport erreicht wird.

Man mag über die Schlussfolgerung streiten, aber derartige Analysen werfen ein Licht auf die allgemeine Leistungsentwicklung im Sport. Auch Fußballspieler sind heute keinesfalls schlechter als ihre Vorläufer. Im Gegenteil. Sie leisten erheblich mehr.

Das Match ist viel schneller geworden, die Profis legen während des Spiels zwei- bis dreimal längere Strecken zurück als ihre Vorläufer in den 60ern. Sie machen die Räume eng und nehmen dem Spielmacher von einst den Platz.

Der athletische Fußballspieler von heute trainiert härter und ernährt sich nach strengen Plänen. Er ist technisch so versiert, dass er den Ball länger in den eigenen Reihen halten kann, ist variabler einsetzbar, holt raffinierter Freistöße heraus. Gerade bei solchen Freistößen ist die Erwartungshaltung durch die ausgefeilte Schusstechnik mancher Spieler enorm gestiegen.

Trotz der ganzen Rennerei und technischen Raffinesse kommen am Ende jedoch nicht mehr Tore heraus. Es fallen sogar weniger Treffer als früher.

Beim Fußball bemisst sich die Leistung jedoch nicht an irgendeiner Rekordmarke. Erfolge gibt es nur relativ zu anderen Teams oder Spielern, denn wir haben es hier mit einer Mannschaftssportart zu tun. Wenn zum Beispiel ein Torjäger heute weniger Tore erzielt als früher, könnte das sowohl bedeuten, dass der Stürmer und seine offensiven Teamkollegen schlechter oder dass die Defensivabteilungen der gegnerischen Mannschaften besser geworden sind.

In seinem Buch „Illusion Fortschritt“ nahm der Evolutionsbiologe und Baseballfan Stephan Jay Gould die Entwicklung im Baseball unter die Lupe. In dieser Mannschaftssportart erreichten zwischen 1900 und 1930 sieben Spieler den magischen Trefferdurchschnitt von 0,4, also vier regelgerechten Schlägen auf zehn Versuche. Heute sei dagegen schon der deutlich niedrigere Schnitt von 0,3 Spitze. Über die 0,4-Marke sei seit 1941 niemand mehr hinausgekommen, schreibt Gould. Dann führt der Wissenschaftler auf mehr als 160 Seiten aus, warum der maximale Trefferdurchschnitt sinken muss, wenn das Spiel insgesamt besser wird.

Zentraler Punkt bei Gould ist die Feststellung, dass der Unterschied zwischen durchschnittlichen Spielern und Spitzenspielern in der amerikanischen Topliga geringer geworden ist, während sich der Baseballsport professionalisiert hat. Kurz gesagt: Für schlechtere Spieler ist in guten Teams immer weniger Platz, und auf der anderen Seite stoßen die besten Spieler bereits an die Grenzen der Leistungsfähigkeit.

Dies führe zu einer insgesamt geringeren Variationsbreite. Wenn aber der Abstand zwischen den besten und schlechtesten Spielern und auch Mannschaften im Laufe der Zeit abnimmt, werde ein Trefferdurchschnitt, der weit über dem statistischen Mittelwert liegt, immer unwahrscheinlicher.

Gould versucht, die scheinbar paradoxe Situation, dass die besten Spieler im Baseball heute einen geringeren Trefferdurchschnitt erzielen als früher, mit Hilfe statistischer Methoden aufzulösen. Kann es sein, dass die im Laufe der Zeit geringere Torausbeute im Fußball ähnliche Gründe hat?

Die Spielregeln im Fußball haben sich zwar nicht erheblich, aber stärker gewandelt als im Baseball, die Rahmenbedingungen auch. Er hat sich zum globalen Sport entwickelt. Schon im Vorfeld des Weltcups nahmen diesmal mit 195 Mannschaften doppelt so viele Teams an den Qualifikationsrunden teil wie noch im Jahr 1974, in der Endrunde sind es nun 32 statt damals 16 Mannschaften.

Diese Internationalisierung führt auf Vereinsebene zu Tendenzen, die einer Nivellierung entgegenwirken. Insbesondere seit dem Bosman-Urteil haben finanzstarke Clubs – im Gegensatz zu Nationalmannschaften – die Möglichkeit, sich auf dem internationalen Markt die besten Spieler zusammenzusuchen. Wie erfolgreich sie damit sind, zeigt etwa die Prognose für die Top five der Bundesliga-Saison 2005/06, die auf Basis der Gehaltssummen der Vereine erstellt wurde: Sie weicht kaum vom tatsächlichen Ausgang der Meisterschaft ab.

„Die Spitzenspieler orientieren sich an den Fleischtöpfen“, sagt Martin-Peter Büch, ehemaliger Direktor des Bundesinstituts für Sportwissenschaften in Bonn. So hätten bei der WM 2002 viele Mannschaften teilgenommen, deren Profis in der Mehrzahl im Ausland spielten. Darunter waren so unterschiedliche Teams wie Senegal, Dänemark, Argentinien, Slowenien, Kamerun oder Frankreich.

Auch die Spieltaktik ist zur Handelsware geworden. Immer mehr in Europa geschulte Trainer arbeiten als Coaches im Ausland. Teams, denen man früher das Attribut „Ballzauberer“ zuschrieb, agieren heute erfolgsorientierter.

Die Leistungsunterschiede zwischen den Nationalmannschaften sind kleiner, ihre Spielweisen einander ähnlicher geworden. Die Außenseiter von einst haben viel dazugelernt. Konditionell und taktisch sind die Spieler so gut aufgestellt, dass sie auch gegen Ende einer Partie weniger Fehler machen, die zu Gegentoren führen. Und obwohl von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr und damit auch vermeintlich schwächere Teams an den Weltmeisterschaften teilnehmen durften, fallen heute weniger Treffer als früher.

Man muss das nicht bedauern. Fußballspiele mit weniger Toren sind oft spannender (siehe Kasten). Je weniger Treffer in einer Partie fallen, umso eher kann auch das als schwächer eingestufte Team gewinnen. Die Favoriten könnten in dieser Hinsicht beim Weltcup 2006 ähnliche Überraschungen erleben wie vor vier Jahren, als neben dem amtierenden Weltmeister Frankreich auch Argentinien bereits in der Vorrunde ausschied, während die Mannschaften aus Südkorea und aus der Türkei bis ins Halbfinale vordrangen.

Und vielleicht geht ja bei dieser Weltmeisterschaft doch auch mal wieder einer der Torjäger – sämtlichen Statistiken zum Trotz – mit einer zweistelligen Trefferzahl in die Fußball-Annalen ein. Schon die acht Treffer des Brasilianers Ronaldo beim Weltcup 2002 waren für die jüngste WM-Geschichte überdurchschnittlich viele.

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