Gesundheit : Monumental, aber niedriger Lohn

AMORY BURCHARD

Es ist noch immer ein erhebendes Gefühl, die Russische Staatsbibliothek in Moskau zu betreten. Der Zweckbau in unmittelbarer Nachbarschaft des Kremls beeindruckt zuerst durch seine Monumentalität im Stil der späten fünfziger Jahre. Vom Gesims der schlichten neoklassizistischen Fassade blicken überlebensgroße Skulpturen von lesenden Arbeitern und Bauern aus sechsundvierzig Metern Höhe herab.Die Besucher steigen auf eine weitläufige Piazza, ausgelegt mit Granitplatten, um durch einen strengen Säulenwald zu den schweren Eingangstüren der "Leninbibliothek" zu gelangen. Vor sieben Jahren verlor sie diesen Ehrentitel, wird aber von ihren Lesern weiter "Leninka" genannt. Sowjetisch mutet die Warteschlange an, die sich gleich im Vorraum zu winden beginnt. Studenten, Dozenten und Privatgelehrte jeden Alters vertreiben sich bis zu eineinhalb Stunden die Zeit bis zum Einlaß mit Lesen, weniger durch Gespräche. Uneingeweihte beobachten beunruhigt eine weitere, kürzere und sich stets erneuernde Schlange mit durchweg älteren Menschen. Das sind Professoren und Akademiemitglieder, die bevorzugten Zutritt zu den Lesesälen haben.Bibliotheksdirektor Viktor Fedorov blickt auf die endlose Schlange der übrigen Benutzer gelassen: "Die Bibliothek ist überlastet. Auf derzeit 2000 Lesesaalplätze drängen täglich 5200 Leser, die 34 000 Bestellungen aufgeben. Die Zugangsbeschränkung funktioniert physisch: Auch die Garderobe hat nur Platz für 2000 Jacken. "Sie ist unser Filter." Trotzdem hat der Ansturm der Leser von den Universitäten jetzt zu einer krassen Maßnahme geführt: Seit April erhalten Studenten des ersten und zweiten Studienjahres keine Leseausweise mehr. Vorher gab es täglich 200 Neuanmeldungen. "Eigentlich sollte die Staatsbibliothek die letzte Instanz sein", sagt Direktor Fedorov. "Jedes Institut ist gesetzlich verpflichtet, seinen Studenten die nötigen Bücher in eigenen Bibliotheken zur Verfügung zu stellen." Aber schon seit Jahren können viele Institutsbibliotheken gar keine Bücher mehr bestellen.Jurastudentin Irina Bulatova sucht ein neues Grundlagenwerk über Rechtsphilosophie und bestätigt: "Unser Professor hat uns hierher geschickt: Geht in die Leninka, da findet ihr alles." Im Prinzip, sagt der Direktor, stimme das. Die Staatsbibliothek erhalte über die Pflichtexemplar-Abgabe immer noch achtzig Prozent der einheimischen Buchproduktion. Aber es seien höchstens je zwei bis drei Exemplare der Werke vorhanden und nicht ganze "Klassensätze", wie die Studenten sie nachfragen.Für den Ankauf ausländischer Bücher bräuchte die Bibliothek 1,5 Millionen Dollar im Jahr, die für 1999 noch nicht gesichert seien. Im vergangenen Jahr half eine Zuteilung aus dem "Reservefonds des Präsidenten der Russischen Föderation". In der Augustkrise gingen davon allerdings 300 000 Dollar durch den Verfall des Rubelkurses verloren. Mit 42,6 Millionen Einheiten hat die "Leninka" ihren Rang als zweitgrößte Bibliothek der Welt nach der Washingtoner Library of Congress zu verteidigen.Der grandiose Blick, der sich den wartenden Lesern in das Innere der Bibliothek öffnet, macht den schwierigen Alltag fast wieder vergessen: Zu den Lesesälen im ersten Stock führt eine breite weiße Marmortreppe quer durch