Gesundheit : Mutmaßungen über David

Nahöstliche Zweifel: Für keine der biblischen Gestalten gibt es bisher eindeutige wissenschaftliche Belege

Michael Zick

Der Kriegsherr hatte eine Spezialwaffe: Zur Unterstützung seiner brüllenden Heerscharen setzte er Posaunen ein. „Dann fiel die Mauer um.“ Jericho war erobert. Der Siegeszug der Israeliten war nicht mehr zu stoppen. So berichtet es das Alte Testament – und für viele ist das die einzige Wahrheit.

Mit ihrem jüngst erschienenen Buch „Keine Posaunen vor Jericho“ verweisen die beiden jüdischen Archäologen Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman den Bibel-Bericht in den Bereich des Märchens. Sie entfachen damit den Streit um den historischen Gehalt des Alten Testaments von neuem. Und das hat in Nahost mehr als nur wissenschaftliche Brisanz: Vor allem israelische Traditionalisten nehmen die biblischen Schilderungen als ehernen Beleg für ihren Territorialanspruch in Palästina. Jeder archäologische Hinweis in diese Richtung, und sei er noch so windig, wird mit großen medialem Getöse in die Öffentlichkeit posaunt.

So wieder geschehen Anfang dieses Jahres: Aus dem Nichts taucht bei einem Händler eine beschriftete Sandsteinplatte auf. In deren Inschrift lobt sich König Joas, dass er den Auftrag erteilte, auszubessern „was baufällig ist am Haus“. König Joas regierte laut biblischer Chronik von 840 bis 801 v.Chr. in Jerusalem. Und mit dem „Haus“ kann für Bibelgläubige nur der Tempel Salomons gemeint sein. Die Platte wäre der erste Beleg für den salomonischen Kultbau außerhalb der Bibel – eine Sensation.

„Die Tafel ist so gut wie sicher eine Fälschung“, holt Ulrich Hübner Enthusiasten wieder auf den Boden. Der Direktor des Instituts für Biblische Archäologie an der Universität Kiel ist sich in seinem Urteil einig mit Kollegen in Tübingen und Mainz: Schrift, Sprache, Text und Ausführung weisen nach ihrer Meinung zu viele Ungereimtheiten und Fehler auf, um echt zu sein.

Es bleibt also (vorerst) weiter dabei: „Das erste gesicherte absolute Datum der Geschichte Israels ist das Jahr 853 v.Chr.“, fasst Hübner den Stand des archäologisch gesicherten Wissens zusammen. In dem Jahr stoppte eine palästinensisch-syrische Koalition in einer Schlacht die Expansionsgelüste der Assyrer nach Westen. Auf der Koalitionsseite wird namentlich ein israelischer König Ahab erwähnt. Die Schlacht wird sowohl im Alten Testament als auch in den zeitlich zuverlässigen assyrischen Annalen erwähnt. „Danach gibt es dann immer dichter werdende absolute Zahlen für die israelische Geschichte", so Hübner.

Davor aber ist absolute archäologische Leere. Für den Stammvater Abraham gibt es ebenso wenig Belege außerhalb der Bibel wie für den allseits bekannten Reichsgründer David (laut Bibel: 1004 bis 965 v.Chr.) und seinen viel besungenen Nachfolger Salomon (laut Bibel: 965 bis 926 v.Chr.). Abrahams göttlicher Auftrag, das gewaltige Reich Davids, der glänzende Tempel Salomons – alles biblische Geschichten, durch keinerlei wissenschaftliche Erkenntnis belegt.

Dabei wäre es so schön und hilfreich für die Altertumsforscher, wenn das Alte Testament zuverlässiger wäre. Denn seine Geschichten zur Staatsgründung Israels beginnen in einer Zeit, in der die meisten anderen vorderasiatischen Nachrichten-Quellen versiegen. Ab 1200 v.Chr. gehen im östlichen Mittelmeer die Lichter aus: Die mykenischen Paläste werden kraftlos, das anatolische Hethiterreich zerfällt, Babylon und Assyrien schwächeln. Der internationale Handel kommt zum Erliegen. Die „dunklen Jahrhunderte“ legen sich verdüsternd über Kultur und Leben im Vorderen Orient.

