Gesundheit : Mitten im Tornado

Hart, aber unausweichlich: Wie die Wissenschaft im Ostblock nach 1989 „transformiert“ wurde

Jens Reich

Der politische Tornado, der um 1990 den Ostblock hinwegfegte, war auch für die Wissenschaft ein epochales Ereignis. Er hat ganze Disziplinen abgeschafft, in anderen das Personal ausgewechselt, in wieder anderen einen ökonomischen Kollaps gebracht. Hunderttausende von Akademikern wurden in andere Berufe, in den Vorruhestand oder in Doppelexistenzen mit berufsfremder Nebentätigkeit gezwungen. Zahlreiche Jüngere verließen ihre Wirkungsorte, gingen in andere Länder und schlugen sich mühsam durch. Einige erlebten einen beruflichen Aufstieg, den sie vorher nie erreicht hätten. Wir haben jetzt genügend Abstand, um ein Fazit zu ziehen. Aber wir haben nicht den gemeinsamen Blickpunkt, um zum gleichen Fazit zu kommen. Was für den einen das Ende seines Lebenswerkes gewesen sein mag, war für den anderen das Ende der Bedrückung und der existentiellen Melancholie der „Mauerjahre“.

Die Wissenschaft des Ostblocks war ein weitgehend gegen Globalisierung abgeschottetes System. Alle Geisteswissenschaften standen unter der Vorgabe des Dialektischen und Historischen Materialismus als geistige Grundlage aller sozialistischen Wissenschaft. Die Gesellschaftswissenschaften, Jurisprudenz, Soziologie, Politische Ökonomie des Kapitalismus, Wissenschaftlicher Sozialismus definierten nicht nur wie üblich ihren Gegenstand sachorientiert, sondern auch ihre Konzepte streng ideologisch.

Auch die Naturwissenschaften wurden unter Stalin zunächst ideologisch vereinnahmt. Kybernetik, Genetik, Relativitätstheorie und Quantentheorie galten zuerst als kapitalistische Betrugsversuche, bevor man sie notgedrungen anerkennen musste. Später wurden ihre Inhalte unabhängig von den ideologischen Vorgaben anerkannt; gleichwohl waren die Akademiker dieser Berufe (die „naturwissenschaftlich-technische Intelligenz“) zu ideologischen Studien und politischen Bekenntnissen verpflichtet, wenn sie es zu etwas bringen wollten. Der globale Wissensaustausch in allen diesen Disziplinen war zwar nicht völlig unterbrochen, aber sehr stark eingeschränkt, und wer daran teilnehmen wollte, war gezwungen, sich politisch und weltanschaulich weitgehend eindeutig zu bekennen, um „Reisekader“ werden zu können.

Die Qualität solcher Wissenschaft, wenn sie von internationaler Konkurrenz ausgeschlossen und von fachfremden Lippenbekenntnissen abhängig war, hat zweifellos gelitten. Sowohl in den humanitären wie in den Naturwissenschaften erklang unisono die Klage, dass die falschen Leute vorwärts kamen und dass der fehlende internationale Austausch der Provinzialisierung Vorschub leistete. Das soll keineswegs heißen, dass alle Wissenschaft im Ostblock schlecht war. Es gab gelegentlich erstklassige Ergebnisse, und außerdem ließ das System Nischen zu, in denen ohne den enormen Konkurrenzdruck und den kurzfristigen Erfolgszwang, der es im Westen Nischenfächern und abseitigen Konzepten oft so schwer macht, langdauernde Projekte bearbeitet werden konnten. Das galt natürlich besonders für Forschungen, die vom technologischen Stand nicht so stark abhängen. So hat es in den Ostblockländern erstklassige Mathematikschulen gegeben, und speziell die theoretische Physik der Sowjetunion gehörte zur Weltspitze. Die Versuche der Sowjetunion, die sprachlich so verschiedenen Völker zu integrieren, haben Linguisten ein fruchtbares Arbeiten ermöglicht.

Aber solche Nischenvorteile galten für die Masse nicht. Die meisten Forschungsvorhaben waren durch Ressourcenmangel aller Art behindert. Speziell die sowjetische Gesellschaft war durch ihr Privilegiensystem entscheidend behindert, das neben einem militärisch-industriellen Komplex auch eine daran angeschlossene, isolierte Wissenschaft hervorbrachte (etwa die sowjetische Kernphysik), deren Ressourcen parasitär von der übrigen Gesellschaft abgesaugt wurden. Das System der Akademie der Wissenschaften ermöglichte zwar in allen sozialistischen Ländern auf manchen Gebieten hochklassige außeruniversitäre Institute, aber viele Universitäten und Fachrichtungen verkümmerten erbärmlich.

Für die einsetzende Transformation in den 90er Jahren kam als weiterer Nachteil hinzu, dass die Themenstellungen oft ganz anders waren als im Westen und deshalb bei der „Evaluation“ durch westliche Kollegen uninteressant. Die wissenschaftliche Community blieb international weitgehend unbekannt und abgeschottet. Sie hatte erst spät oder gar nicht auf die englische Universalsprache umgeschaltet, so dass die Wissenschaftler unterrepräsentiert waren.

