Gesundheit : Moderne Medizin: Der stählerne Chirurg

Rico Czerwinski

Solange sie denken kann, schaut sie den Leuten zuerst auf die Ohren. Vielleicht, sagt sie, ist das der Neid. Sonja Zichler (Name von der Redaktion geändert) kennt sich aus mit Ohren. Es gibt runde und spitze, glatte und knittrige, große und kleine. Am besten sind kleine, eng anliegende. Vielleicht, sagt sie, passen die Ohren zu den Menschen, denen sie gehören. Sie selbst besitzt ein schönes, eng anliegendes, und eines, das sie versteckt, wann immer sie kann.

"Morgen Abend", sagt Gesichtschirurg Klein, "soll Frau Zichler mit zwei Ohren nach Hause fahren, die absolut gleich aussehen: Schön klein und eng anliegend." Jetzt liegt die 31-Jährige narkotisiert unter grünem, sterilen Tuch in einem mit Technik vollgestopften Operationssaal im "Zentrum für künstliche Gesichtsteile" des Rudolf-Virchow-Klinikums in Berlin. Über ihr, an der Decke, hängt ein grauer, 400 Kilogramm schwerer Kasten, aus dem drei dunkelblaue, gelenkige Metallarme ragen. Ein Operationsroboter. Der einzige auf der Welt, der zugelassen ist für die Arbeit in menschlichen Gesichtern.

Sonja Zichlers Weg in diesen Operationssaal begann, als sie zehn Jahre alt war und wie die Mädchen in ihrer Klasse beschloss, sich ihre bis zu den Schultern reichenden Haare richtig lang wachsen zu lassen. Lange Haare, erinnerte da Sonjas Mutter, müsse man von Zeit zu Zeit zusammenbinden, im Sportunterricht oder beim Schwimmen, und dann würde der Blick frei werden auf das, was aufgrund eines genetischen Defekts seit Sonjas Geburt ihr rechtes Ohr war. Seitdem ist kaum ein Tag in Frau Zichlers Leben vergangen, an dem sie sich nicht "eingeengt gefühlt" hat, "eingeengt durch etwas, für das ich nichts kann".

Verdächtige Fotos

Sie hat eine Menge Ärzte kennengelernt, in all den Jahren. Plastische Chirurgen. Künstler, die sie auf eine Warteliste setzen und ihr irgendwann für ein kleines Vermögen Hautlappen aus dem Oberschenkel und dem Gesäß schneiden, mit Rippenknorpel fusionieren und daraus ein Ohr formen wollten. In einem schmerzhaften, neun Monate und sechs, sieben, acht Sitzungen währenden Behandlungsmarathon. Keiner von ihnen konnte versprechen, dass das Ergebnis dieses "Ohrmuschelaufbaus" aussehen würde wie ein Ohr. Keiner konnte sagen, ob ihr Körper den Zellhaufen an ihrer rechten Gesichtshälfte akzeptieren und nicht als etwas Fremdes von sich weisen würde. Nicht einmal ein Ohrläppchen konnte man ihr in Aussicht stellen, das galt als "nicht modellierbar". Stattdessen drängte sich ihr beim Studium der Vorher-Nachher-Fotos der Verdacht auf, "hier so eine Art Versuchskaninchen zu sein".

Dann, es war im April 2000, fiel ihr Blick auf ein Foto in der "Thüringischen Landeszeitung". Darauf war Mandy zu sehen, das Mädchen, das als erste Patientin eines Berliner Roboters zu einem neuen, normalen Ohr gekommen war: In einer einzigen Operation, schnell, komplikationslos, mit vorhersagbarer Optik. Und mit Ohrläppchen.

Bald darauf hat Martin Klein Frau Zichlers Kopf mit einem Computertomographen gescannt, die Daten ihres gesunden, linken Ohres gespiegelt und so ein absolut symmetrisches, virtuelles Gegenstück hergestellt. Nach diesem Vorbild schmolz ein Laser-Sinter-Gerät kleine Wachskügelchen zu einem Modell ihres neuen, rechten Ohres zusammen. Dieses wurde in Silikon gegossen, das ihrer Gesichtsfarbe entsprach, und bei sieben bis acht bar und 108 Grad eine Stunde lang in einem Wasserbad vulkanisiert. Nun wartet es in einem stählernen Schälchen auf einem Rollwagen neben dem OP-Tisch.

Eben hat Klein entfernt, was Frau Zichler jahrelang zu verbergen versuchte, hat eine darunter liegende, markstückgroße Fläche des Schädelknochens freigelegt, und ist heilfroh gewesen, dass er in der nächsten, der heiklen Runde des Eingriffs, nicht allein sein wird.

Es geht darum, zwei vier Millimeter tiefe und drei Millimeter breite Löcher in ihren Schädelknochen zu bohren. Löcher, in denen Klein später winzige Titanium-Anker versenken wird, auf deren freiliegende Enden Magneten geschraubt sind. Worauf es dabei ankommt, ist nicht nur ein extrem scharfes Auge und eine ruhige Hand, sondern vor allem die optimale Positionierung der Bohrlöcher: Diese müssen einerseits dort liegen, "wo der Schädel genügend Material hat", Knochen, der den Magnetankern Halt gibt. Auf der anderen Seite wird ihre Lage darüber bestimmen, wo bald Frau Zichlers neues Ohr sitzt. Bis April letzten Jahres hatte diese Arbeit viel von der eines Berufsspielers, der, wenn er gewinnen will, nicht daran vorbei kommt, von Zeit zu Zeit auf das falsche Feld zu setzen.

