Gesundheit : Nabelschnurblut: Rettungsleine bei Blutkrebs

Adelheid Müller-Lissner

Für viele Menschen, die an Blutkrebs erkrankt sind, besteht die einzige Hoffnung auf Heilung darin, dass Knochenmark oder Stammzellen eines Gesunden helfen, wieder eine normale Blutbildung in Gang zu setzen, nachdem die Krebszellen durch Chemotherapie abgetötet wurden. Denn im Knochenmark sind Vorläuferzellen enthalten, aus denen sich alle Blutzellen neu bilden können.

Aber was den Spender betrifft, ist der Körper des Kranken wählerisch. Der Spender muss genau passen, damit nicht Abwehrzellen des Transplantats sich gegen das geschwächte Immunsystem des Wirts auflehnen und es abzustoßen versuchen. Wenn passende Spender fehlen - an allererster Stelle kommen dafür Geschwister in Frage - und auch eine Therapie mit eigenen, gereinigten Blutstammzellen nicht in Betracht kommt, ist guter Rat teuer.

Seit einigen Jahren gibt es allerdings Erfahrungen mit einer anderen Quelle für Vorläuferzellen des blutbildenden Systems: mit Nabelschnurblut. Es kann gleich nach der Geburt eines Kindes gesammelt werden. Dieses Blut ist tatsächlich ein besonderer Saft. Die Zellen, die für die Immunabwehr zuständig sind, sind noch nicht voll ausgereift. Kommt es in den Organismus eines anderen Menschen, so fallen deshalb seine Abwehrreaktionen wesentlich gedämpfter aus. Allerdings enthalten die 60 bis 120 Milliliter, die bei einer Entbindung gesammelt werden können, so wenige Vorläuferzellen, dass man sie bisher nur zur Behandlung von Kindern bis zu einem Körpergewicht von 25 Kilo eingesetzt hat.

In der neuesten Ausgabe des amerikanischen Mediziner-Fachblatts "New England Journal of Medicine" (Band 344, S. 1815) wird nun über eine Studie berichtet, für die erstmals Erwachsene mit Nabelschnurblut behandelt wurden. Sie litten alle unter lebensbedrohlichen Störungen des blutbildenden Systems. Sie hatten alle eine Hochdosis-Chemotherapie oder Ganzkörperbestrahlung hinter sich und keinen passenden Knochenmarkspender.

Schwere Formen der Immunreaktion der Spenderzellen gegen den Empfänger zeigten sich nur bei elf der 55 Patienten in den ersten 100 Tagen, obwohl die Merkmale beider in den meisten Fällen keineswegs ideal zusammenpassten. Bei 55 der 68 Patienten konnte das blutbildende System wieder aufgebaut werden. Dies ging allerdings deutlich langsamer als nach einer Knochenmarkstransplantation - für viele zu langsam. 19 der 68 Behandelten waren 40 Monate nach der Transplantation noch am Leben, 18 von ihnen ohne Krankheitszeichen. In einem Kommentar zu der Studie hebt die französische Forscherin Eliane Gluckman hervor, dass die Ergebnisse der Nabelschnurblut-Transplantation nicht zuletzt von der Menge an brauchbaren Vorläuferzellen abhängen, die sich in der jeweiligen Spende finden.

Inzwischen wird deshalb versucht, die Hälfte des vorgesehenen Transplantats zuvor schon im Reagenzglas zur Vermehrung der blutbildenden Zellen anzuregen. Gerhard Ehninger, Hämatologe und Onkologe an der Medizinischen Klinik der Uni Dresden, überprüft derzeit zusammen mit Kollegen der Universitätsklinik in Frankfurt am Main die Verwendung solcher "vordifferenzierter" Zellen bei Erwachsenen. Die Studie geht jedoch, wie er betont, nur langsam voran. Denn aufgenommen werden nur Erwachsene, für die sich kein Knochenmarkspender findet. "In den allermeisten Fällen finden wir einen Spender."

Seit 1997 wird in drei deutschen Zentren, in Dresden, Düsseldorf und Mannheim, Nabelschnurblut tiefgekühlt aufbewahrt, das in verschiedenen Geburtskliniken gewonnen wurde, unter anderem auch im St-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof. Die Nabelschnurbanken arbeiten mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei in Tübingen zusammen. Es sammeln allerdings auch einige private Firmen, die werdenden Eltern das Angebot einer ganz besonderen Art von Vorsorge machen. Gegen gutes Geld können sie das Nabelschnurblut ihres Neugeborenen dort wahlweise für dessen gesamte Kindheit oder per 99-Jahre-Vertrag lebenslänglich aufbewahren lassen. Für den Fall, dass das Kind selbst eines Tages Blutstammzellen brauchen sollte. Haben diese Firmen, deren Seriosität von den Vertretern der öffentlichen Nabelschnurblutbanken von Anfang an stark angezweifelt wurde, durch die Erwachsenenstudie jetzt ein neues Argument in der Hand? Können sie eine Art von Lebensversicherung gegen Krebs bieten?

"Keineswegs", betont Ehninger. "Und das schon deshalb nicht, weil eigene Zellen nie die gleiche Abwehr-Potenz haben können." Der Kampf, den die Spenderzellen sich mit dem kranken "Wirt" liefern, ist - so gefährlich er werden kann - zum Teil eben auch ein erwünschter Kampf gegen dort verbliebene bösartige Zellen.

Es gibt weitere Argumente dagegen, viel Geld für die Lagerung des Nabelschnurbluts der eigenen Sprösslinge zu zahlen. Unklar ist, ob es sich überhaupt über Jahrzehnte lagern lässt. Klar ist dagegen: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass man es jemals brauchen wird. Leukämien sind glücklicherweise selten. Und als All-Round-Mittel gegen alle Arten von Krebs taugen die spezialisierten Vorläuferzellen nicht. Die Wahrscheinlichkeit, einem anderen Menschen mit dem Blut aus der eigenen Nabelschnur helfen zu können, ist um ein Vielfaches höher. Es muss nicht so genau passen wie das Knochenmark. Mütter, deren Eigentum Plazenta und Nabelschnur rechtlich gesehen darstellen, können also zweifach Leben spenden.

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