Gesundheit : Mutig in den Ring steigen

Werden Geisteswissenschaftler zu wenig gefördert? Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ändert ihr Konzept

Amory Burchard

Wer das Dekanat des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin betritt, erkennt sofort, wohin die Reise geht. Gleich zwei großformatige Plakate der Ringvorlesung zu „Bioethik und Biopolitik – eine Folgenabschätzung der neuen Technologien“ hängen im Korridor. Niemand soll diese richtungweisende Veranstaltung übersehen, die vom Aufbruch der Geisteswissenschaftler ins 21. Jahrhundert kündet. Und von ihrer Krise: Viele fühlen sich unter Druck gesetzt, es den Naturwissenschaftlern an Forschungs-Effizienz und Relevanz für den Fortbestand der Menschheit gleichzutun.

Beredte Klage führt der Jenaer Romanist Reinhold R. Grimm, zugleich Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages. Die Situation der Geisteswissenschaften sei zurzeit von der „einseitigen Ausrichtung der öffentlichen Debatte auf die technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen“ und von den Sparmaßnahmen an den Hochschulen bedroht, sagt Grimm. Als „schlecht organisiert, ineffektiv und anwendungsresistent“ seien die großen Fächer verschrien. Die vielen kleinen Fächer würden im universitären Verteilungskampf um Professuren und Mitarbeiter erst recht marginalisiert.

Woran die Geisteswissenschaften aus der Sicht der Universitätsleitungen und der Forschungsförderer kranken, analysiert Grimm glasklar: Sie sind nicht so effizient und anwendungsorientiert wie andere Fächer, transportieren kein klares Berufsbild und erfahren deshalb kaum Unterstützung außerhalb der Universitäten. Wenn es darum geht, Drittmittel einzuwerben, sind Teamarbeit und internationale Vernetzung der Projekte gefragt. Geisteswissenschaftler aber sind Individualisten, die ihre Quellen im stillen Kämmerlein studieren und interpretieren.

Die Quittung für diese – laut Grimm – überzogene Kritik bekommen sie ausgerechnet von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die traditionell größte Fördererin historischer, philologischer und philosophischer Arbeiten hat ihre Programme auf Projektförderung umgestellt und die Geisteswissenschaften damit noch deutlicher benachteiligt, als es die niedrige Förderquote von nur 15 Prozent ohnehin belege.

Bei der DFG sind die Klagen inzwischen angekommen. „Wir wollen auf die Kritik reagieren“, sagt der Leiter der Gruppe Geistes- und Sozialwissenschaften, Manfred Nießen. Ende Februar lud die DFG 25 Geisteswissenschaftler zu einer Klausurtagung, um mehr über ihre „spezifischen Arbeitsbedingungen“ zu erfahren. Jetzt plant die DFG, nicht mehr nur große Forschergruppen in Zentren oder Sonderforschungsbereichen, sondern auch „kleine Einheiten von zwei bis drei Wissenschaftlern am Ort“ zu fördern.

Die DFG sehe eine „besondere Fürsorgepflicht“ gegenüber den von Marginalisierung bedrohten Geisteswissenschaften, betont Nießen. Der Anteil der nicht natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Fächer an der jährlichen DFG-Ausschüttung von rund 1,2 Milliarden Euro werde nicht etwa vom „forschungspolitischen Willen“ der DFG niedrig gehalten. In den vergangenen Jahren sei die Quote im Gegenteil leicht gesteigert worden – von 15 auf 16 Prozent. Um mit den „harten“ Fächern gleichzuziehen, „mangelt es aber an qualifizierten Anträgen“.

