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Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus: Wie kann Deutschland in der Forschung an die Spitze kommen?

Hartmut Wewetzer

Wissenschaft ist elitär, nicht demokratisch. Helle Köpfe ziehen helle Köpfe an. Junge Leute sollten nicht für alte Leute arbeiten. Das sind drei Grundregeln für eine Spitzenhochschule, die dem Physiker Jürgen Mlynek einmal von einem Kollegen des Massachusetts Institute of Technology im amerikanischen Cambridge genannt wurden. Mlynek, Präsident der Berliner Humboldt-Universität, möchte sie nur zu gern beherzigen – wenn man ihn denn ließe.

„Science Made in Germany – Standortfaktoren für Spitzenleistungen in der Wissenschaft“ lautete der Titel des Symposiums aus Anlass der Verleihung des Georg-von-Holtzbrinck-Preises für Wissenschaftsjournalismus an Frank Grotelüschen und Klaus Bachmann. Humboldt-Präsident Mlynek eröffnete die Veranstaltung mit einem Plädoyer für gute Wissenschaft. Elitehochschule? „Wir meinen, wir können uns zu einem solchen Ort entwickeln. Wir versuchen, die Besten zu gewinnen.“ Die Botschaft: „Die deutschen Unis sind besser als ihr Ruf.“

In Sachen Reform der Republik scheinen die Politiker weiter als das Volk und die Professoren weiter als die Studenten zu sein. Anders als 1968 komme das Neue diesmal nicht von unten, sondern von oben, sagte Hamburgs Wissenschaftssenator Jörg Dräger. Der Protest der Studenten gilt besonders den Studiengebühren – gerade die stellte bei dem Symposium aber niemand mehr ernstlich in Frage. Studiengebühren gelten als wichtiger Bestandteil einer Reform – aber beileibe nicht als ihr einziger. Die anderen Stichworte lauten: Abbau von Bürokratie, Freiheit (und Wettbewerb) für die Unis, bessere Arbeitsmöglichkeiten für ausländische Forscher. Die Diskussion kreiste um diese neuralgischen Punkte.

Die USA sind in der Wissenschaft noch immer das „dreamland“ (Verleger Stefan von Holtzbrinck). Auf halben Weg dorthin hat sich schon die Schweiz gemacht. Zumindest ihr bestes akademisches Stück, die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich. „Wenn wir die ETH nicht hätten, wäre ich den ganzen Tag deprimiert“, bekannte Thomas Held von der Züricher Denkfabrik Avenir Suisse. Das Rezept der Hochschule: Nur die Hälfte der Mittel kommt direkt vom Staat, der Rest wird eingeworben. Zudem ist die Hochschule völlig autonom. So kann sie Talente erkennen und an sich binden, notfalls für sie Professuren einrichten.

„Humankapital ist ein sehr flüchtiges Gut“, sagte Bernd Ebersold, stellvertretender Generalsekretär der Max-Planck-Gesellschaft. Spitzenwissenschaftler werden auf dem Weltmarkt umworben, und die Preise ziehen an. Andere zahlen einfach besser. Das deutsche Tarifrecht muss also gelockert werden. Und auch das rigide Ausländerrecht. Hinderlich sind selbst so alltägliche Dinge wie mangelnde Kinderbetreuung oder Probleme für den Ehepartner des begehrten Wissenschaftlers, bei uns Arbeit zu finden.

Auch das Klima muss stimmen. Und da sendet Deutschland zur Zeit „keine guten Signale“ aus, wie Stefan von Holtzbrinck von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck kommentierte. Als Beispiele nannte er das Verbot von Versuchen mit gentechnisch veränderten Apfelbäumen durch die Verbraucherschutzministerin Renate Künast, das strenge deutsche Stammzellengesetz und das mangelnde Engagement in der Nanotechnik. „Die Wissenschaft muss vom Kopf ins Herz“, befand Hamburgs Wissenschaftssenator Dräger. „Wenn es nach den Bürgern geht, kann die Zahl der Lehrer und Polizisten gar nicht groß genug sein. Und Professoren? Davon kann man nicht wenig genug haben.“

Aber Wissenschaft ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass wir uns Luxus weiter leisten können, sagte Dräger. Ohne Professoren sind irgendwann auch die Polizisten nicht mehr zu bezahlen.

Im internationalen Maßstab haben deutsche Universitäten erhebliche Probleme, an der Spitze mitzuhalten. Wie dramatisch die Situation ist, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Bestenliste der Universität Shanghai (siehe nebenstehende Grafik). Beste deutschsprachige Universität ist danach die ETH Zürich (Platz 25), beste deutsche die Münchner Universität (Platz 48).

Schwerpunkt des Rankings war die naturwissenschaftliche Forschungsleistung: Nobelpreise, Zitierhäufigkeit, Studien in Fachblättern wie „Nature“ und „Science“. Die Liste ist also etwas einseitig, zudem gibt es Wettbewerbsverzerrungen durch eine gewisse Bevorzugung englischsprachiger Wissenschaftler und dadurch, dass in Deutschland die Spitzenforschung kaum noch an Hochschulen stattfindet. Auf der anderen Seite würde das schlechte deutsche Abschneiden wohl allenfalls gemildert, wenn all das berücksichtigt würde. Man wird sich anstrengen müssen, um den Rückstand zur Welt-Liga der Wissenschaft aufzuholen. Damit das Neue wieder „bei uns zu Hause“ ist, wie Uni-Präsident Mlynek sagte.

Die Uni-Bestenliste im Internet:

http://ed.sjtu.edu .cn/ranking.htm

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