Gesundheit : Moderne Evolutionstheorie: Darwin und die Anstifter

Matthias Glaubrecht

Charles Darwins epochales Werk über die "Entstehung der Arten" ist ein wahrlich wichtiges Buch, das auch viele Biologen zu kennen glauben, selbst wenn es die wenigsten von ihnen gelesen haben. Zeitgleich mit dem weit weniger bekannten britischen Naturforscher Alfred Russel Wallace hatte Darwin vor 140 Jahren eine revolutionäre Antwort auf die Frage gefunden, wie sich Leben mit seinen unendlich vielen Facetten entwickelt und wie Evolution funktioniert. Keine andere wissenschaftliche Theorie hat auch das Selbstbild des Menschen derart verändert wie Darwins Sicht der Natur. Seitdem tobt - nicht nur in der Biologie - ein Kampf um die Deutungshoheit und macht die Evolutionstheorie als "Darwinismus" zum Spielball von Gesinnungsdiktatoren vielerlei Couleur.

Für die einen wurde Darwins Theorie zur Ideologie, die nicht nur für natürliche Phänomene, sondern (unterstelltermaßen unerlaubterweise) auch für kulturelle Erscheinungen beim Menschen Erklärung - und oft genug Rechtfertigung - zu bieten scheint. Für die anderen ist Evolution die spannendste und folgenschwerste Wahrheit der Natur, die menschliche Wissenschaft jemals entdeckt hat. Und Darwin ist ihr Prophet.

Tatsächlich hat die Darwin-Wallace-Theorie einen langen Atem bewiesen. Mit Hilfe des universellen biologischen Prinzips der natürlichen und sexuellen Auslese lassen sich viele Phänomene in der Natur bis hin zum kompliziert-komplexen menschlichen Verhalten verstehen. Kritik am Darwinismus ist populär, aber selten hinreichend begründet oder gar zutreffend. Vom angeblichen "Jahrhundertirrtum" war da schon die Rede.

Doch die evolutionsbiologische Theorie von Zufall und Notwendigkeit, von der Selektion als Motor der Evolution, lebt; die Natur ist ein blinder Uhrmacher mit einer genial simplen Arbeitsweise. Der Darwin-Wallacesche Ansatz liefert die derzeit beste Ausgangsbasis für eine kausale Erklärung zur Vielfalt der Lebenserscheinungen inklusive des Menschen - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Unter Integration genetischer, biosystematischer und paläontologischer Befunde wurde dieses Konzept als "synthetische Theorie der Evolution" in den 1930er und 1940er Jahren auf eine inzwischen vielfach gesicherte Grundlage gestellt. Daran vermochten weder die zahlreichen Kritiker, die sich am Darwinismus den Kopf stoßen, noch die jüngsten Entwicklungen in der Molekulargenetik und Entwicklungsbiologie etwas zu ändern.

Thomas Weber legt nun mit "Darwin und die Anstifter" weniger eine weitere in der langen Liste von Legimitationen des Darwinismus vor. Vielmehr versucht er seine wissenschaftshistorische Deutung. Er tut dies zu einer Zeit, da biologische Themen unvermittelt sogar das Feuilleton von Tageszeitungen erobern. Die emsig im Labor werkelnden Molekulargenetiker verlieren dagegen den Blick zurück immer mehr aus den Augen. Dieser Blick wird aber um so wichtiger, je mehr im Zuge genetischer Forschung die Diskussionen um die biologischen Wurzeln des Menschen an Schärfe und gesellschaftspolitischer Dringlichkeit zunehmen.

Wer nur das Internet kennt, aber kaum einmal eine Bibliothek von innen gesehen hat - wie heute etwa erschreckend viele Biologiestudenten -, wer Publikationen älter als fünf Jahre bereits für Geschichte hält, der mag vielleicht auch die Kenntnis der Wurzeln der Evolutionsbiologie für entbehrlich halten. Ihm wird jedoch auch entgehen, worum sich die immer wieder aufflammenden Debatten um den Darwinismus oder um die Beiträge von "Natur" und "Kultur" im Kern drehen.

Webers historische Betrachtung versucht, zwischen den Lagern der vermeintlichen "zwei Kulturen" des Charles Percy Snow - hier die Naturwissenschaften, dort die Geisteswissenschaften - zu vermitteln. Der Autor ist promovierter Zoologe und freier Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für die er über Wissenschaftsgeschichte schreibt. Als Grenzgänger zwischen Natur- und Geisteswissenschaften schildert Thomas Weber kenntnisreich, wie abhängig die Deutung wissenschaftlicher Ergebnisse jeweils vom Zeitgeist und kulturellen Umfeld ist, aber auch warum die Hilfestellung der Biologie bei Grundfragen im Spannungsfeld zwischen "Natur" und "Kultur" durchaus zwiespältig ausfällt.

Weber stellt Vorläufer und Zeitgenossen von Charles Darwin, dessen Theorie, seine Folgen und Gegner vor, angefangen bei den Natur- und Wissenschaftsphilosophen des 18. Jahrhunderts, bei Goethe und Kant, später John Herschel und William Whewell, bis hin zur Entwicklung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert durch Georges Cuvier, Etienne Geoffroy St. Hilaire, Jean-Baptiste Lamarck und Richard Owen. Im dritten Teil des Buches zeichnet Weber den Weg der Darwinschen Synthese von der Soziobiologie zur "Evolutionären Psychologie" nach und diskutiert abschließend mit der Molekulargenetik und unter dem Stichwort Evo-Devo (für "evolutionary developmental biology") auch das jüngste Modethema der Biologen und Medien.

Weber betreibt mit seinen "Anstiftern" eine Archäologie des Darwinismus. Ihm ist ein informativer und lesenswerter Parforceritt durch die Evolution der Evolutionsbiologie gelungen, keineswegs allerdings ein Abriss der "neuen Biowissenschaften", als der sein Kölner Verlag Webers Darwinismus-Zusammenschau zu verkaufen sucht. Dass Thomas Weber einleitend und abschließend auch auf jüngste Trends in Molekulargenetik und Entwicklungsbiologie eingeht, macht lediglich deutlich, wie sehr sich die darwinistische Sichtweise durchgesetzt hat. Eine neue Biowissenschaft ist das noch nicht, unbeschadet aller Diskussionen um die Biologie als Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts.

Wer sich für die historischen Wurzeln und modernen Implikationen dieser epochalen Theorie interessiert, der liest "Darwin und die Anstifter" mit Gewinn. Auf dieser Grundlage lassen sich auch die oft erschreckend undifferenzierten Diskussionen etwa um "das Gen für ..." oder um Menschen-Klone und Bio-Roboter gelassener beurteilen.

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