Gesundheit : Mobilität: Kilometer zur Karriere

Carsten Germis

Flexibel, leistungsstark und mobil: So soll er sein, der moderne Mensch. Am stärksten wird schrankenlose Mobilität im Berufsleben verlangt. Mindestens jeder sechste Berufstätige zwischen 25 und 55 Jahren, der in einer Familie oder einer festen Partnerschaft lebt, ist heute in Deutschland bereits mobil. Das heißt, er führt eine Wochenendehe, er pendelt jeden Tag mindestens eine Stunde mit Bahn vom Wohnort zur Arbeit, er wechselt den Wohnort oder er lebt ganz vom Partner getrennt. Insgesamt dürfte fast jeder vierte Erwerbstätige betroffen sein.

"Wer im Beruf weiterkommen will, der muss mobil sein", meinte Familienministerin Christine Bergmann (SPD), als sie am Dienstag in Berlin die erste wissenschaftliche Studie über "Berufsmobilität und Lebensform" vorstellte. Die Frage, die Wissenschaftler der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität und der Universität Bamberg zu beantworten hatten, lautete: "Sind berufliche Mobilitätserfordernisse in Zeiten der Globalisierung noch mit Familie vereinbar?"

Das Ergebnis von 1000 Interviews überrascht nicht. "Oftmals lassen sich die beruflichen Erfordernisse des Pendelns, Reisens und Umziehens nur schwer mit Familie und Partnerschaft vereinbaren", berichtete Bergmann. 42 Prozent der Männer und 69 Prozent der Frauen klagten, dass Mobilität die Gründung einer Familie hemmt. Mobile Menschen bleiben häufiger kinderlos oder bekommen viel später Nachwuchs - und werden dann zumeist sesshaft. "Beruflich mobile Frauen bleiben fast immer kinderlos", sagte Bergmann.

Die wenigsten, die sich für eine Wochenendpartnerschaft oder fürs Fernpendeln entscheiden, tun das freiwillig. Die meisten sind mobil, "um eine Arbeitsstelle zu finden oder sie zu behalten", heißt es in der Studie. Wohl oder übel muss der Preis dafür bezahlt werden. 67 Prozent der befragten Mobilen berichteten von psychischen und physischen Belastungen, die mit ihrer Lebensform zusammenhängen. Entfremdung vom Partner und den Kindern, Zeitmangel und soziale Isolierung werden besonders häufig genannt. Wer Familie und Beruf an einem Ort hat, berichtet anderes. Gerade mal vier Prozent sprechen hier von Belastungen. Den Vorteilen im Berufsleben, die mobile Menschen haben, stehen also teils gravierende Nachteile im Privatleben gegenüber.

Bergmann wünscht sich deshalb, dass die Unternehmen mobile Arbeitnehmer stärker unterstützen. "Arbeitszeit und -ort lassen sich heute oftmals besser den Wünschen der Pendler oder Umziehenden anpassen; betriebliche Unterstützung bei der Kinderbetreuung und der Arbeitsplatzsuche für den mitmobilen Partner erleichtern die Entscheidung für Mobilität", sagte sie. Das lohnt sich der Studie zufolge auch für Unternehmen: Wer zufrieden in einer Familie lebt, ist nämlich leistungsfähiger und produktiver am Arbeitsplatz.

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