Gesundheit : Nach dem Boom ist vor dem Boom

Trotz der Krise der New Economy strömen die Studenten optimistisch in die Informatik – vielleicht zu Recht

Tilmann Warnecke

Die Rausch der New-Economy ist beendet, die Firmen der IT-Branche entlassen Mitarbeiter. Wer will da noch Informatik studieren? Von einem Kater an den Hochschulen kann trotzdem nicht die Rede sein. Die Informatik-Seminare an den Hochschulen bleiben zwei Jahre nach dem IT-Boom und der Green-card-Debatte weiter brechend voll. Die Freie Universität Berlin etwa hat zum Wintersemester 150 Informatik-Erstsemester aufgenommen, obwohl die Ausstattung eigentlich nur knapp hundert zulässt. „Wäre unsere finanzielle Situation besser, könnten wir mehr Studenten aufnehmen“, bedauert Elfriede Fehr, Prodekanin der FU-Informatik. Günter Hommel, Prodekan der TU-Informatik, bestätigt: „Die Lage an unserem Fachbereich ist so angespannt wie vor drei Jahren.“

Und das, obwohl die Bewerberzahlen für die Informatik seit langem bundesweit erstmals rückläufig sind. Den Studiengang Internationale Medieninformatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) wollten vor zwei Jahren, zur Hochzeit des IT-Booms, noch 499 Anfänger belegen. Dieses Semester gingen nur 230 Bewerbungsschreiben bei der FHTW ein. Doch bei 40 Studienplätzen muss die Hochschule immer noch deutlich mehr Studenten ablehnen, als sie aufnehmen kann. Dem Rückgang der Bewerberzahlen gewinnt FHTW-Professor Jürgen Sieck aber trotzdem etwas Positives ab: „Es fallen jetzt die Studenten weg, die Informatik vor allem wegen der Berufsaussichten studieren wollten. Die Studienanfänger sind wieder besser auf das Studium vorbereitet.“

Täglich neue Hiobsbotschaften

Allerdings gibt es täglich neue Hiobsbotschaften aus der IT-Branche, die potenzielle Bewerber von einem Informatik-Studium abhalten könnten. Längst plakatieren große Software-Unternehmen an den Uni-Gängen nicht mehr die lockende Botschaft: „Kommen Sie zu uns, selbst wenn Sie nur wenige Semester studiert haben“, wie sie es bei den TU-Informatikern taten. Und auch der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), der letztes Jahr noch 723 000 fehlende IT-Fachkräfte für 2003 voraussagte, wagt angesichts sinkender Beschäftigungszahlen in der Branche keine neuen Prognosen: „Einen Bedarf können wir gar nicht nennen“, wiegelt Bitkom-Sprecherin Elke Siedhoff entsprechende Anfragen ab.

Doch nicht alle Informatiker sind auf dem Arbeitsmarkt unattraktiv, so dass die unentwegten Studenten, die das Fach noch immer wählen, auf lange Sicht Recht haben könnten. Informatiker mit Uni-Abschluss haben weiterhin gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. „Arbeitslos werden zunächst einmal die Quereinsteiger. Hochspezialisierte Informatiker fehlen dagegen noch immer“, sagt Jörg Maas, Geschäftsführer der Gesellschaft für Informatik. Martin Zehe vom Arbeitsamt Berlin, der wegen der vielen Start-Up-Pleiten in der Hauptstadt mit der Problematik arbeitsloser IT-Kräfte besonders vetraut ist, macht Hochschulabsolventen ebenfalls Mut: „Diplom-Informatiker geht es noch am besten. Sie haben die besten Chancen, bei großen Firmen unterzukommen.“

Alle Berliner Universitäten würden deswegen gerne mehr Informatiker ausbilden, wenn es denn finanziell zu leisten wäre. Zwar stellte die Bundesregierung 2000 ein Sofortprogramm von damals 100 Millionen Mark zur Verbesserung des Informatikstudiums auf die Beine – für alle deutschen Hochschulen zusammen, wohlgemerkt. Die FU finanzierte von ihrem Anteil zusammen mit Unimitteln eine neue Professorenstelle samt Ausstattung, die HU konnte ein Tutorenprogramm auflegen. Alle Unis verbesserten zudem ihre technische Ausstattung. Insgesamt allerdings, meint FU-Informatikerin Fehr, sei das „wenig mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Die TU bräuchte gut das Dreifache der Mittel, um eine adäquate Lehre gewährleisten zu können, meint Prodekan Hommel.

„Keine einzige Bewerbung“

Von der Flaute in der Wirtschaft könnten die Hochschulen sogar profitieren. Bislang wandten qualifizierte wissenschaftliche Mitarbeiter und studentische Hilfskräfte der Hochschule den Rücken zu, da sie bei Unternehmen besser verdienten. „Wir können mit BAT-Gehältern in der freien Marktwirtschaft einfach nicht konkurrieren“, meint Fehr. Ihr FU-Kollege Klaus-Peter Löhr, der die besonders begehrten Softwareentwickler betreut, konnte ein Jahr lang eine Habilitandenstelle nicht besetzen: „Auf Ausschreibungen gab es keine einzige Bewerbung.“ In anderen Fachbereichen würden sich Anwärter auf eine solche Position dagegen vermutlich duellieren, um den Posten zu bekommen. Die TU hatte sogar Probleme, genügend Tutoren zur Betreuung der Erstsemester zu finden.

Mit sinkenden Gehältern in der Wirtschaft hofft Löhr jetzt auf eine Umkehrung dieser Entwicklung. Anzeichen dafür gibt es bereits: Laut einer Umfrage der Computerwoche kamen mit der Fraunhofer-Gesellschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum erstmals drei Forschungseinrichtungen unter die zwölf beliebtesten Arbeitsgeber für Informatik-Absolventen. Die Informatiker an den Universitäten warnen deswegen davor, mit der Flaute der IT-Branche die Hochschulausbildung in dem Fach zu vernachlässigen. Vielerorts rechnen die Informatiker für das nächste Semester wieder mit einer vollen Auslastung ihrer Kapazität. „In spätestens einem halben Jahr schreien wieder alle nach Informatik-Studenten“, prophezeit Jörg Maas von der Gesellschaft für Informatik.

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