Gesundheit : Nach dem Pisa-Schock

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Nach den desillusionierenden Ergebnissen der Pisa-Studie folgte das Massaker von Erfurt. Beide Ereignisse erschütterten nachhaltig den Glauben an die deutschen Schulen. Und beide Ereignisse werfen die Frage nach Schulreformen auf – doch unter gegenteiligen Vorzeichen. Die Pisa-Studie hat Leistungsdefizite der Schüler und Förderschwächen der Schulen aufgezeigt. Der Jugendforscher Wilhelm Heitmeyer hat bereits davor gewarnt, dass Jugendliche auf steigenden Leistungsdruck mit mehr Gewalt reagieren können – besonders diejenigen, die die Erwartungen nicht erfüllen können. Dann stellt sich die Frage, ob das Massaker von Erfurt erst der Anfang einer neuen Gewaltwelle an den Schulen ist.

Wie sollen die oft geforderten Schulreformen aber aussehen – dieser Frage stellen sich 42 Prominente aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in dem neuen Buch „Nach dem Pisa-Schock – Plädoyers für eine Bildungsreform“. Die drei Herausgeber: Bernd Fahrholz, Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank, und die beiden Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel (SPD) und Peter Müller (CDU). Alle drei stellten ihr Werk jetzt in Berlin vor.

Schule als Lebensraum

„Pisa und Erfurt haben eine Menge miteinander zu tun", schlug Gabriel den Bogen zwischen beiden Ereignissen. In der Schule müssten Jugendliche nicht das Wissenspensum, sondern auch den Umgang mit ihren Ängsten lernen. „Die Schule braucht Zeit und Raum um sich damit zu beschäftigen", forderte Gabriel. In seinem Aufsatz wird er deutlicher. Alles soll die Schule der nahen Zukunft leisten: Integration und Leistung, als Lebens- und als Orientierungsraum soll sie dienen. Dafür will er den Schulen künftig auch nicht mehr in allen Einzelheiten vorschreiben, wie sie ihre Aufgaben erfüllen. Es soll bei Rahmenvorgaben bleiben.

Wertevermittlung steht für Peter Müller im Zentrum der Antworten. Auch er denkt, dass Jugendliche in der Schule lernen müssen, mit Misserfolgen umzugehen. Für beide Politiker steht fest, dass das Lernen künftig stärker in Ganztagsschulen geleistet werden soll. Den „Acht-Stunden-Tag für Lehrer und Schüler" fordert Gabriel entschieden und – wie er selbst einräumt – provokativ. Müller relativiert, ist auch für mehr Ganztagsschulen, aber mit einem Abwahlrecht für die Eltern, die ihre Kinder lieber nachmittags zu Hause haben wollen.

Bildung als Anker

Auch der Banker Fahrholz sieht die Vermittlung sozialer Kompetenzen an den deutschen Schulen skeptisch. Auf einer englischen Schule sieht er sich darin besser ausgebildet. Vielleicht überraschend: Fahrholz setzt den Akzent bei der Schulreform nicht sofort bei der wirtschaftlichen Verwertbarkeit. „Bildung als Anker“ heißt sein Beitrag, in dem er die Wertevermittlung an den Schulen einfordert.

Zwei Ministerpräsidenten, einer schwarz, einer rot, ein einflussreicher Banker und mit ihnen viele andere Prominente wie der Unternehmensberater Roland Berger, der frühere Manager Erich Staudt, der frühere SPD-Politiker Peter Glotz, die Kultusminister Gabriele Behler und Willi Lemke, Familienministerin Christine Bergmann, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel ... - bei so viel einflussreicher Prominenz, die alle eine neue Bildungsreform wollen, sollte es eigentlich klappen. Doch trotz kluger Gedanken und Anregungen in dem Bändchen bleibt Skepsis; denn all dies geht wahrscheinlich an den Schulen vorüber. Sammlungen von Ideen haben die Lehrer über die Jahrzehnte häufig erlebt. Spannend bleibt, wer Ansatzpunkte für die Umsetzung findet. Bärbel Schubert

Buch-Hinweis: „Nach dem Pisa-Schock – Plädoyers für eine Bildungsreform“, herausgegeben von Bernd Fahrholz, Sigmar Gabriel und Peter Müller, Hoffmann und Campe.

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