Gesundheit : Mit Soap Operas Englisch lernen

Uwe Schlicht

Englisch ist Weltsprache. Keine internationale Verständigung in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur geht ohne Englisch. Wer heute und künftig mitreden will, muss diese Sprache beherrschen. Sprachbeherrschung, was ist das? Nicht nur Grammatikkenntnis, nicht nur Übersetzungstechnik, sondern die Fähigkeit, Englisch zu jeder Gelegenheit spontan auch zu sprechen. Lernen das unsere Schüler? Die Antwort lautet Nein. Die Erfolge im Englischunterricht an deutschen Schulen sind nur mäßig. Bereits vor der anstehenden Veröffentlichung von empirischen Untersuchungen in diesem Jahr rechnen die Experten mit ähnlich negativen Ergebnissen wie bei dem Pisatest.

Die internationalen Tests in Mathematik und Naturwissenschaften (TIMSS) oder jetzt im Leseverständnis (Pisa) haben es an den Tag gebracht: Andere Länder, die nicht einen so hohen Bildungsanspruch wie das Volk der Dichter und Denker haben, machen es inzwischen den Deutschen vor. In Mathematik und Naturwissenschaften erreichen sie ein besseres Methodenverständnis und in der Muttersprache eine höhere Lesekompetenz als die Deutschen. Seit die ersten Ergebnisse der OECD-Schultests im Jahre 1997 bekannt wurden, sind die Bildungspolitiker tief erschüttert worden. Jetzt macht sich die Kultusministerkonferenz Gedanken über ein Kerncurriculum - ein Unterrichtsprogramm, das vielleicht eines Tages in einem neuen Kanon von Aufgaben münden kann. Wie das künftige Kerncurriculum in Englisch, Deutsch und Mathematik in der Oberstufe ausssehen könnte, haben jetzt Experten im Auftrag der KMK zu Papier gebracht. Der Berliner Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth von der Humboldt-Universität hat die Expertenstimmen gesammelt. Die bisherige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Annette Schavan, schreibt zu den Ergebnissen: "Diese Diskussion ist zentral für die Qualitätssicherung und -entwicklung des Schulwesens."

Schrei nach Veränderungen

Im Englischunterricht "befinden wir uns in einer Situation, die geradezu nach strukturellen Veränderungen schreit", findet Konrad Schröder, Didaktiker aus Augsburg. Schröder nennt gleich mehrere Punkte, auf die reagiert werden müsse. Unter der Voraussetzung, dass künftig Englisch von der ersten Klasse 12 oder 13 Jahre bis zum Abitur angeboten wird, steht der Unterricht vor neuen Herausforderungen. Schon heute sei unter Schülern die Meinung verbreitet, dass sie eigentlich nur bis zur 10. Klasse noch Neues in Englisch lernen, aber in der danach folgenden Oberstufe nicht mehr.

Da nach wie vor die meisten Lehrer die englischsprachigen Länder nur aus gelegentlichen Reisen kennen, ist es für Schröder kein Wunder, dass die Anglistikstudenten nicht entsprechend modern ausgebildet werden. "Auch der Anglistikstudent des Jahres 2000 studiert sein Fach ohne kulturelle Mitte, als ein Konglomerat aus Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft, Sprachpraxis mit angeklebter Fachdidaktik als Trockenschwimmkurs."

Entsprechend scharf fällt Schröders Kritik an der Oberstufe aus. Die Lehrer hätten nie eine wirklich stimmige Konzeption für die Grundkurse in Englisch entwickelt. Da es ohnehin Ziel der Oberstufenreform von 1972 gewesen sei, den Unterricht stärker auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen, hätten die Lehrer die Leistungskurse als vorweggenommene Proseminare an der Universität gestalten können. Aber die Grundkurse hätten darunter gelitten, dass sie bestenfalls als verdünnte Leistungskurse konzipiert wurden.

Besonders scharf geht Schröder mit der Auswahl des Lehrstoffes ins Gericht. Literatur und Texte stünden im Mittelpunkt eines sich über Jahre hinziehenden Unterrichts. Landeskundliche Kenntnisse dagegen kommen zu kurz. "Es fehlt - wie ich aus jahrzehntelanger leidvoller Erfahrung mit Studienanfängern nicht nur in Augsburg weiß - jedes landeskundliche Überblickwissen, es fehlen die einfachsten historischen Kenntnisse, es fehlen die geografischen Grundkenntnisse, es fehlt jenseits elementarster Formen jede Fähigkeit zum Umgang mit Alltagskultur."

Was sollte geschehen? Die Schüler sollten nicht nur auf das "Herunterspulen von Texten" und auf das Lernen für die nächste Klassenarbeit trainiert werden. Vielmehr sollte ihre Motivation durch andere Lerninhalte zunehmen. Als neue Bausteine für ein Kerncurriculum empfiehlt Schröder: das Üben anspruchsvoller Korrespondenzen auch über E-Mails, Verhandeln und Überzeugen in englischer Sprache, kreatives Schreiben unter besonderer Berücksichtigung der emotionalen Sprache. In der Landeskunde verlangt er ein exaktes historisches Überblickswissen über Großbritannien und die USA, dazu die Kenntnis grundlegender Institutionen in beiden Ländern.

