Gesundheit : Mustermann-Impfstoff gegen Vogelgrippe

Die Bundesregierung fördert die Erforschung von Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übergehen

Adelheid Müller-Lissner

Schon bald kann es so weit sein. Für den Prototyp eines Impfstoffes gegen die Vogelgrippe könnte im nächsten Jahr der Antrag auf europäische Zulassung gestellt werden. Falls es zu einer weltweiten Epidemie (Pandemie) mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 kommt, wäre das die Ausgangsbasis für einen schnelleren Impfschutz. Das sagte der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Reinhard Kurth, am Mittwoch vor der Presse.

Die Neuerung betrifft den Herstellungsprozess, denn heutige Grippe-Impfstoffe sind nach Kurths Worten „zwar gut, werden aber immer noch auf recht mittelalterliche Weise produziert“. Weil dafür bebrütete Hühnereier benötigt werden, dauert die Herstellung Monate. Zu lang für den Ernstfall.

In den neuartigen Impfstoff-Prototyp würde die Identität des Erregers erst „eingegeben“, wenn sie im Fall einer drohenden Pandemie bekannt sei. Ist diese Lücke gefüllt, geht die Herstellung jedoch schnell, so die Hoffnung von Politikern und Forschern. „Das ist wie bei einer Ausweiskarte, in der statt des Namens vorläufig noch ‚Mustermann‘ steht“, sagte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Sie stellte zusammen mit Forschungsministerin Annette Schavan und Verbraucherschutzminister Horst Seehofer eine vom Bundeskabinett beschlossene Forschungsvereinbarung für vom Tier auf den Menschen übertragbare Krankheiten vor, von Fachleuten Zoonosen genannt.

Große Hoffnungen setzt Schmidt in die Entwicklung von „Breitband-Impfstoffen“, die mehrere Erreger-Typen abdecken sollen. Ähnlich wie Breitband-Antibiotika das bei Bakterien können. Der Virusforscher Kurth dämpfte die Erwartungen: „Wir haben nicht die Illusion, einen Superbreitband-Impfstoff herstellen zu können, der gegen alle Influenza-Viren wirkt. Wir wären schon froh, wenn er alle H5N1-Varianten abdeckt.“

Thomas Mettenleitner, Leiter des Friedrich-Löffler-Instituts, verwies solche Projekte zudem gegenüber der Prototyp-Forschung in die etwas fernere Zukunft. Die Forscher freuen sich jedoch schon jetzt über einen massiven Einstieg der Firmen GlaxoSmithKline und Chiron in die Forschung. „Das ist sicher durch den Anstoß der Regierung gefördert“, sagte Kurth.

Die Forschungsvereinbarung der Bundesregierung sieht vor, dass in den nächsten vier Jahren insgesamt 60 Millionen Euro in die Erforschung der Zoonosen gesteckt werden. 20 Millionen fließen bereits in die Entwicklung von Impfstoffen für den Fall einer Pandemie. Jährlich fünf Millionen über vier Jahre will Schavan für einen „Förderschwerpunkt Zoonosen“ zur Verfügung stellen. „Das Geld für dieses neue Programm wird im Wettbewerb vergeben.“

Ausgeschrieben wird es für Forschungsvorhaben, in denen human- und veterinärmedizinische Aspekte zusammenkommen. Weitere 1,8 Millionen sind für eine „Forschungsplattform Zoonosen“ gedacht, mit der die Vorhaben vernetzt werden sollen – nicht zuletzt auf europäischer Ebene.

Im Rahmen des Forschungs-Sofortprogramms Influenza fließen außerdem 9,8 Millionen an das Verbraucherschutz- und 8,4 Millionen an das Gesundheitsministerium. Davon sollen mit „praxisorientierten Forschungsbemühungen Wissenslücken geschlossen“ werden, wie Seehofer sagte. „Warum fallen zum Beispiel infizierte Hühner so schnell von der Stange, warum erkrankten bisher Singvögel nicht?“ Der Minister wünscht sich zudem ein Antikörper-Nachweissystem für Wildtiere. Dieses sollte Aufschluss darüber geben, ob Tiere infiziert sind, ohne zu erkranken, oder ob Krankheiten bei ihnen ausheilen. Außerdem diene das Geld der Entwicklung von Schnelltests und von Impfstoffen auch für Heimtiere.

Die Finanzspritze aus dem Bildungsministerium soll auch das elektronische Meldesystem des Robert-Koch-Instituts für Infektionskrankheiten verfeinern helfen, durch Erfassen eventueller Kontaktpersonen und Schutzmaßnahmen. Drittens soll die Genauigkeit der mathematischen Modelle erhöht werden, mit denen Folgen einer Pandemie und die Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen nachgebildet werden. Durch den Pandemie-Plan von Bund und Ländern aus dem Jahr 2004 sei man auf das Auftreten einer Seuche, die von Wildtieren auf Säugetiere – und damit auch auf Menschen – übertragbar sei, vorbereitet. Auch mit Medikamenten: „Im Moment gibt es keine Engpässe, ich gehe davon aus, dass wir im Fall eines Falles über ausreichend Tamiflu und Relenza verfügen“, sagte Seehofer.

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