Gesundheit : Nachhilfe nötig

Niedrige Bildungsausgaben, wenig Unterricht: Der OECD-Bildungsbericht kritisiert Deutschland – und erkennt Reformen an

-

Deutschland gibt für seine Grundschüler und Schüler in den ersten Klassen der weiterführenden Schulen im internationalen Vergleich besonders wenig Geld aus: 4237 Dollar pro Kopf und damit 17 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Im internationalen Mittel sind es 20 Prozent, in Dänemark sogar 26 Prozent. Die deutschen Lehrer jedoch erhalten überdurchschnittlich hohe Gehälter – im Schnitt das 1,7 bis Zweifache ihrer Kollegen in anderen Ländern. Deshalb können die Bundesländer auch weniger Lehrer einstellen. Die Schüler erhielten folglich deutlich weniger Unterricht – in größeren Klassenverbänden, heißt es in dem OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick 2004“, der gestern in Berlin vorgestellt wurde. Für OECD-Koordinator Andreas Schleicher sind diese Ergebnisse wichtige Gründe für das schlechte deutsche Abschneiden im internationalen Bildungsvergleich.

Auch in anderen Feldern des Bildungssystems sieht es für Deutschland nicht gut aus: Insgesamt bleiben die Investitionen in Bildungsinstitutionen in Deutschland hinter dem OECD-Mittel zurück. Ein Beispiel: Während 1995 bis 2001 international die öffentlichen und privaten Ausgaben für Kindergärten, Grundschulen und die Sekundarstufe um 21 Prozent und für Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten um 30 Prozent stiegen, lagen die Steigerungsraten in Deutschland nur bei sechs beziehungsweise sieben Prozent. Dabei mussten Eltern für die Betreuung ihrer Vorschulkinder doppelt so viel ausgeben wie im OECD-Mittel.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und die Kultusministerkonferenz (KMK) setzten gestern in der Auswertung der Daten andere Prioritäten als OECD-Koordinator Schleicher. Bulmahn und der erste KMK-Vizepräsident Steffen Reiche betonten den hohen Anteil an Deutschen, die entweder Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung haben: 83 Prozent. Dagegen liegt der Anteil an Abschlüssen des Sekundarbereichs II im Mittel aller OECD-Staaten bei nur 68 Prozent der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung. Positiv zu bewerten sei auch die in Deutschland deutlich gestiegene Quote der Studienanfänger: 2002 nahmen 35 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium an einer Universität oder Fachhochschule auf; 1998 waren es erst 28 Prozent. Zwar liegt dieser Anteil weit unter der internationalen Studienanfängerquote von 51 Prozent, aber der deutsche Trend sei „positiv“.

Mit der Quote von 35 Prozent habe Deutschland allerdings „sein Potenzial weitgehend ausgeschöpft“, konterte Schleicher. Denn der Anteil der Schulabgänger mit Abitur oder Fachhochschulreife liege mit 43 Prozent deutlich unter dem OECD-Mittel von 51 Prozent.

Eine Studie, zwei Interpretationen – und kein gemeinsamer Nenner? Zwar wurde der OECD-Bildungsexperte Schleicher für seine negative Interpretation der deutschen Ergebnisse auch gestern wieder kritisiert. Aber in vielen Punkten treffen sich die deutschen Schlussfolgerungen aus dem Bildungsbericht mit denen der OECD. So beklagen beide Seiten die Tatsache, dass sieben- bis achtjährige Schüler in Deutschland pro Jahr nur 626 Unterrichtsstunden erhalten, während ihre Altersgenossen in anderen OECD-Ländern 788 Stunden unterrichtet werden. Im Alter von 15 Jahren genießen die deutschen Schüler immer noch 66 Stunden weniger Unterricht.

„Die zunehmende Förderung von Ganztagsschulen“ wertet die OECD hier als „wichtigen Schritt, bessere Lern- und Arbeitsbedingungen für Schüler zu sichern“. Die Bundesbildungsministerin sieht in dem von ihr angeschobenen, vom Bund mit vier Milliarden Euro finanzierten Ganztagsschulprogramm einen Lichtblick. Auch die länderübergreifenden Bildungsstandards, auf die sich die KMK geeinigt hat, sei eine der Reaktionen auf das schlechte deutsche Abschneiden auf die Pisa-Studie und vorangegangene OECD-Berichte zur Bildung. Da gebe es schon spürbare Erfolge, sagte Bulmahn.

Bei aller Kritik am deutschen Hochschulsystem, das zu wenige Absolventen produziere, würdigt OECD-Koordinator Schleicher die deutschen Reformen auch in diesem Bereich. Auf die Studienanfängerquote dürfte sich die Einführung der gestuften Studiengänge Bachelor und Master positiv auswirken. Der Erwerb eines ersten berufsqualifizierenden Abschlusses nach drei Jahren werde „individuelle Hemmschwellen senken, ein Studium anzutreten“. Um allerdings zu deutlichen Steigerungen der Erstsemesterquote zu kommen, müsste Deutschland den Studienzugang flexibler regeln.

Einig ist sich der kritische Bildungsforscher mit den Verantwortlichen in Deutschland auch über die dramatische demografische Ausgangslage für die Bildungspolitik in den kommenden zehn Jahren: „Einem steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften wird ein Rückgang der jungen Bevölkerung gegenüberstehen.“ 2012 wird es in Deutschland voraussichtlich 14 Prozent weniger Fünf- bis 14-Jährige geben als 2002. Die Bildungsbeteiligung muss daher massiv erhöht werden, und das ist nur durch bessere Bildungsangebote von der Kita bis zur Universität möglich. Strittig ist nur, wie gut das deutsche Bildungswesen für diese Aufholjagd aufgestellt ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben