Gesundheit : Mit wenig Geld nach oben

Wie Deutschlands Universitäten den Braindrain stoppen könnten Von Y. Michael Bodemann

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Unlängst war zu hören, auch der letzte Kandidat einer Berufungsliste an der Universität Konstanz habe abgesagt. Die Begründung: Er wolle sich Vorlesungen mit 700 Studenten, neun Wochenstunden Lehre und extensive Gremienarbeit nicht antun. Für deutsche Universitäten ist das nichts Ungewöhnliches. Die gewissenlose Unterfinanzierung ist daran schuld.

Aber nicht allein. Ein gravierendes Problem liegt in der Organisation des Universitätsbetriebes selbst. Nicht alles, aber vieles könnte mit nur geringen finanziellen Mitteln verändert werden. Das Beispiel des Bewerbers bei den Konstanzer Linguisten zeigt es: Das Pensum an Wochenstunden in Deutschland ist extrem hoch und das Doppelte dessen, was andernorts üblich ist. Der Standard in Nordamerika, etwa auch bei uns an der Universität Toronto, sind vier oder fünf Wochenstunden, also die Hälfte des Pensums in Deutschland. Die hohe Zahl der Wochenstunden in Deutschland kann aber nun nicht mit den knappen Kassen erklärt werden, denn sie existiert seit Jahren, auch schon, als die Finanzen noch eher üppig waren.

Zusätzlich zu seiner traditionell großen Lehrverpflichtung verbringt der deutsche Professor viel Zeit in mündlichen Prüfungen. Andernorts wird erst mit den Zulassungsprüfungen zur Promotion mündlich geprüft, und dies beschränkt sich außerdem auf eine kleine Gruppe von Studierenden. Kollegen in Deutschland berichten mir, dass sie mindestens zehn Tage pro Semester ausschließlich in mündlichen Prüfungen sitzen.

Hinzu kommt noch die oftmals absurd hohe Anzahl an Promovenden. Dreißig Promotionen pro Jahr für einzelne Professoren sind offenbar keine Ausnahme. Es ist selbstverständlich ausgeschlossen, diese Masse adäquat zu betreuen. Das zeigt sich dann an den Diplomarbeiten und Dissertationen selbst, die oftmals rein handwerklich völlig inakzeptabel sind.

Weshalb aber wird diese große Zahl von Studierenden zur Promotion überhaupt zugelassen, warum wird nicht sorgfältiger ausgewählt, warum muss diese große undifferenzierte Masse die Hauptseminare verstopfen?

Weitaus gravierender freilich ist die zeitraubende Arbeit mit Verwaltung und Gremien, mit der sich viele Kollegen in Deutschland herumschlagen müssen. Es ist nicht einzusehen, weshalb vieles an dieser Arbeit nicht an dafür qualifizierteres Verwaltungspersonal übertragen werden könnte. Es ist absurd, wenn die im internationalen Vergleich finanziell hochdotierten deutschen Hochschullehrer einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit Verwaltung ausfüllen – was dann auch noch fast zwingend nach Art von Duodezfürsten zu Grabenkämpfen zwischen Kollegen führt und die Arbeitsatmosphäre vergiftet. Die klassischen Aufgaben von Universitäten sind nun einmal Lehre und Forschung. Ich habe oft bei hiesigen jüngeren Kollegen beobachtet, dass vor ihrem ersten Ruf die wissenschaftliche Produktivität recht hoch – und hochwertig – ist, aber dann mit Antritt der Professur drastisch absackt. Es geht also bei alledem um strukturelle Reformen, die auch ohne großen finanziellen Aufwand verwirklicht werden könnten.

Aber kehren wir nochmals zu unserem Konstanzer Linguisten zurück: „Vorlesungen mit bis zu 700 Studenten.“ Die Frage stellt sich, könnte der große Andrang zu Vorlesungen und Seminaren nicht auch reduziert werden? Aus meiner eigenen Erfahrung mit Gastprofessuren an deutschen Universitäten habe ich den Eindruck gewonnen, viele Studierende belegten weit mehr Vorlesungen und Seminare, als sie vom Stoff her bewältigen können. Was aber nützt es, wenn sie als Hörer meine Seminare besuchen, aber weder die Hausarbeit schreiben noch sich das Lesematerial auch nur ansehen? Völlig unvorbereitet drängen sie sich dann noch mit Gemeinplätzen in die Diskussion. Es wirkt demotivierend auf engagierte Teilnehmer, wenn die andere Hälfte ohne echtes Interesse in den Seminaren sitzt.

Nicht der Besuch der Universität pauschal, sondern der Besuch der einzelnen Vorlesungen und Seminare sollte zahlungspflichtig sein. Gleichzeitig sollten ein adäquater Service und persönliche Beratung ohne stundenlanges Warten für Studierende einklagbar sein.

Wie viele andere Wissenschaftler vor ihm bleibt also nun auch unser prospektiver Konstanzer Linguist im Ausland. Denn sieht man von den geschilderten Standortnachteilen Deutschlands ab, gibt die intellektuelle Atmosphäre der auswärtigen Hochschulen den letzten Ausschlag. Die deutschen Universitäten sind noch immer männlich dominiert und können ihren Lehrkörper nur mit einem winzigen Anteil ausländischer Hochschullehrer bereichern – kurz: Sie sind monoton und provinziell. So folgen dem ins Ausland abgewanderten Wissenschaftler die Studenten, die entweder begabt genug sind oder es sich finanziell leisten können. Und die erträumte deutsche Eliteuniversität findet schon längst im Ausland statt.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Toronto.

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