Gesundheit : Nach Vernachlässigung der Schulen unter den Konservativen will Labour aufholen

Kathrin Singer

Notorische Schulschwänzer in der Firfield Community Schule in Newcastle bekommen umgerechnet 240 Mark pro Vierteljahr von ihrem Direktor. Bedingung: Sie müssen regelmäßig die Schule besuchen. Für viele Kinder, die im Nordosten Englands oftmals unter sehr ärmlichen Bedingungen leben und keinen Sinn darin sehen, den Unterricht zu besuchen, ist das ein sehr lukrativer Ansporn. Mit den Eltern der Schulschwänzer wird seit März dem Frühjahr weniger sanft umgegangen. Wer nicht dafür sorgt, dass sein Zögling der Schulpflicht regelmäßig nachkommt, muss in Zukunft mit einem Bußgeld bis zu 7500 Mark rechnen, selbst Gefängnisstrafen bis zu drei Monaten will der Innenminister gesetzlich durchsetzen.

Um den Anteil der 16 bis 18-jährigen Schüler zu erhöhen - im europäischen Maßstab liegt Großbritannien am Ende der Tabelle - wurde im Finanzhaushalt 2000 festgelegt, dass Jugendliche in armen Gegenden pro Monat 120 Mark erhalten. Selbst 14-Jährige sollen 10 Mark pro Stunde bekommen, wenn sie bereit sind, am Sonnabend zur Schule zu kommen, um ihre Zensuren zu verbessern. Um den permanenten Mangel an Lehrer abzubauen, wurde kürzlich mitgeteilt, dass das Bildungsministerium den Absolventen, die sich für eine pädagogische Zusatzausbildung entscheiden, 18.000 Mark zahlt, egal ob sie tatsächlich den Beruf ausüben werden oder nicht. Ein Bonus von 12.000 Mark wird noch draufgelegt, wenn sie als Mathe- oder Fremdsprachenlehrer den Job antreten.

Tony Blairs Offensive

Bildung, Bildung, Bildung lauteten die Worte des heutigen Premierministers, Tony Blair, als er seinen Wahlkampf begann. Und bis heute ist es das erklärte Ziel der Labourregierung, auf dem jahrelang sträflich vernachlässigten Gebiet der Bildung wesentlich voranzukommen. Am 1. Mai waren drei Jahre seit dem phänomenalen Wahlsieg der Labourpartei vergangen - , aber merkliche Veränderungen in den Schulen sind nicht zu spüren. Dafür aber jeden Tag neue, oftmals sehr seltsam anmutende Initiativen.

Die Regierung hat noch wesentlich fundamentalere Eingriffe seit 1997 in Angriff genommen.Grundlage aller Neuerungen ist die feste Annahme der Regierung, dass die Schulen bessere Ergebnisse bringen könnten, wenn das Management effektiver wäre. In Anlehnung an das aus den USA importierte Konzept der "Bildungs-Aktions-Zonen" (BAZ) werden in der Marktwirtschaft erfahrene Firmen gewonnen, das örtliche Schulamt abzulösen und das Management zu übernehmen. In 25 Zonen, in jeder sind etwa 20 problematische Grund - und Sekundarschulen zusammengeschlossen, wurde im September 1999 mit dem Versuch begonnen. 13 weitere BAZ folgten im Januar dieses Jahres. Außer dass die Direktoren und ein Teil der Schulleitungen entlassen und die Lehrpläne geändert wurden, stehen die Resultate dieses "Dritten Weges" in der Bildung noch aus. Die Firmen behaupten, dass sie "gut positioniert sind, die Schulen von den Fesseln der Bürokratie zu befreien". "Wir sind effizient und werden die Schulen billiger und effektiver führen als die lokalen Schulbehörden", sagt Kevin McNeany von der North Anglia GmbH.

Gegner des Konzepts weisen besorgt darauf hin, dass diese Firmen dafür da sind, Gewinn zu machen. Deshalb werden sie eines Tages den Eltern erklären, dass die Ausbildung ihres Kindes mehr Geld erfordert und sie leider etwas dazuzahlen müssten. Die Privatisierung des staatlichen Bildungssystems schreitet schleichend voran.

Besseres Management ist auch des Bildungsministers Antwort, um den Anteil der Schüler zu erhöhen, die den Abschluss der zehnten Klasse schaffen sollen. In 530 Schulen des Landes - in der Mehrzahl in sozial benachteiligten Gegenden angesiedelt - erreichen weniger als 25 Prozent der Jugendlichen dieses Ziel. Doch Armut erkennt David Blunkett als Grund für dieses traurige Ergebnis nicht an. Sein familiärer Hintergrund bestätigt ihn dabei in seiner Auffassung. Aus einem armen Elternhaus kommend und zudem noch blind, hat er es dennoch geschafft die Schule gut abzuschließen und zu studieren. Die Direktoren haben deshalb für die kommenden Jahre vom Ministerium Auflagen bekommen, wie sich ihre Erfolgsrate entwickeln muss.

Die Schulen, die es nicht schaffen, werden geschlossen und unter neuen Namen, mit neuem Personal und neuem Management wiedereröffnet. Unter dem Slogan "Frischer Start" laufen dazu bereits Pilotprojekte. In zehn leistungsschwachen Schulen wurden so genannte Superdirektoren mit einem traumhaften Gehalt eingesetzt. Bereits drei der sehr erfahrenen Direktoren quittierten Anfang März innerhalb nur einer Woche den Job, nach zwei Jahren täglichen Kampfes gegen Drogen, Gewalt, Apathie und Ignoranz.

Schlecht finanzierte Schulen

Tony Blair hat unbestritten ein schweres Erbe aus der Thatcherzeit übernommen. In keinem anderen Land Europas wurde die staatlichen Schulen so schlecht finanziert wie in Großbritannien. Unter Lady Thatcher wurde die Hälfte der Lehrer, die in den 70er Jahren angestellt wurden, entlassen. Heute fehlen über 100.000 Lehrer. Die Schulen sind zum Teil in einem desolaten baulichen Zustand. In 600 Grundschulen befinden sich die Toiletten außerhalb des Schulgebäudes. 20 Milliarden Pfund sind erforderlich, um an dieser Situation grundsätzlich etwas zu ändern. Und zusätzlich erschwert ein weiteres Faktum die Situation auf der Insel. In keinem anderen Land Europas konnte sich das private Schulsystem als vollwertige Alternative zum staatlichen System entwickeln. Das hat dazu geführt, wie der ehemalige konservative Bildungsminister, George Walden, in seinem Buch "Wir hätten es besser wissen müssen" belegt, dass die staatlichen Schulen permanent vernachlässigt werden konnten, da die "Elite im Land kein Interesse daran hatte, sie zu schützen". Labour beteuert immer wieder, dass sie die Lage ändern will. Das kostet mehr Geld, viel mehr Geld. Das scheint zu fließen, glaubt man den Verkündungen der Regierung in den Medien. Angeblich werden 19 Milliarden Pfund zusätzlich in das Bildungswesen gepumpt. Keiner aber weiß wirklich, wo die geblieben sind.

Inzwischen scheint sich herauszustellen, dass viele Versprechungen eher buchhalterische Übungen darstellen als wirkliches Geld. Nach Berechnungen des Londoner "Guardians" gibt die jetzige Regierung jährlich nur drei Milliarden Pfund mehr aus als die Konservativen. Und ein weiterer Schluss kristallisiert sich heraus. Der Schlüssel zu den von der Regierung so bewunderten Ergebnissen der privaten Schulen liegt offensichtlich in der völligen Abwesenheit der Regierung bei der Führung dieser Schulen.

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