Besonders dramatisch in der Sowjetunion, aber auch aus allen anderen Ostblockländern einschließlich der DDR setzte nach 1990 eine Abwicklungs- und Schließungswelle ein, begleitet von Emigration der begabtesten, besonders der jüngeren Kräfte. So wurde wertvolles „Humankapital“ vernichtet oder ins Ausland gedrängt. Speziell den USA und England, aber auch anderen westlichen Ländern ist diese „brain injection“ sehr gut bekommen und hat einen Zufluss an billigen Wissenschaftlern gebracht.

Für Russland und die anderen Nachfolger der Sowjetunion sind Verdrängung und Exodus geistigen Potentials und extreme Ressourcenverarmung der Wissenschaft ein schwerer Rückschlag gewesen, vergleichbar der Emigrationswelle Anfang der 20er Jahre. Auch die übrigen Ostblockländer sind stark „ausgeblutet“ und beginnen erst jetzt, wieder Fahrt aufzunehmen. Und wie steht es mit Ostdeutschland?

Man muss wohl sein Leben im Inneren dieses Wissenschaftssystems verbracht haben, um ein einfühlsames Urteil fällen und gleichzeitig die zwiespältige Schlussfolgerung vertreten zu können, dass der Abbruch unausweichlich, aber dabei auch ungerecht war. Unausweichlich erschien alles von einem gewissermaßen neutralen Beobachtungsposten aus, nämlich aus der Einsicht, dass einzelne Berufssparten kaum ungeschoren davon- kommen können, wenn ganze Staaten und politische Systeme zusammenbrechen. Ungerecht jedoch erschien es, wenn man dann näher hinsah. Da wurden Zehntausende von Forscherkarrieren der DDR abgebrochen, abgewickelt, im Vorruhestand beendet und in Neuanfänge im Lande und nach draußen genötigt. Wo das auf Qualitätsurteilen und nicht auf politischen Einschätzungen beruhte, konnte man oft genug sehen, dass ein Ostforscher nach Westkriterien und ohne Westverbindungen eben auch objektiv deutlich geringere Chancen hatte, gleichgültig, ob man das nun resignierend hinnahm oder dagegen protestierte. Bei der juristischen Beurteilung von DDR-Straftätern jedenfalls wurde verständnisvoll nach DDR-Gesetzen geurteilt, während die Akademiker nach harten westlichen Kriterien evaluiert wurden, denen sie vorab nur in Grenzen gewachsen sein konnten.

Wo strukturelle Urteile ins Spiel kamen, muss man schon darauf verweisen, dass mit gezinkten Karten gespielt wurde. Dass die staatlich installierte Wissenschaftslandschaft der DDR wegen ihrer Anlehnung an sowjetische (bei der Akademie der Wissenschaften sogar altrussische) Formen überbürokratisch und strukturell total passunfähig wäre, kann ich jetzt, nach fünfzehn Jahren, in Kenntnis von all den Max-Planck-, Helmholtz-, Leibniz-, Fraunhofer-, DFG- und BMBF-Strukturen und Förderlandschaften, bei aller Zurückhaltung im Einzelurteil, nicht als ein faires Urteil anerkennen, das die betriebsbedingte Kündigung ausgerechnet der Grundlagenwissenschaft der DDR im Einigungsvertrag begründet hätte.

Ähnlich kritisch ist auch mein Urteil über die angeblich überlegenen Organisationsstrukturen und die Effektivität der Medizin. Wir trauern alle, West wie Ost, noch heute dem Nationalen Krebsregister der DDR nach, das ersatzlos abgewickelt und nicht sinnvoll weiterentwickelt wurde. Und die geschmähten Polikliniken kehren jetzt in Gestalt von Ärztehäusern republikweit wieder.

Nun muss aber auch gesagt werden, dass Ostdeutschland großzügig kompensiert wurde. Nach einigem Zögern wurde eine Reihe von erstklassigen Forschungsinstituten eingerichtet und neu ausgestattet. Es wurden mehrere große Langzeitvorhaben der DDR weitergeführt. Viele Universitäten wurden mit Ressourcen versehen, von der sie zu DDR-Zeiten nur träumen konnten. Die oben genannten Gemeinschaften der Wissenschaftsallianz haben eine stattliche Reihe von Instituten gegründet oder aufgefangen. Ostdeutsche Teams wurden an allen größeren Förderprogrammen beteiligt.

Junge Leute können das Land verlassen und wieder zurückkehren, wenn sie interessiert und flexibel genug sind. Ostdeutschland hat mit gesamtdeutscher Hilfe die Krise auf dem Gebiet der Grundlagenwissenschaften überwunden. Und es ist nicht Politnostalgie und Anklage, sondern die „Suche nach der verlorenen Zeit“ des eigenen Lebens, die mich melancholisch werden lässt, wenn ich an die DDR-Zeit und ihre Einbindung in die Wissenschaft des Ostblocks zurückdenke. Wir hatten viele Freunde und schöne gemeinsame Erlebnisse – aber das alles hat der Wind der Veränderung verweht.

Der Autor arbeitet am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch. 1989 gehörte er zu den Mitbegründern der DDR-Oppositionsgruppe Neues Forum, 1994 kandidierte er zur Wahl des Bundespräsidenten.

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