Gesundheit : Nachts unterwegs mit einem Wachmann der Humboldt-Universität

Anja Kühne

Wenn es Nacht wird, greift Bruno Kneiding seine schwere schwarze Taschenlampe. Von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens patroulliert er durch die leeren Gänge des verwinkelten Hauptgebäudes der Humboldt-Uni. Mal beginnt er seine Tour auf dem Dachboden, mal an der "Löwentreppe" in der Mitte des Gebäudes. Kriminelle Eindringlinge sollen nicht voraussehen können, wann er an einem bestimmten Raum vorbeikommt. Kneiding ist Wachmann bei einer der drei Wachschutzfirmen, die sich 24 Stunden am Tag um die Sicherheit der HU kümmern.

An diesem Abend startet Kneiding seine Runde im Innenhof. Von dort führt hinter einer Pforte eine enge Treppe in den riesigen Keller des Hauptgebäudes. Endlos ziehen sich an der Decke Leitungen, Rohre und Spinnennetze entlang. Eine Deckenbeleuchtung gibt es nicht, Kneiding muss jeden Seitengang mit seiner Taschenlampe ausleuchten. "Hier sollte man lieber nicht alleine reingehen", sagt er. "Das ist ein Labyrinth, in dem manche schon Stunden den Ausgang gesucht haben." Er selbst kennt den Weg seit drei Jahren. Hat er trotzdem Angst? Könnte sich hier vielleicht jemand verschanzt haben, um den geeigneten Augenblick zum Überfall auf eine Studentin abzupassen? Nein, mit aggressiven Angreifern rechnet Kneiding eigentlich nicht. Eher mit Obdachlosen, die hier ganz selten im Keller Schutz suchen. "Aber aufpassen muss ich schon", sagt er.

Schließlich wurde vor anderthalb Jahren ein Kollege auf dem unübersichtlichen Nordteil des Campus in der Nähe der Reinhardstraße von einer Gruppe fremder Männer zusammengeschlagen. Trotz seiner guten Schulung hatte der Wachmann den Fehler gemacht, den Unbekannten von innen die Tür eines Instituts zu öffnen. Was die Angreifer wirklich wollten, weiß bis heute niemand - sie verschwanden, ohne etwas gestohlen zu haben.

Selten kommt es vor, dass in die kleineren Institute der Humboldt-Uni in der Nähe der Friedrichstraße eingebrochen wird. Meist sind es dann nur Obdachlose und Junkies, die in Kellern oder auf Dachböden übernachten wollen. Allerdings dürfen sie nicht bleiben, weil sie in den Räumen Unordnung stiften oder Computer kaputt machen könnten. Außerdem würden sie das Reinigungspersonal erschrecken, das hier nachts seine Arbeit tun muss. Einmal habe eine kleine Gruppe Wohnungsloser unentdeckt wochenlang im Keller eines Instituts gehaust. Ein Wachmann habe das Versteck schließlich entdeckt und war geschockt: Zwischen lauter Müll lag der schon verwesende Körper eines verblichenen Obdachlosen.

Während Bruno Kneiding seine Runde durch die Humboldt-Uni macht, laufen bei seinem Kollegen Heinz Nowak in der Pförtnerloge auf einem großen Display Nachrichten über 26 "Objekte" auf, etwa über das Institut für Physiktechnik oder über das Biologieinstitut, die durch Alarmschaltungen mit der Pförtnerloge verbunden sind. Brennt es in den Labors oder tritt eine giftige Substanz aus, wüsste man im Hauptgebäude sofort Bescheid. Gerade blinkt eine rote Lampe hektisch auf dem Display: "Das bedeutet aber nur, dass eine Batterie für die Klimaanlage des Naturkundemuseums leer ist, und die hat bis morgen Zeit", sagt Pförtner Nowak.

Einmal schlug in der Zentrale jedoch die Notklingel einer Bibliothek Alarm, die dort zur Sicherheit der nachts arbeitenden Wissenschaftler eingebaut ist. Die Polizei war sofort am Ort. "Als Wachmann würde man in so eine Situation nicht allein rein gehen", sagt Kneiding. Jedoch stellte sich schnell heraus, dass eine Reinigungskraft die Klingel nur versehentlich gedrückt hatte.

Ein Fahrstuhl im Hauptgebäude führt zum "Menzel-Dach", einem Atelier der Kunststudenten. Doch Kneiding steigt die Treppen hoch. Im Dienst darf er den Fahrstuhl niemals benutzen: Bliebe er stecken, wäre das Gebäude unbewacht. Auch im Menzel-Dach ist es ruhig, niemand arbeitet mehr mit den Pinseln und Farben, die überall heraumliegen. Also wandert Kneiding weiter, zum Audimax. Vom Rang aus blickt er über die leeren Reihen und ärgert sich über den Müll, den die Studierenden hier täglich zurücklassen: "Sauber kenne ich die Uni nur zwischen vier und sechs Uhr morgens."

Auf dem Rückweg geht es vorbei an einem Getränkeautomaten. "Hin und wieder werden die Automaten aufgebrochen", sagt Kneiding. Ein bisschen kriminelle Energie sei also schon da: "Schlecht ist das vor allem, wenn vielleicht gerade ein Mitarbeiter vorbeikommt." Doch Kneiding und sein Kollege Nowak haben in der Humboldt-Universität nie etwas Ungewöhnliches erlebt. Das einzige, von dem sie erzählen können, sind "akzentuierte Persönlichkeiten", mit denen sie es tagsüber immer wieder zu tun haben. Meistens sind das alte Bekannte, wie Frau Fischer, die immer wieder laut "Nato, Mörder, Kriegsverbrecher" schreit oder "Jesus Christus", der schon mal in der Mensa von anderer Leute Tabletts nascht, bis die Frauen vom Studentenwerk ihn vor die Tür setzen.

Kneidings Runde ist fast zu Ende. Ausnahmsweise öffnet er die Balkontür vom Senatssaal, um einen Blick in den Nachthimmel über Berlin zu werfen. Dann kehrt er wieder zu seinem Kollegen in der Pförtnerloge zurück. Wahrscheinlich wird er auch nach dieser Nacht wieder in sein Kontrollbuch schreiben: "Keine besonderen Vorkommnisse".

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