Gesundheit : Nachruf: "Die ganz normale Anarchie"

Hermann Rudolph

Als Diplomat hatte Jürgen von Alten schon eine lange Laufbahn mit vielen Stationen hinter sich - Moskau, Ankara, auch das Kanzleramt in der Zeit der sozialliberalen Koalition. Dann, im Ruhestand, erschienen zwei Bücher: "Die ganze normale Anarchie", 1994, mit dem Untertitel "Jetzt erst beginnt die Nachkriegszeit", 1996 eine "Weltgeschichte der Ostsee". Das eine war einer der mittlerweile selten gewordenen Versuche der großen politisch-soziologischen Ortsbestimmung der Gegenwart, das andere die Beschreibung eines durch den Ost-West-Konflikt in den Schatten gerückten Raumes.

In beiden Büchern zeigte sich ein Autor von eminenter Belesenheit, großer Kraft der Analyse und phantasievoller Begriffsbildung. Von Alten verbarg nicht seine Prägung durch Carl Schmitt und die ältere kulturkritische Diskussion. Doch ihm gelang nochmals die weit ausholende Epochenanalyse, prägnant im Stil, mit einem gehörigen Schuss Lakonie und weitreichend in ihrem Griff nach geschichtlichem Sinn. - Im Alter von 78 Jahren ist Jürgen von Alten in Berlin gestorben.

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