Gesundheit : Museum vom Menschen

Keine Tabus mehr: Mit seiner neuen Dauerausstellung ist das Dresdner Hygiene-Museum auf der Höhe der Zeit angekommen

Rosemarie Stein

Die neue Dauerausstellung des Dresdener Hygiene-Museums kennt kein Tabu. Hier kann jeder auf einem Monitor sehen, wie die modernste Form der künstlichen Befruchtung funktioniert. Auch eine ganz normale Geburt ist per Video zu verfolgen. Und wie es sich anfühlt, alt zu werden, kann man dank raffinierter Versuchsanordnung am eigenen jungen Leibe spüren: Der Gang wird unsicher, die Hände zittern, die Augen trüben sich …

Mit seiner neuen Dauerausstellung, deren letzter Teil jetzt eröffnet wurde, ist das Dresdner Museum nach langem Provisorium endlich auf der Höhe der Zeit angekommen. Das betrifft nicht nur den Stand der Forschung, sondern auch die Vermittlung ihrer Ergebnisse: ohne aufdringliche Museumsarchitektur, dafür angepasst an die Mentalität eines modernen Publikums, das kein Tabu mehr kennt und selbst vor Obduktionen im Fernsehen nicht zurückschreckt, ganz zu schweigen von drastischen Sexszenen. Die Ausstellung ist quicklebendig, abwechslungsreich und ausgesprochen interaktiv. Auch das stark kriegsbeschädigte Haus ist jetzt fast wieder intakt.

Antiquiert wirkt nur noch der Name dieses unmusealen Museums. „Hygiene“, das bedeutete in der Zeit seiner Gründung vor fast einem Jahrhundert Gesundheit, aber auch Lebensform und Fortschrittsglauben. Wäre also „Deutsches Gesundheits-Museum“ eine Alternative? Das ginge schon deshalb nicht, weil es nach der Wende sein Konzept erheblich erweiterte. Es sieht sich jetzt als „Museum vom Menschen“, was bereits durch viele Sonderausstellungen deutlich wurde.

Die naturwissenschaftliche Sicht dominiert zwar, aber das Haus legt besonderes Gewicht auf die kulturelle Dimension naturwissenschaftlicher Themen – nicht zuletzt dadurch kann hoch spezialisiertes Fachwissen zugänglich gemacht werden. Schon im ersten Raum spürt man die kritische Distanz zur eigenen Geschichte und zum Menschenbild um 1930, als das Museum sein jetziges Haus bezog. Der „Gläserne Mensch“, weltberühmtes Symbolobjekt des Museums und Exportschlager seiner Lehrmittelwerkstätten, steht nun nicht mehr als „Andachtsbild“ in einer Art Kapelle, sondern – in seiner weiblichen Version von 1935 – schlicht auf einem Tisch, inmitten vieler anderer anatomischer Modelle, Wachsmoulagen und Präparate.

Wie so viele der idealisierenden Körpermodelle hatte auch der „Gläserne Mensch“ eine antike Plastik zum Vorbild: den „Betenden Knaben“ (300 v. Chr.), gekauft von Friedrich dem Großen, heute in der Berliner Antikensammlung. An einer Wand stellt das Museum sich selbst und seine Geschichte aus. Schon 1930 gab es eine Abteilung „Vererbung und Eugenik“. Die Nazis hatten leichtes Spiel, das Haus zum Rassenhygiene-Museum umzufunktionieren. In der DDR dann wurde es zum Zentrum biederer Gesundheitserziehung, mit dem Hausmaskottchen „Kundi“, das mit magischem Fernrohr die Feinde des sozialistischen Gesundheitsbewusstseins ausspähte: Dreckfinger, Stinkfuß, Tropfnase, Faulzahn und Schwarzohr.

Und heute? Im Ausstellungsteil „Leben und Sterben“ sieht man zum Beispiel Wolle von Klonschaf Dolly, eine „Gläserne Zelle“ oder das Lieblingstier der Genetiker, die Fruchtfliege, die in fünfhundertfacher Vergrößerung zum Ungeheuer wird. Schlaglichter werden auf verschiedene Methoden der Medizin geworfen. Das Computerbild eines Leichnams, aufgenommen mit der Infrarot-Kamera, zeigt im Zeitraffertempo das Erkalten des Organismus. Versöhnlich sind wunderschöne Porträts Verstorbener, fotografiert in der Berliner Charité.

Im Raum „Essen und Trinken“ – mit „Gläserner Kuh“ samt Kalb im Bauch – kann der Besucher die Aufgabe lösen, eine Mahlzeit für zehn internationale Gäste mit verschiedenen religiösen Speise-Tabus und Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten zusammenzustellen. Im Ausstellungsteil „Sexualität“ hängt Jürgen Wallers Bild „Christliche Abtreibung“, gemalt 1974, kurz bevor das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs gelockert wurde. Auch sexuelle Subkulturen werden nicht ausgesperrt: Ein schwarzlederner Sado-Maso-Maßanzug stammt aus einer Fernsehserie.

Kinder zwischen vier und zehn Jahren können jetzt in einem fünfhundert Quadratmeter großen Erlebnis- und Lernbereich aktiv mit allen fünf Sinnen Körper-Erfahrungen sammeln. In der Abteilung „Erinnern, Denken, Lernen“ werden den Besuchern Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften vermittelt. Die Funktionen des Gehirns und der Sinnesorgane werden anschaulich gemacht, jeder kann sein Gedächtnis und seine Aufmerksamkeit testen. Im Raum „Bewegung“ kann man seine Fitness oder seinen Gleichgewichtssinn prüfen und die Pumpleistung des Herzens mit der rasch ermüdenden Hand nachahmen. Schönheit und die Mittel, den Körper dem jeweiligen Ideal anzupassen, ist Thema des letzten Raums.

Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Neben der neuen Dauerausstellung ist auch die neue Sonderausstellung „Evolution – Wege des Lebens“ zu sehen, die bis zum 23. Juli 2006 läuft. Besucherservice: Telefon 0351 / 4846670 sowie E-Mail: service@dhmd.de.

Mehr Informationen im Internet:

www. dhmd.de

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