Gesundheit : Nach guten Erfahrungen in der Schweiz startet die Bertelsmann-Stiftung einen Modellversuch in Nordrhein-Westfalen

Gudrun Weitzenbürger

Zehn Jahre ist es her, da organisierte Liz Mohn, Mitglied im Beirat der Bertelsmann-Stiftung, zum ersten Mal einen internationalen Gesangswettbewerb. Der Wettbewerb fand dann unter der Mitwirkung von Herbert von Karajan statt. Die Gewinner kamen zumeist aus Osteuropa, ein weltweit verbreitetes Fänomen. Darüber diskutierte man innerhalb der Bertelsmann-Stiftung mit dem inzwischen verstorbenen Intendanten der Münchner Bühnen August Everding. Einig geworden war man sich letztendlich darüber, daß die Musikerziehung an den deutschen Schulen zu wünschen übrig lasse. Die Bertelsmann-Stiftung startet jetzt einen Modellversuch, an dem fünf Grundschulen in Nordrhein-Westfalen nach den Sommerferien teilnehmen.

Ziel des musikalischen Versuchs soll es sein, bei Direktoren und Lehrern das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Musik als Unterrichtsfach die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler insgesamt steigern kann. Denn bisher wird der Unterricht in Musik wie auch in bildender Kunst vernachlässigt. Angehende Grundschullehrer in Nordrhein-Westfalen erhalten beispielsweise keine Musikausbildung, und Musik ist auch kein Pflichtstudienfach. Die eine Stunde, die der Lehrplan vorsieht, fällt zudem oft zugunsten anderer Fächer aus. "Es geht uns nicht um das Glockenspiel oder die tänzerische Bewegungsfähigkeit der Kinder, sagt Helmut Wittig, Projektleiter in der Bertelsmann-Stiftung. "Wir wollen Übungsfelder für die Musik schaffen."

Um ihrem Vorhaben Nachdruck zu verleihen, hatte die Bertelsmann-Stiftung Peter Maffay zur Pressekonferenz geladen. Der prominente Vertreter der Rockszene war sicherlich der exotischste Kopf auf dem Podium. Es bleibt nur die Frage, ob denn den lieben Kleinen in Zeiten der Spice Girls und 20th Centuries Girls der Name des Alt-Rockers Maffay bekannt ist.

Im Kultusministerium ist Hartmut Wittig für das Projekt zuständig, der sich auf Erfahrungen in der Schweiz beruft. Dort haben die Schulbehörden drei Stunden aus dem Unterrichtsplan gestrichen und dafür Musik in die Schulen gebracht. Dieses Modellprojekt zeigte, dass die Schüler deutlich bessere Leistungen erbringen. "In Deutschland", so Wittig, "ist ein solches Projekt undenkbar. Da würde dann von Bildungsnotstand gesprochen."

Das Vorhaben in Nordrhein-Westfalen ist auf fünf Jahre angelegt und wird an jeweils einer Grundschule in Dortmund, Gütersloh, Lüdinghausen, Münster und Unna verankert. Es wird mit 2,5 Millionen Mark gefördert. Davon sollen Personalkosten getragen, Konzepte entwickelt, Symposien gehalten und Workshops organisiert werden.

Wissenschaftlich begleitet werden die zwei für den Musikunterricht vorgesehenen Lehrerinnen oder Lehrer von Hochschulprofessoren, die aus den Ergebnissen dann auch eine Expertise stricken. Das Konzept sieht vor, dass einer der Lehrer bereits Musik als Studienfach belegt hat und den anderen Kollegen dank dieser Vorerfahrung anleiten soll. "Dass viele Lehrer Musik gar nicht unterrichten können - da liegt doch der Hase im Pfeffer", sagt Wittig. Grundschullehrer kämen heute ohne Kunst- und Musikkenntnisse in die Schule. Der Stundenplan werde "ausschließlich nach kapitalistischem Denken gestaltet". Die Kinder fielen in eine Welt, in der Technologie als Segen gepriesen werde.

Angesichts dieser Thesen halten sich die Vertreter der am Projekt teilnehmenden Schulen ein wenig bedeckt. "Wir unterrichten ja keine reine Mathematik", sagt Hans Balter, Direktor der Grundschule Hemmerde bei Unna, "wir singen auch schon mal ein Liedchen". Er gesteht jedoch ein, dass Musikunterricht oft fachfremd erteilt werde und Lehrer sich nicht an die Instrumente herantrauen. "Der musikalische Block könnte um ein oder zwei Stunden erweitert werden", so Balter. Doch er sieht dafür im Lehrplan keinen Platz.

Die Lehrer der fünf Schulen besuchen Weiterbildungskurse, die die Bertelsmann Stiftung organisiert. Sie bekommen "Hausaufgaben aufgedrückt, die sie auch sorgfältig machen", erkennt Wittig an. In regelmäßigen Abständen werden sie ihre Erfahrungen austauschen und Bausteine für einen organisierten Unterricht der Musikkultur ausarbeiten.

Wie aber geht es nach den fünf Jahren weiter? Noch ist nicht klar, inwieweit das Kultusministerium Inhalte und Umfang der Musikprogramme flächendeckend einführen und auch in die Ausbildung von Lehrern an den deutschen Universitäten einfließen lassen wird.

Wittig möchte in der Zwischenzeit eine Zusammenarbeit zwischen Musikschulen und Grundschulen erreichen. Das fehlende Lehrpersonal an den staatlichen Schulen solle von privaten Musikschulen abgezogen werden. Die Lehrer der beiden Schulformen sollten zu einem Austausch bereit sein. Ein solches Programm, so hofft er, könnte bundesweit von Interesse sein.

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