die offene Kataloghalle. Deren Stuckdecke wird von blau-marmorierten Säulen getragen. Zwischen den Säulen stehen halbhohe Kandelaber mit jeweils zwölf Milchglasleuchten. Die Planung der Bibliothek stammt aus den späten zwanziger Jahren, Baubeginn war 1930. Durch den Großen Vaterländischen Krieg zog sich die Fertigstellung der Bibliothek bis 1960 hin.Die Ästhetik der Innenausstattung überdauerte den Zeitenwechsel. Nicht aber die personelle und technische Ausstattung. Hier rächt sich das defizitäre Budget der Bibliothek. Im Haushaltsplan 1998 waren für die Ergänzung der russischsprachigen Literatur, die Aufrechterhaltung des Service (inklusive Aufbau eines Online-Computerkataloges), Gehälter der Mitarbeiter und Fondspflege 25 Millionen Dollar vorgesehen. "Der Staat zahlte knapp unter drei Millionen", sagt Fedorov mit einem dünnen Lächeln. Von den 3000 benötigten Mitarbeiterstellen sind derzeit nur 2300 besetzt. Für die umgerechnet 25 bis 30 Dollar Monatsgehalt - das offizielle Existenzminimum liegt um zehn Dollar höher - finden sich nicht genügend qualifizierte Bewerber.Aber damit nicht genug. Der Anfang der achtziger Jahre projektierte Ausbau der Bibliothek - Totalsanierung des historischen Paschkow-Gebäudes, Sanierung und Neubau von Büchermagazinen und Lesesälen - wird mit 600 Millionen Dollar veranschlagt. Von dem Projekt wurde nur die Schließung und "Demontage" des Inneren des Paschkow-Gebäudes vor zehn Jahren verwirklicht, klagt der Direktor. Seitdem liegen diese Lesesaal-Kapazitäten und die dortigen Magazine für die historischen Bestände aus der Zarenzeit brach.Auch im 40 Jahre alten "Neubau" seien "alle Leitungen und Anlagen an der Grenze der Leistungsfähigkeit angekommen", sagt Fedorov. Ein Gang durch einige der 19 Etagen des Magazingebäudes bestätigt das: Die einfach verglasten Dachluken sind undicht. Der brüchige Fensterkitt der altmodischen Doppelfenster wird seit Jahren mit Papierstreifen überklebt, um wenigstens die Zugluft abzuhalten. Eine Klimaanlage existiert nicht, die Heizung kann nicht reguliert werden. Bislang würden es ihre sehr engagierten Mitarbeiter noch schaffen, die Bücher vor eindringender Feuchtigkeit zu schützen, sagt Magazinleiterin Marina Tschestnych. Schlimmer sei das durch die Überheizung bedingte Austrocknen des Altbestandes mit den Ledereinbänden. Schadhafte Bestände könne sie aber nicht zeigen, bis auf Einzelfälle habe man die Situation im Griff.Die Feuerlöschanlage stammt aus den vierziger Jahren: Textilschläuche mit Messingdüsen laufen an den Geländern des Treppenhauses entlang. Noch sei nichts passiert, sagt Frau Tschestnych. Den einzigen, durch einen Kurzschluß morscher Elektroleitungen verursachten Brand hätten Mitarbeiter mit Decken gelöscht.Ende vergangenen Jahres geschah ein kleines Wunder: Die Staatsbibliothek bekam von einem großen französischen Kredit für die Russische Föderation 10 Millionen Dollar zur Behebung der schlimmsten technischen Mängel. Aber, so Direktor Fedorov, für den Einbau einer Klimaanlage, neuer Fenster, Elektroleitungen und der Feuerlöschanlage dürfe er nicht russische Firmen engagieren und preiswerte russische Technologie einkaufen. Neun der zehn Millionen müßten nach Frankreich zurückfließen.

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