Gesundheit : Mit „Wucht“ gegen Ausgrenzung Forschungsorganisationen wollen mehr Frauen

Anja Kühne

Sind es tatsächlich „viele kleine Steinchen“, über die Frauen auf dem Weg zur Professur immer wieder stolpern? Für Peter Strohschneider sind solche Beschreibungen der Lage, wie sie am Mittwoch auf dem großen Kongress „Gender in der Forschung“ in Berlin zu hören waren, nur „Verniedlichungen“. „Es geht um Exklusionsmechanismen, die eine Funktion haben, es geht um Macht im System“, stellte der Vorsitzende des Wissenschaftsrats unter dem Applaus der Zuhörerinnen klar. Und diese Ausgrenzungsmechanismen würden immer subtiler. Denn die männliche Wissenschaft sehe sich inzwischen zunehmend einer professionellen Gleichstellungspolitik gegenüber, die sie sich raffiniert zu umschiffen bemühe. Deshalb müsse endlich „mit Wucht“ gehandelt werden: „Man weiß doch, was zu tun ist!“, rief Strohschneider.

Auf dem vom Bundesforschungsministerium geförderten und vom Thinktank „Center of Excellence Women and Science (cews)“ organisierten Kongress trafen sich zwei Tage lang mehrere hundert Fachleute – die meisten davon Frauen – um über Geschlechterfragen in der Forschung zu beraten. Anlass war das Europäische Jahr der Chancengleichheit und die deutsche EU-Ratspräsidentschaft.

Auch Ernst Theodor Rietschel, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, zeigte sich tatendurstig. Zwar setzten die Männer die von Strohschneider beschriebenen Ausgrenzungsmechanismen „nicht mit Absicht“ in Gang, es handle sich um „unbewusste Prozesse“. Doch reiche es nicht länger, „freundlich miteinander umzugehen.“ „Harte Maßnahmen“ müssten ergriffen werden, um endlich zu Chancengleichheit zu kommen.

Das wichtigste Instrument sei dabei eine Quotierung. Denkbar sei aber auch, Cluster-Anträge von Unis im Exzellenzwettbewerb nur dann zu akzeptieren, wenn eine bestimmte Zahl von Professorinnen an ihnen beteiligt sei. Auch könnte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) verlangen, dass eine bestimmte Anzahl von Projekten innerhalb der Sonderforschungsbereiche von Professorinnen geleitetet werden müsse: „Dann würden sich die Unis anstrengen, Frauen zu berufen, um solche Anträge stellen zu können.“ Die Leibniz-Gemeinschaft werde den Anteil von Frauen in Leitungspositionen in fünf bis zehn Jahren verdoppeln. Rietschel appellierte an Bundesforschungsministerin Annette Schavan, konkrete Zielvorgaben für die Forschungsorganisationen zu machen.

Schavan hatte in ihrem Eingangsstatement festgestellt, sie setze „auf Einsicht vor Ort“. Frauen wollten nicht „Quotenfiguren“ sein, sondern „in ihrer Exzellenz wahrgenommen werden“. Schavan schlug den Ländern vor, gemeinsam 200 Professuren für Frauen über fünf Jahre mit insgesamt 30 Millionen Euro zu finanzieren. Außerdem plädierte sie dafür, Genderaspekte auch inhaltlich stärker in die Forschung zu verankern. Nur so würden Innovationen entstehen. Bei der Erschließung neuer Märkte sei die Genderperspektive genauso bedeutend wie in der Bildungsforschung oder in der Medizin. Der Mentalitätswandel habe aber erst begonnen. Um die Genderforschung anzuschieben, kann sich DFG-Präsident Matthias Kleiner vorstellen, ein Schwerpunktprogramm in diesem Bereich aufzulegen. Er forderte die Wissenschaft auf, Druck durch eine Fülle guter Anträge zu erzeugen.

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