Gesundheit : „Mücken, die um Elefanten schwirren“ Der Militärhistoriker van Creveld über den Krieg der Zukunft

Tom Heithoff

Waren die Anschläge vom 11.September eine Kriegserklärung? Für US-Präsident George W. Bush war die Sache klar: „Man hat uns angegriffen – das ist Krieg.“ Hierzulande diskutierte man dagegen, ob ein Terrorangriff als Kriegsakt gedeutet werden darf, auch wenn generalstabsmäßig geplant ist. Der renommierte Militärhistoriker Martin van Creveld von der Hebrew University in Jerusalem schließt sich der amerikanischen Sichtweise an. „Die Ereignisse vom 11. September waren der Höhepunkt eines fundamentalen Wechsels in der Kriegsführung", sagte er in einer „Mosse-Lecture“ der Humboldt-Universität.

Anders als frühere Kriege wird diese neue Form nicht mehr zwischen Staaten ausgetragen. In den Terror-Kriegen ist ein Aggressor nicht mehr territorial bestimmt. Es agieren vielmehr flexible Gruppen mit Mitgliedern in verschiedenen Ländern. Eine klare Trennung zwischen politischer Führung, Armee und zahlender Zivilbevölkerung ist hier nicht mehr auszumachen. Ihre gefährlichsten Waffen sind fatalerweise zugleich die Errungenschaften der globalisierten Welt: Die modernen Transport- und Kommunikationsmittel erlauben es ihnen, „wie Mücken um einen Elefanten zu schwirren“.

Natürlich hat es wenig Sinn, mit herkömmlichen Kanonen auf diese „Mücken“ zu schießen. Wo es keine Gebietsgrenzen eines Aggressors gibt, sei die traditionelle Kriegsstrategie der Mobilmachung von Kriegsschiffen oder Bodentruppen „ziemlich nutzlos“. In einem Krieg ohne Front, der „überall und nirgends“ stattfindet, gehe es auch nur bedingt um bewaffnete Gegenattacken, sondern immer stärker um die Verhinderung von Anschlägen. Dafür müssten neue Streitkräfte und Methoden entwickelt werden. „Je schneller, desto besser, denn die Gefährdung wächst mit der Globalisierung.“

Der Alltag als Kriegsgebiet

Jedes an sich harmlose Verkehrsmittel ist ein potenzieller Waffentransporter. Überall können chemische, „im schlimmsten Falle atomare Waffen“ produziert werden. Der erste Schritt für eine effektive Gegenstrategie sei deshalb, ein „stärkeres Bewusstsein für die Verletzbarkeit“ zu entwickeln. Für alle gefährdeten Ziele seien strengere Sicherheitskontrollen nötig. „Verschlossene Cockpittüren und Sky-Marshalls hätten die Entführungen am 11. September wohl verhindert“, meint van Creveld. Daneben müssten spezialisierte Nachrichtendienste aufgebaut werden, die Attacken im Vorfeld durchkreuzen. Die vierte Säule schließlich: mobile militärische Spezialeinheiten, schnell und international einsatzfähig. Hier sieht der Wissenschaftler eines der größten Probleme, da die staatliche Souveränität beschnitten würde.

Mit leichtem Schrecken registrierten die Zuhörer im Audimax, dass für den Militärhistoriker der moderne Krieg bereits mit der Bedrohung beginnt. Der Alltag als Kriegsgebiet – kein angenehmes Bild. Einschränkungen von Freiheit und Bequemlichkeit bestreitet er gar nicht. Dennoch sei dieses Szenario vergleichsweise gelassen zu betrachten. Kinder würden mit dem Krisenbewusstsein aufwachsen, sich an die permanente Bedrohung gewöhnen und deshalb Kontrollen für selbstverständlich halten. Wenn man ihnen später erzählte, dass früher Banken, Restaurants und Kinos ohne Sicherheitscheck besucht werden konnten, werden sie „ungläubig den Kopf schütteln“, prophezeit van Creveld. Auch die Wirtschaft werde sich auf die neue Kriegsform einstellen, mit Gewinn: Die Nachfrage beispielsweise nach transportablen, bezahlbaren Instrumenten, die Kampfstoffe erkennen, werde steigen.

Bei allen Ängsten – das neue Kriegszeitalter ist vergleichsweise milde. Sich über Jahre hinziehende Großkriege würden der Vergangenheit angehören, meint van Creveld. Kriegerische Auseinandersetzungen werde es zwar immer geben, denn „sie wurzeln in der menschlichen Natur“. Doch sofern wir uns auf die neue terroristische Kriegsbedrohung einstellen, dürften die unvorstellbar hohen Zahlen von Opfern, die in den alten, konventionell geführten Kriegen zu beklagen waren („im sechs Jahre dauernden Zweiten Weltkrieg starben täglich 20000 Menschen“), nicht mehr zu erwarten sein. „Ist das nicht ein Grund“, fragt van Creveld, „ein bisschen optimistisch zu sein?“

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