Im Unterricht sollte auch die Wandlung des Englischen in den ehemaligen Kolonialländern behandelt werden, weil es heute nicht nur ein Englisch gibt, das auf der Welt gesprochen wird. Es geht dem Didaktiker nicht nur um die Hochsprache, das Oxford-Englisch. Die Kenntnis der britischen sowie der amerikanischen Alltagssprache müsse auch in den Schulen Einzug halten. Die Literatur darf trotz aller Kritik am bisherigen Textunterricht nicht zu kurz kommen. Denn sie bildet die Basis für ein gutes Überblickswissen. Aber der Literaturbegriff soll auf Soap Operas als angelsächsisches Phänomen, auf spezifische Formen der Lyrik und der Kurzgeschichten erweitert werden. Für Amerika kommt man um das Phänomen Hollywood nicht herum, dasselbe gilt für das neue Londoner Theaterleben.

Der Berliner Didaktikprofessor Wolfgang Zydatis von der FU kommt zu ähnlichen Vorschlägen. Es müsse einen Konsens geben, dass der Englischunterricht nach einigen Lernjahren nicht mehr so weitergeführt werden dürfe wie bisher. Zydatis fragt ganz simpel: Wie geht eigentlich die Mehrzahl der Oberschüler nach dem Abi weiter mit dem Englischen um? Nur eine Minderheit werde sich weiter mit der Sprache im Sinne philologischer Methoden beschäftigen. Die Mehrheit dagegen brauche Englisch für Gespräche - die Gesprächskultur müsse daher ganz anders als bisher im Schulunterricht erprobt werden.

In diesem Sinne fordert er Themen, die das Interesse der Schüler besonders wecken könnten: Auseinandersetzungen mit Schlüsselerfahrungen wie Krankheit, Tod, Heranwachsen und Partnersuche in englischer Sprache. Realistische Situationen sollten in Englisch erörtert werden: dazu gehören Themen wie Gewalt, Kriminalität, Rassismus, wissenschaftliche Forschungen, Umweltfragen. Weitere Themen, die Jugendliche besonders interessieren wie Studiengebühren, Militäreinsatz, Interpretieren von Grafiken, Tabellen und Umfragen sind in der Fremdsprache zu trainieren. Natürlich dürfen Humor, Sprachwitz, Ironie, Smalltalk nicht zu kurz kommen.

Trotz einer solchen thematischen Erweiterung können die Stunden für den Englischunterricht nicht beliebig vermehrt werden. Deswegen schlägt der Kieler Englischexperte Hennig Wode einen international erprobten Weg vor, um mehr Raum für den Englischunterricht, zugleich auch für die zweite und dritte Fremdsprache zu schaffen. Hennig Wode geht wie alle anderen Sprachexperten davon aus, dass fünf bis sechs Jahre für das Trainieren einer Sprache bis zur Sprechfähigkeit unbedingt nötig sind. Wenn man mit Englisch bereits im Kindergarten oder der Vorschule beginnt und systematisch in der Schule daran anknüpft, dann sollte alsbald auch der Sachunterricht in anderen Fächern in englischer Sprache erteilt werden - zum Beispiel in Geschichte, Biologie, Erdkunde oder einer weiteren Naturwissenschaft. Der Sachunterricht leide dadurch nicht, zugleich lernten die Schüler das Englische nicht nur als Fremdsprache, sondern in den Bereichen, in denen sie der Sprache später im Berufsleben ohnehin begegnen.

Vorverlegter Fremdsprachenbeginn

Wenn der Frühstart in Englisch so gestaltet wird, dann kann der Beginn der zweiten Fremdsprache von der siebten auf die fünfte Klasse und der Start der dritten Fremdsprache auf die siebte Klasse vorverlegt werden. So wird der nötige Spielraum für eine Vielsprachigkeit bis zum Abitur gewonnen.

Als Sprachkombinationen empfiehlt Wode außer dem Beherrschen einer Weltsprache wie Englisch, Spanisch, Arabisch oder Mandarinchinesisch bei der Wahl der Zweit- und Drittsprache interessante Kombinationen: zum Beispiel Portugiesisch, Schwedisch, Tschechisch, Russisch, Französisch oder Polnisch und als Drittsprache Minderheitensprachen, wie sie in Grenzregionen gesprochen werden: Kroatisch, Dänisch.

Insofern ist das Kerncurriculum der Oberstufe auf die Vorbereitung in der Grundschule und der Sekundarstufe I angewiesen. Die Reformer sehen eine Kette von Veränderungen. Es gibt noch viel zu tun.

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