Nur Ägypten kann sich isolationistisch behaupten. Ursache oder zumindest letzter Anstoß für den tief greifenden Umbruch am Ende der Bronzezeit sind raumgreifende Wanderungen von Menschengruppen aus dem Norden und dem westlichen Mittelmeer, zusammengefasst unter dem Schlagwort „die Seevölker“.

Das verheißene Land

Mittendrin aber, so das Alte Testament, flieht ein ganzes Volk aus Ägypten, irrt 40 Jahre lang durch die Wüste und erobert schließlich das verheißene Land Kanaan. Es folgen Reichsgründung, Konsolidierung, Religionsstreitigkeiten, Zerfall des Königtums, Vernichtung und Verschleppung, Rückkehr aus dem Exil, endgültige Etablierung des „Einen Gottes“. Welch eine Geschichte – wenn sich bloß Beweise für den Beginn finden ließen!

Aber schon die heroische „Landnahme“ wird angezweifelt. Sehr wahrscheinlich, so der Berliner Archäologe Hartmut Kühne, waren die Proto-Israeliten Kleinvieh züchtende Nomaden, die wegen einer Klimaänderung aus der syrischen Steppe nach Palästina eingewandert waren. Ab 1200 v.Chr. sickerten sie weitgehend friedlich in die fruchtbaren Küstengebiete ein und etablierten sich als Königreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem im Süden und als Königreich Israel mit der Residenz Samaria im Norden.

Von der legendären Anfangszeit abgesehen, müsse bis etwa 500 v.Chr. immer zwischen diesen beiden Staaten unterschieden werden, so Ulrich Hübner. Sie hatten außer nachbarschaftlichen Händeln und Handel nicht viel miteinander zu tun. Den Nordstaat Israel verleibte sich Assyrien irgendwann zwischen 722 und 718 v.Chr. als Provinz ein. Das Südreich Juda griff sich 586 v.Chr. der Neubabylonier Nebukadnezar II. Erst die Hasmonäer-Dynastie (142 v.Chr.) vereinte die beiden Länder gewaltsam zu einem Reich Israel. Das alles ist unstrittig.

Die Geschichte Israels davor mit der Bibel in der Hand zu beweisen – koste es, was es wolle, und sei es die Wahrheit –, war das erklärte Ziel der Biblischen Archäologie im 19.Jahrhundert. Bei den europäischen Archäologen hat längst ein Umdenken stattgefunden. In Israel läuft jeder leicht Gefahr, als – zumindest ideologischer – Staatsfeind diffamiert zu werden, der die alten Geschichten hinterfragt oder gar in Abrede stellt.

Dabei gibt es einen weitgehenden Konsens unter internationalen Archäologen, dass die ergiebigsten und schönsten israelischen Grabungen – etwa in Meggido, Dan, Hazor oder Geser – zwar neues und aufregendes Wissen über Orte und Landschaften Palästinas in der Bronzezeit erzeugt haben, aber eben nicht für die anschließende frühe Eisenzeit, die Ära des Alten Testaments.

Grundlegend ändert daran auch eine schwer beschädigte Inschrift aus dem 9. Jahrhundert v.Chr. nichts, die vor etlichen Jahren in Dan gefunden wurde und bei gutwilliger Lesart die Zeile enthält: „…vom Hause David. Und ich machte…“ Dies wäre die erste außer-biblische Erwähnung des Namen David.

Eine aufbauende Geschichte

„Die Inschrift war sekundär verbaut“, sagt Hübner. „Man kann sie durch die Beschädigung nicht vollständig verstehen und erst recht nicht datieren. Minimalistisch betrachtet, weiß man daraus nur, dass der Stammvater der in Jerusalem herrschenden Dynastie David hieß." Hübner will aber nicht minimalistisch denken und sieht in der Inschrift kombiniert mit anderem Wissen „einen Anhaltspunkt für die Historizität dieses David. Aber das ist schon ein bisschen Interpretation.“

Ganz klar ist dagegen für Hübner: „Den Auszug aus Ägypten, wie er im Alten Testament beschrieben wird, hat es mit Sicherheit in dieser Form nicht gegeben.“ Die Faktizität dieser Geschichte ist ihm auch gar nicht wichtig, denn: „Die Exodusgeschichte an sich ist eine sinnvolle, schöne, aufbauende Geschichte, die zeigt, wie jemand, der unterdrückt wird, sich aus der Unterdrückung befreien kann, und der Unterdrücker dabei den Kürzeren zieht.“ So gelesen, hat die Bibel doch Recht.

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