Knochenspäne wieder hineingestopft

"Manchmal", murmelt der assistierende, graubärtige Chirurg Menneking, "sah der Schädel nachher aus wie ein Schweizer Käse". Martin Klein und die im Operationssaal stehenden Schwestern lachen nicht. Sie wissen, wie es ist, den Bohrer auf einen Schädelknochen zu setzen. Loszubohren. Auf einen der luftgefüllten Hohlräume im Knochen zu treffen. Die Späne wieder hineinzustopfen und es ein paar Millimeter daneben erneut zu versuchen. Ständig Gefahr zu laufen, an einer besonders dünnwandigen Stelle den Knochen zu durchbohren, oder ein großes Blutgefäß zu verletzen. 1997, sagt der Informatiker Andreas Hein, der mit wachen Augen dort steht, wo sich die Technik türmt, sei da "ein Bedürfnis nach höherer Genauigkeit" entstanden. Also gründeten der Elektrotechnik-Professor Tim Lüth und zehn andere Ingenieure, Gesichtschirurgen und Dentaltechniker eine Arbeitsgruppe mit dem Namen "Navigation und Robotik". Sie nahmen sich eine Maschine vor, die sich in den Operationssälen der Virchow-Klinik bereits als intelligenter Mikroskophalter bewährt hatte. "Surgiscope" besaß ein Navigationssystem, das es ihm anhand von Infrarotsignalen ermöglichte, sich im Raum zurecht zu finden, und sich ständig seiner eigenen Position im Verhältnis zu der des Patienten zu vergewissern. Anstelle des Mikroskops passte Hein der Hand von "Surgiscope" nun eine Bohrmaschine an, die ähnlich aussah und funktionierte wie die eines Zahnarztes. Bis aus diesem Gerät "Surgiguide" wurde, die Maschine, die dabei hilft, Löcher in menschliche Schädel zu bohren, bedurfte es allerdings noch einer Umgestaltung der Steuerungssoftware, was Hein und seine Kollegen zwei Jahre in Atem hielt. Ihr Ziel: Arzt und Maschine sollten interaktiv zusammenarbeiten.

Vor der Operation hat Klein die computertomographische Aufnahme von Frau Zichlers Schädel in den Steuerungsrechner des Roboters überspielt. Auf dem dazugehörigen Monitor ließen sich Knochenstärke, Weichgewebe und Hohlräume genau auseinanderhalten. Er markierte die im Hinblick auf "Materialangebot" und Ästhetik optimale Position der Bohrungen mit zwei roten Kreuzen. Nun umfasst er das mit einem Bohraufsatz versehene Handstück des Roboterarms, führt es langsam in die Richtung von Frau Zichlers Kopf.

Währenddessen wandert auf dem Monitor ein der Bohrerspitze entsprechendes grünes Fadenkreuz auf die roten Markierungen zu. Ein paar Zentimeter, bevor es die erste erreicht, kommt Leben in den Arm: Ein eingebauter "Kraft-Momenten-Sensor" misst, welchen Druck der Arzt auf das Handstück ausübt, und regelt im Verhältnis dazu die Geschwindigkeit, mit der der Bohrer sich zunächst auf die definierte Zielstelle, und dann beim Bohren in den Knochen bewegt. Der Chirurg fühlt kaum, dass ihm der Roboter die Hand führt, während er nie Gefahr läuft, daneben zu treffen.

Wasserrohrbruch im Operationssaal

Dabei ist zu jeder Zeit klar, wer in diesem Team das Kommando hat. Stoppt Klein die Bewegung seiner Hand oder lässt gar den Bohrer los, wird der Kraftverlust registriert, 30 Millisekunden später bleibt das Gerät stehen. Neben Arzt und Ingenieur wacht ständig eine Sicherheitssoftware über die Aktionen des Roboters, vergleicht das, was er tut mit dem, was er tun soll. Für den Fall, dass er nicht so mitspielt, wie gewünscht, schaltet sich der Strom ab. Hein und die anderen Entwickler wussten, dass sich ihre Kollegen in der Prüfbehörde für Medizintechnik, deren täglich Brot Zulassungsverfahren für Gummihandschuhe, OP-Tücher und Biopsie-Nadeln sind, bei einer intelligenten Schädelbohrmaschine große Mühe geben würden. Also haben sie sich für "Surgiguide" insgesamt 50 Sicherheitsmerkmale überlegt, deren Test-Protokolle 2000 Seiten füllen.

Diese illustrieren unter vielen anderen auch Lösungen für folgende Krisenszenarien: Der Roboter bekommt die Schädeldaten von Frau Müller, während auf dem Tisch Frau Meier liegt. Während der Operation bricht ein Wasserrohr, der Saal wird überflutet und steht unter Strom. Die Wand gibt nach und der Roboter stürzt von der Decke. Herausgekommen sei ein "sicherheitstechnisch perfektes System", vor dem kein Patient Angst zu haben braucht, meint Hein.

Die Genauigkeit, mit der Chirurg Klein und "Surgiguide" die Bohrungen an Sonja Zichlers Schädel ausgeführt haben, sorgt jedenfalls dafür, dass ihr künstliches Ohr beim ersten Test nach dem Eingriff einwandfrei passt, und sie schon am nächsten Tag in Kleins Behandlungszimmer sitzen, und es anprobieren kann. Er reicht ihr einen Spiegel, sie sieht nach unten, zögert einen Moment lang. Beißt sich auf die Unterlippe, sieht hinein. Klingt fast überrascht: "Das haben Sie echt gut hingekriegt!" Was denkt sie jetzt? "Dass mein Mann mich nachher abholt. Dass ich nach Hause fahren, und in ein paar Tagen wieder arbeiten kann.

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