Gesundheit : Mückenfieber: Die toten Krähen von Queens

Hermann Feldmeier

Das im Sommer und Herbst des vergangenen Jahres in New York aufgetretene West-Nil-Fieber, eine durch Mücken übertragene Viruserkrankung, ist saisonbedingt zwar zum Stillstand gekommen. Eine gerade von den amerikanischen Gesundheitsbehörden veröffentlichte Untersuchung zeigt aber, dass trotz der intensiven Mückenbekämpfungsmaßnahmen ein nicht unerhebliches Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung verschiedener New Yorker Stadtgebiete und umliegender Landkreise bestand.

Mit einer Seroprävalenzstudie, bei der ein repräsentativer Teil der Bevölkerung auf Antikörper gegen das West-Nil-Virus untersucht wird, lässt sich hochrechnen, dass sich im Jahre 2000 alleine im Stadtteil Staten Island 1574 Personen mit dem Virus angesteckt hatten. Von diesen erkrankte statistisch betrachtet jeder 157te an einer Gehirnentzündung. In anderen Stadtteilen, in denen im Verlauf des Sommers und Herbsts weniger infizierte Mücken gefangen worden waren, lag die Komplikationsrate mit 1 : 121 noch höher. Das zeigt umso mehr, wie hoch das Gesundheitsrisiko durch das West-Nil-Virus im vergangenen Jahr war.

Insgesamt waren im Großraum New York 21 Patienten aufgrund einer West-Nil-Infektion stationär behandelt worden, davon 19 mit der Diagnose Gehirn- beziehungsweise Gehirnhautentzündung. Wie viele dieser Patienten lebenslange Folgeschäden davon tragen werden, ist noch unbekannt. Aber immerhin waren keine Todesfälle zu verzeichnen, wie noch beim erstmaligen Auftreten des Erregers ein Jahr zuvor.

Das Virus mit dem eigenartigen Namen (es wurde 1937 erstmals von einer erkrankten Frau in der West-Nil-Provinz von Uganda isoliert) gehört in die Gruppe der Flaviviren. Eine Gruppe von Krankheitserregern, die ausschließlich von Stechmücken übertragen werden, und zu der so gefährliche Erreger wie das Gelbfiebervirus und das japanische Enzephalitis-Virus gehören. Das Virus ist aber nicht nur in Afrika, sondern auch in Australien, in Asien und in Osteuropa verbreitet. In 17 Ländern ist es bislang zu folgenschweren Epidemien gekommen - von Südafrika bis nach Rumänien.

Der Erreger vermehrt sich in diversen Arten von Vögeln, von denen einige - wie beispielsweise Krähen - bei einer Infektion ähnlich schwer erkranken wie der Mensch, während andere das Virus ohne jedes Krankheitszeichen als "blinden Passagier" beherbergen. Der Mensch, wie gelegentlich auch Katzen und Pferde, steckt sich durch den Stich einer Mücke an, die ihrerseits das Virus bei einer Blutmahlzeit von einem infizierten Vogel aufgenommen hat. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist dagegen extrem unwahrscheinlich.

Dass gefährliche Erreger wie das West-Nil-Virus unvermittelt auf einem bislang verschonten Kontinent auftreten können, traf die amerikanischen Behörden im Sommer 1999 wie ein Paukenschlag. Binnen weniger Tage erkrankten in New York in einem Umkreis von zehn Kilometern Dutzende älterer Menschen an einer ominösen Gehirnentzündung, deren Ursache rätselhaft war. Zugleich fielen im gleichen Gebiet reihenweise tote Krähen vom Himmel. Und im nahegelegenen Zoo in der Bronx, knapp acht Kilometer nördlich des "Epizentrums" der Epidemie, starben so unterschiedliche Vogelarten wie chilenische Flamingos, Guanay-Kormorane und Kahlkopfadler, ohne dass sich die eilends hinzugezogenen Tierärzte einen Reim darauf machen konnten. Wie sich im Nachhinein herausstellte, waren sowohl die Menschen als auch die Tiere allesamt Opfer einer Infektion mit dem West-Nil-Virus. Durch massive Insektenbekämpfung brach die Epidemie Anfang Herbst 1999 zusammen.

Konnte man das unerwartete Auftreten des West-Nil-Virus in New York zu diesem Zeitpunkt als einmaliges und zufälliges Ereignis abtun, so ist seit dem Sommer 2000 klar, dass sich der Erreger in der Neuen Welt festgesetzt hat. Seine Erbsubstanz wurde in zahlreichen Moskitos im Stadtgebiet von New York und in den angrenzenden Landkreisen nachgewiesen, die man im vergangenen Herbst auf Spuren des West-Nil-Virus untersucht hatte. Gleichzeitig wurde der Erreger auch aus toten Vögeln in den Bundesstaaten New York, New Jersey und Connecticut isoliert: von den weitverbreiteten Schwalben bis hin zum Rotschwanzhabicht.

Jetzt werden unterschiedliche Annahmen diskutiert, wie das West-Nil-Virus von Afrika nach New York gelangt sein könnte. Denkbar ist beispielsweise, dass ein infizierter, aber nicht erkrankter Tourist den Erreger in seinem Blut von einer Reise nach Afrika mitgebracht hat. Möglich ist auch, dass ein - illegal - importierter Vogel mit dem West-Nil-Virus infiziert war, und dann den Infektionszyklus in Gang gesetzt hat. Schließlich kann eine infizierte Mücke im Radkasten eines Flugzeuges transportiert worden sein - ein ganz und gar nicht seltener Vorgang, der in zahlreichen Ländern bereits mehrfach zum Import von Anophelesmücken geführt hat, die nach ihrem unfreiwilligen Höhenflug Menschen mit Malariaerregern angesteckt haben.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass wandernde Vögel den Erreger aus Asien mitgebracht haben. Den Ornithologen sind Vogelarten bekannt, die aus Asien kommend den Winter an der amerikanischen Ostküste verbringen. Und über New York gibt es vier Flugrouten, die von Zugvögeln regelmäßig benutzt werden. Eine davon verläuft ziemlich genau über dem Stadtteil Queens.

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