Gesundheit : Museumspädagogik: Die Museen werden zum Event

Anne Strodtmann

Die Fachwissenschaftler und die Museumspädagogen sehen die Welt jeweils mit anderen Augen. Ein mittelalterliches Tafelbild zeigt die Begegnung von Maria mit Elisabeth, der Mutter, von Johannes dem Täufer. Beide Frauen sind mit häuslichen Tätigkeiten befasst, die Kinder - der Jesusknabe und der kleine Johannes - spielen am Boden. Dem Kunstwissenschaftler "erzählt", aus welcher Epoche dieses Bild stammt ein solches Bild an Hand der Farbgebung oder der Körperhaltung der Menschen oder des Faltenwurfs der Gewänder. Wenn der Museumspädagoge das Bild zum Sprechen bringt, erzählt es von der Lebenswirklichkeit der beiden Frauen. Maria, die spätere Himmelskönigin hält eine Spindel graziös in ihren Fingern, ihre Gewänder sind kostbar und ihr Stuhl gleicht eher einem Thron. Der Jesusknabe ist wohlgestaltet und thront auf einem edlen Brokatkissen. Bei Elisabeth und ihrem Sohn geht es weit ärmlicher zu: Das Gewand der Frau ist einfach, sie muss wirklich arbeiten, und ihr Kind hat nur ein aufgeplatztes Kissen zum Sitzen. Diese soziale Geschichte kann und muss die Museumspädagogik sichtbar machen. An diesem Beispiel verdeutlichte Jochen Boberg vom Museumspädagogischen Dienst auf einer Tagung in Berlin, warum und wie sich Museen anders präsentieren müssen als es bisher üblich ist.

Klassische Aufgaben im Hintergrund

Die Museen müssen sich von vielen lieb gewordenen Vorstellungen verabschieden! Das meinten alle Referenten während der Tagung der Museumspädagogen. Die Bedeutung der Museen ist gerade in jüngster Zeit einem Wandel unterworfen. Dieser Bedeutungswandel ist vor allem in ihren Ausstellungen erkennbar. Veranstaltungen wie die Mammutausstellung "Sieben Hügel", die bis vor wenigen Wochen im Martin-Gropius-Bau zu sehen war, drängten die klassischen Aufgaben der Museen - Sammeln und Archivieren - in den Hintergrund. Nicht allein die Objekte, die ein Museum sammelt, sind von Bedeutung, sondern auch die Besucher, die die Sammlungen sehen wollen. "Die Museumspädagogik muss diese Entwicklung mit neuen Arbeitsansätzen begleiten", sagte Bernhard Graf vom Institut für Museumskunde in Berlin. Zu der Tagung, die vom Arbeitskreis Berliner Regionalmuseen in Zusammenarbeit mit dem Museumspädagogischen Dienst ausgerichtet worden war, kamen Museumsfachleute aus ganz Deutschland zusammen.

Ist es eigentlich positiv zu bewerteten, dass der Bildungsauftrag der Museen inzwischen vielfach zur Chefsache erklärt worden ist - die eigentlichen Erfinder jedoch die Museumspädagogen sind? Graf tröste die Museumspädagogen, sie sollten sich dabei nicht übergangen fühlen. Es sei vielmehr gut, wenn die Museumsleitung endlich die Ideen entwickelte, die die Museumspädagogen schon längst gehabt hätten.

Drei Aufgaben weist der Leiter des Museums für Kommunikation, Joachim Kallinich, den Ausstellungen zu: Sie sollten sich als ein Lernort verstehen. Der Besucher wird animiert, sich mit den Objekten der Ausstellung auseinanderzusetzen. Und Ausstellungen müssen spielerische Aspekte enthalten. "Hands on" gilt als Grundsatz für Ausstellungen, wie man neudeutsch sagt - früher sprach man von anfassen und begreifen. Im Museum für Kommunikation stellen sich diese drei Komponenten gleich im Eingangsbereich vor. Der Besucher wird von drei Robotern empfangen, die entfernt an R2D2 und seinen Kumpel C3PO aus den "Star Wars" erinnern. Zwei "Erwachsene" begrüßen und informieren ihn. Der dritte, eine knubbelige kleine Konservenbüchse, will lieber Fußball spielen.

