Gesundheit : Nach dem Marsch auf Madrid

Anna Kemper

Sevilla ist für seine Prozessionen berühmt, und auch in diesen Wochen sind die palmengesäumten Alleen der andalusischen Großstadt mit Menschen gefüllt. Doch statt der obligatorischen goldgeschmückten Jungfrau Maria tragen sie eine ausgestopfte Stoffpuppe mit dem Gesicht der Erziehungsministerin Pilar del Castillo auf den Schultern, und ihre Gesten der Puppe gegenüber zeugen nicht gerade von christlicher Nächstenliebe. Mit einem Gesetz, das die spanischen Hochschulen reformieren soll, hat sich die Ministerin der mit absoluter Mehrheit regierenden konservativen Partido Popular (PP) landesweit Unmut zugezogen.

Seit Wochen protestieren in bis dato unbekannter Einigkeit Studenten, Professoren und Verwaltungspersonal der spanischen Universitäten gegen das Universitätsgestz, das "Ley Orgánica de Universidades" (LOU), das Ende Oktober vom Kongress verabschiedet wurde und jetzt dem Senat vorliegt. Fakultäten bleiben geschlossen, weil Professoren den Streik ausrufen, jeden Mittwoch gehen in Spanien zehntausende Studenten auf die Strasse, organisieren Diskussionsforen und besetzen nachts die Unigebäude. Höhepunkt war am vergangenen Sonnabend der "Marsch auf Madrid": Rund 300 000 Demonstranten reisten in die Hauptstadt - seit der Ablösung der Sozialisten durch die Konservativen im Mai 1996 die größte Demonstration gegen die Politik der Regierung.

Dennoch reagiert die Ministerin gelassen und bezweifelt, dass die Demonstranten überhaupt den Gesetzestext gelesen haben. Sie wiederholt hartnäckig das Ziel ihrer Reform: die Verbesserung der Qualität der spanischen Hochschulen. Mit diesem Vorhaben kann sich Luis Andres, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Sevilla, einverstanden erklären. Dennoch bleiben schon seit fünf Wochen die Hörsäle seiner Fakultät leer. Andres und seine Kollegen streiken aus Protest gegen die Reform, und erst im neuen Jahr werden sie ihre Arbeit wieder aufnehmen. Denn sie sehen das hehre Ziel der Qualitätsverbesserung durch das Gesetz eben nicht verwirklicht. Stattdessen befürchten sie eine verstärkte Kontrolle der Universitäten durch die Politiker: Eine nationale Bewertungskommission soll in Zukunft die Qualität von Lehre und Forschung prüfen, allerdings lässt die Regierung im Dunkeln, wie sich eine solche Kommission zusammensetzen könnte.

Diese Lücke macht misstrauisch: "Wir haben nichts gegen eine Bewertung unserer Leistungen", so Andres, "allerdings müssen vorher Kriterien festgelegt werden, und diese müssen akademischer, nicht politischer Natur sein." Zudem soll die Ernennung von Professoren stärker durch die Politik kontrolliert werden: Die neue nationale Habilitation sieht eine schriftliche Klausur vor einem nationalen Gremium vor, dessen Zusammensetzung ein der Ministerin unterstellter Ausschuss bestimmt.

Eine weitere Neuerung betrifft die Wahl des Rektors. Dieser wird zukünftig nicht mehr von Vertretern aller Hochschulangehörigen gewählt, sondern direkt von Studenten, Verwaltungsangestellten und Dozenten. Das ist jedoch nur scheinbare Basisdemokratie: Die Stimmen der Dozenten werden dabei mindestens mit 51 Prozent gewichtet. In einer Universität wie Sevilla mit rund 80 000 Mitgliedern wären das Wahlen mit ungeheurem Ausmaß. "Und wer kann schon eine Wahlkampagne finanzieren, die eine so große Anzahl von Wählern erreicht?" fragt Andres. Für ihn ist die Antwort klar: Die politischen Parteien werden sich kräftig einmischen.

Am stärksten stößt jedoch die Art und Weise, mit der die Regierung in den vergangenen Monaten gehandelt hat, auf Unverständnis. So waren bis Ende Mai nur Leitlinien des Gesetzes bekannt, der fertige Entwurf wurde Ende Oktober in einer einzigen 17-stündigen Dauersitzung durch den zuständigen Ausschuss geboxt. Ausser elf minimalen Änderungen lehnte die PP dabei alle 800 Verbesserungsvorschläge der Opposition ab.

Dabei stellt niemand den Reformbedarf der spanischen Universitäten in Frage. Zum größten Problem der Universitäten, nämlich ihrer kargen Finanzierung, sagt das neue Gesetz allerdings nichts. Die liegt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, weit unter EU-Durchschnitt. Und das, obwohl Spanien europaweit den zweithöchsten Anteil an Studenten in der Bevölkerung hat. Das Land verfügt nicht über ein duales Ausbildungssystem, und so werden auch die kaufmännischen Berufe an der Universität gelehrt. Geld fehlt an allen Ecken und Enden, und ob das Ideal der universitären Bildung durch überfüllte, aber kostengünstige Massenvorlesungen erreicht werden kann, ist fraglich. Vorlesungen sind die einzige Form von Lehrveranstaltungen an spanischen Unis, hier wird wortgetreu mitgeschrieben und auswendig gelernt, um am Ende des Jahres ebenso wortgetreu die Meinung des Dozenten im Examen wiederzugeben.

"Ein neues Hochschulgesetz wäre endlich die Chance gewesen, unsere Universitäten grundlegend zu ändern und zu verbessern", meint Javier Sánchez, Vorsitzender der Studentenvertretung in Sevilla. Die Studenten wehren sich vor allem gegen die geplanten Zulassungsprüfungen: Bisher konnten die Spanier mit dem Schulabschluss frei die Universität wählen, "aber wenn ich jetzt zufällig in einer Stadt wohne, in der die Uni eine besonders schwere Prüfung hat, werde ich gezwungen, in eine völlig andere Region zu ziehen, in der die Uni eine leichte Prüfung hat", so Sánchez. Und das ist für spanische Studenten, die zum Großteil während des Studiums bei ihren Eltern wohnen, in erster Linie ein finanzielles Problem.

Die Chancen, doch noch eine Änderung des Gesetzes zu bewirken, sind gering. Schließlich hat auch im Senat die PP die absolute Mehrheit, und so wird das Gesetz wohl noch vor Weihnachten in Kraft gesetzt. Sánchez kommt zum Schluss: "Aber wir zumindest wollen zeigen, dass wir uns nicht mundtot machen lassen. Und sehr wohl das Gesetz gelesen haben!"

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