Wie sollte geisteswissenschaftliche Forschung aussehen, damit die DFG sie fördert? Muss sich ein Philosoph mit einem Hirnforscher zusammentun, um ein erkenntnistheoretisches Projekt zu starten? Muss ein Sprachwissenschaftler, der Minderheitensprachen in Deutschland erforschen will, auch die sozialen Probleme dieser Minderheiten lösen? Manfred Nießen winkt ab. Er hat zwar in den von der DFG herausgegebenen „Perspektiven der Forschung und ihrer Förderung“ für die Geistes- und Sozialwissenschaften „große Themen“ beschrieben. Und dort ist viel von interdisziplinärer Vernetzung die Rede. Konkrete Themenvorschläge könne er aber nicht machen, sagt Nießen. „Es ist vielmehr unser Job, spannende Sachen, die an uns herangetragen werden, aufzugreifen und ihnen Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.“

Die Volkswagenstiftung macht klarere Ansagen: Geisteswissenschaftler sollen „Schlüsselthemen anpacken, die Grenzen überschreiten und für die Öffentlichkeit interessant sind“, sagt Axel Horstmann, Leiter der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Er kann vom 62-Millionen-Euro-Etat der Stiftung jährlich immerhin 40 Prozent an seine Fächer ausschütten. Horstmann, der die Philologen und Philosophen noch vor einem guten Jahr als „förderresistente Problemfälle“ geißelte, die sich in „akademische Nischen“ zurückgezogen hätten und sich weigerten, themenübergreifend zu arbeiten, registriert heute „viel Bewegung“.

Die neuen, speziell auf Geisteswissenschaftler zugeschnittenen Programme der Stiftung liefen überaus erfolgreich an. Im Tandemprogramm für Postdocs, für das jeweils zwei bis drei Wissenschaftler zusammenarbeiten, lägen etliche erfolgreiche nicht naturwissenschaftliche Anträge vor. Und im Programm „Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften“ klappe die Kooperation mit Natur- und Biowissenschaftlern sehr gut. Ein Beispiel: Das 2001 bewilligte Projekt über das Naturverständnis in der Diskussion über den Naturpark Wattenmeer. Dort arbeiten Germanisten der Uni Hamburg mit Tourismusexperten, Ethnologen und Umweltforschern anderer Institute zusammen. „Es lohnt sich also, in den Ring zu steigen“, will Horstmann den resignierten Geisteswissenschaftlern zurufen.

Zurück nach Dahlem. Am Ende des Korridors mit den Bioethik-Plakaten sitzt der Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, Manfred Pfister. Der Anglist sprüht vor guter Laune. Die Geisteswissenschaften in einer prekären Situation? „Im Gegenteil“, sagt Pfister, „wir kommen an der FU in eine zunehmend stärkere Position und haben eine Erfolgsbilanz.“ Moment! – waren es nicht die großen Philologien an der Freien Universität, denen nach der Wende bis zur Hälfte der Stellen gestrichen wurden? Der Verwaltungsleiter des Fachbereichs, Matthias Dannenberg, nickt. Doppel- und Dreifachangebote hätten angesichts der desolaten Berliner Finanzsituation abgebaut werden müssen. „Aber durch das Abschmelzen des Personals ist die Leistungsfähigkeit des Fachbereichs gestiegen.“

Manfred Pfister legt einen Beweis auf den Tisch – die 2002 erfolgte positive Evaluation der Germanistik und der Anglistik an der FU durch das Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHI). Beide Fächer gehören „zur absoluten Spitzengruppe“ in Deutschland. Auch mit der DFG sind Pfister und Dannenberg zufrieden. Nach dem interdisziplinären Zentrum „Ästhetische Erfahrungen im Zeichen der Entgrenzung der Künste“ am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften wurde Ende 2002 auch noch ein neues Zentrum „Mittelalter - Renaissance - Frühe Neuzeit“ bewilligt. Die Drittmittel fließen also.

Um seinem Fachbereich den abgehobenen Klang zu nehmen, würde Pfister ihn gerne umbenennen. „Unser Gegenstand ist doch der Mensch und das Menschenwerk“, sagt er. „Humanwissenschaften“ klängen besser. Fast so gut wie Naturwissenschaften.

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