Der Dialog mit dem Objekt

So gestaltete Ausstellungen sollen zur Kommunikation "anstiften". Das geschieht auf mehreren Ebenen: Die Objekte können sollen zum Medium der Kommunikation der Besucher untereinander werden. Gewünscht ist aber auch der "Dialog mit dem Objekt". Man muss die Objekte zum Sprechen bringen. Dabei geht es nicht zuletzt um den Freizeitwert. Denn die Museen befinden sich in ständigem Wettstreit mit Fernsehen, Kino, Sportstätten, Kinos und anderen Freizeiteinrichtungen.

Umfragen haben ergeben, dass nur etwa ein Drittel der Deutschen häufiger in ein Museum geht - 60 Prozent der Bevölkerung waren selten oder noch nie in einem Museum. Befragt, woher sie Informationen zur Geschichte bekommen, nannten die weitaus meisten Menschen das Fernsehen. Das Museum erreicht gerade einmal den neunten Rang. Dorothee Dennert, Museumspädagogin im Haus der Geschichte in Bonn, wusste aber von weiterreichenden Erfolgen zu berichten: 90 Prozent Besucher von geschichtlichen Ausstellungen erklärten, dass ein zweistündiger Museumsbesuch ihnen mehr Informationen gebracht habe als eine Fernsehsendung in gleicher Länge oder zwei Stunden Lesen.

Damit die Ausstellungsobjekte auch zu den Besuchern sprechen, die selten oder nie in ein Museum kommen, wurden ganz unterschiedliche Ansätze entwickelt. So können die Besucher im Haus der Geschichte in Bonn bei "Mit-mach-Programmen" den Spuren politischer Macht folgen. Unter dem Motto "Theater im Museum" werden zu verschiedenen Anlässen auch Schauspieler in die Ausstellung geholt, die in kleinen Spielszenen von acht bis zehn Minuten Informationen lebendig machen. Es zeigt sich, das bei der heutigen Event-Kultur das Museum nicht mehr nur das "kollektive Gedächtnis" eines Volkes ist und ein Instrument der höheren Bildung, sondern dass es selbst zum Event wird und werden muss.

Älteste Datenbank der Welt

Der Referatsleiter Museen in der Berliner Kulturverwaltung, Rainer Klemke, erinnerte an Walter Benjamin, der schon in den 1920er Jahren erklärt hatte: Die "Aura des Ortes und die Aura der Dinge" brächten die Menschen ins Museum. Der Besucher, so Klemke, wolle ein ganz persönliches Erlebnis mit dem Museum verbinden. Auf dieser Basis könne jedes Museum sein Profil entwickeln - eine Aufgabe an der die Museumspädagogen großen Anteil haben. Gleichzeitig hob Klemke aber auch den Informationswert der Museen hervor: "Das Museum ist die älteste Datenbank der Welt." Die Sammelobjekte und Exponate registrierten Dinge, die es heute nicht mehr gibt.

Mit ihrer Tagung hat die Museumspädagogik das Spektrum ihrer Tätigkeit neu abgesteckt. Über die didaktische Aufbereitung von Ausstellungen hinaus sind weitere ganz unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen: von der Entwicklung neuer Führungskonzepte in den Ausstellungen über Modelle zur Kulturarbeit mit Kindern, die Einbeziehung der neuen elektronischen Medien in die Museumsarbeit bis hin zu ganz neuen Arbeitsfeldern. Als Beispiel sei nur der überaus erfolgreiche Versuch in Finnland genannt, Sprachkurse in einem Museum anzubieten. Die Kombination vom Museumsbesuch und Spracherwerb führte eine nahezu unerreichbare Gruppe von Menschen ins Museum. Die Schüler erreichten auch ihr Ziel, sich in der fremden Sprache ausdrücken zu können sehr viel schneller als in konventionellen Sprachkursen. Die Wörter, die sie lernten, hatten sie als ausgestellte Objekte direkt im Blickfeld.

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