Gesundheit : Mütter in die Grundschulen

Gudrun Weitzenbürger

Auf den kleinen Bänken ihrer Kinder sitzen türkische Mütter und lernen Deutsch. Sie breiten auf den niedrigen Tischen Zettel aus und lernen das wohl schwierigste Kapitel der deutschen Sprache: wer, wen, wem, wessen - die vier Fälle.

Die Mütter lernen fleißig, sagt die Kursleiterin Birgit Lanig. Sie ist eine von 12 Lehrerinnen, die 18 Kurse an verschiedenen Hamburger Grundschulen leiten, beauftragt von der Schulbehörde der Stadt, "Deutschkurse für Mütter von zweisprachig aufwachsenden Vorschulklassenkindern" zu geben. Die Idee: Ausländische Mütter kommen in die Schulen ihrer Kinder und lernen so nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch das ihnen bislang unbekannte Schulleben ihrer Kinder kennen. Das Konzept hatte sich die Hamburger Schulbehörde vor einem Jahr noch unter der ehemaligen Schulsenatorin Heidemarie Raab (SPD) ausgedacht, als sich überraschend ein neuer Geldtopf auftat. Heute hat Helga Büchel, die Projektleiterin in der Schulbehörde, einen Gesamtetat von 400 000 Euro.

Schwache Schüler ziehen das Leistungsniveau der ganzen Klasse herunter. Die Pisa-Studie hat ein Übel ausfindig gemacht, das dieses Projekt versucht an der Wurzel zu packen: Ausländische Schüler versagen, weil ihnen die Einbindung in den deutschen (Schul)Alltag fehlt. Da zeigt auch die gerade in Hamburg veröffentliche Leistungsstudie LAU. Die ungünstigeren Lernentwicklungen der Schülerinnen und Schüler aus ausländischen Familien stehen auch in Hamburg in engem Zusammenhang zu ihren sprachlichen Kompetenzen, zumal dem Lesen. Das Hamburger Konzept versucht, über die "Migranten"-Mütter Zugang zur fremden Kultur und Lernwilligkeit ausländischer Schüler zu finden. "Aufgrund der gestiegenen Sprachkompetenz fühlen sich die Mütter hier weniger fremd", ist eine Aussage aus dem Bericht von Ellen Abraham, der Leiterin des Projekts bei der Volkshochschule.

Es ist ja nicht so, als hätte es Deutschkurse für Ausländer noch nie gegeben. Allerdings fanden und finden diese in Volkshochschulen statt, fern des Lebensalltags einer türkischen, kongolesischen oder afghanischen Familie. Also musste man zunächst einen Ort finden, der ihnen halbwegs vertraut ist. Birgit Lanig: "Anfangs kamen sie ins Schulgebäude reingeschlichen, heute trauen sie sich auch, mal hin- und herzulaufen und das Gespräch mit den Lehrern zu suchen."

Das Kursangebot beschränkt sich nicht nur auf die pure Vermittlung von Grammatik, Syntax und Vokabeln. Die eigenen Kinder kommen gelegentlich mit in den Unterricht, um gemeinsam mit den Müttern zu lernen. Die Kursleiter veranstalten eine Ralley durch die Schule, der Schulleiter wird eingeladen oder es wird ein gemeinsames Essen gekocht. "Sie kommen zum Elternsprechtag und fühlen sich jetzt mehr als Partner der Lehrer", sagt Ellen Abraham.

Die Mütter werden selbstbewusster: "Sie freuen sich, nun allein zum Arzt gehen zu können", berichtet Abraham. Manche wollen später einen Beruf lernen oder den in ihrem Heimatland erlernten Beruf wieder ausüben. Und mit der neu erlangten Selbstständigkeit sind sie in der Achtung ihrer eigenen Kinder gestiegen.

Während ihre Kinder Deutsch mit Beginn der Schule lernen, verschanzen sich viele Mütter hinter der Schutzmauer ihrer traditionellen Großfamilien. Sie mogeln sich so jahrelang durch den deutschen Alltag, sind jedoch angewiesen auf die Hilfe ihrer Ehemänner, die sich in ihren Beruf verständigen lernen.

Türkan Uslubas hat zwei Kinder im Alter von neun und fünf Jahren, die beide Deutsch sprechen. Nur sie selbst kann es nicht, obwohl sie seit neun Jahren in Deutschland lebt. Jetzt lernt sie an der Grundschule Bahrenfelder Straße Deutsch - die Schule liegt im Stadtteil Altona, der stark von der türkischen Kultur geprägt ist. "Meine Kinder sind stolz auf mich", sagt sie. "Ich kann mich jetzt einmischen."

Integration im Berliner Kiez

In Berlin gibt es wohnortnahe Deutschkurse speziell für ausländische Mütter bereits seit drei Jahren. Vorangegangen waren die sogenannten "Innenstadtkonferenzen", die die zunehmende Ghettoisierung einzelner Stadtgebiete behandelten. Erstmals wurde einer breiteren Bevölkerungsschicht und auch dem Senat bewusst, dass die sprachliche Integration selbst in der dritten Zuwanderergeneration nicht vorankommt.

Dies liegt zum einen darin, dass insbesondere junge Türken ihre Ehefrauen weiterhin überwiegend aus ihrer Heimat holen. Zum anderen kommen die Frauen in ihrem Kiez auch ohne Deutsch zurecht. Ihre Bereitschaft, Sprachkurse zu besuchen, wird auch dadurch gebremst, dass sie nicht wissen, wohin mit ihren kleinen Kindern. Zudem erlauben es viele Ehemänner nicht, dass ihre Frauen sich in andere Stadtgebiete begeben. Dadurch sind viele Sprachkurse für sie nicht erreichbar.

Im Herbst 1998 fiel deshalb in Berlin die Entscheidung, den jungen Müttern Kurse in ihrer Nachbarschaft zu bieten - mit angeschlossener Kinderbetreuung. Bereits 1999 wurden über 100 kostenlose Kurse für rund 2000 Teilnehmerinnen angeboten. Veranstaltungsort waren und sind die Grundschulen, an denen die Kinder der Frauen zeitgleich Unterricht haben. Auch die noch nicht schulpflichtigen Kinder werden betreut. Etliche Frauen müssen zu Kursbeginn erst noch lesen und schreiben lernen, weil sie zum Teil nur eine sehr geringe Schulbildung aus ihren Heimatländern mitbringen.

Der Auftakt war so erfolgreich, dass sich die Teilnehmerzahl im Jahr 2000 verdoppelte. Insgesamt wurden 35 000 Stunden erteilt. Inzwischen sind 50 Grundschulen beteiligt. Dabei wird nicht nur die deutsche Sprache vermittelt, sondern auch Grundwissen über Gesundheitsvorsorge, über das Berliner Schulsystem und eigene berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Finanziert werden die Kurse aus den Budgets der Volkshochschulen.

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