Gesundheit : Nachwuchs aus Fernost

Deutsche Universitäten werben in Asien um qualifizierte Studenten – und versuchen, den von der Flutkatastrophe betroffenen Hochschulen zu helfen

Silke Zorn

Die verheerende Flutwelle in Südasien hat auch vor den Universitäten in der Region nicht halt gemacht. Das berichtet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Besonders in der schwer betroffenen indonesischen Provinz Aceh will die Hochschulorganisation nun helfen; die Universität der Provinzhauptstadt Banda Aceh ist derart zerstört, dass kein Lehrbetrieb mehr stattfinden kann. „Wir wollen Stipendien vergeben, die es fortgeschrittenen Studenten aus Banda Aceh erlauben, ihr Studium an einer anderen indonesischen Universität abzuschließen“, sagt Hannelore Bossmann vom DAAD. Diese Absolventen könnten dann als qualifizierte Kräfte beim Wiederaufbau in Aceh helfen. Ähnliche Maßnahmen seien für Sri Lanka geplant.

Eine spontane Unterbrechung des Tagesgeschäfts angesichts der traurigen Ereignisse im Indischen Ozean. Denn eigentlich ist der DAAD derzeit in Asien in ganz anderer Mission unterwegs: Er wirbt um Studenten für deutsche Universitäten. Das Interesse der Hochschulen an der weltweit größten Wachstumsregion hat vor allem handfeste wirtschaftliche Gründe. Aus Studenten werden Absolventen, die in ihre Heimatländer zurückkehren und dort die Fach- und Führungskräfte von morgen werden. Diese jungen Eliten, so die Hoffnung der deutschen Universitäten, werden sich an ihren Gastgeber aus Studientagen erinnern, wenn es um zukünftige Kooperationen in Sachen Wirtschaft und Wissenschaften geht. Außerdem können mit steigendem Wohlstand immer mehr Familien ihren Kindern eine Ausbildung jenseits der eigenen Landesgrenzen ermöglichen.

Gemeinsam mit anderen europäischen Staaten setzt Deutschland jetzt verstärkt auf Hochschulmessen, die Asiens Nachwuchs über Studienmöglichkeiten im Ausland informieren sollen. Ende letzten Jahres fand die erste große Messe dieser Art in Bangkok statt. Universitäten aus 18 europäischen Staaten präsentierten sich auf der European Higher Education Fair, Deutschland war größter Aussteller. 200000 Euro hat sich die Europäische Union die zweitägige Veranstaltung kosten lassen. Organisiert wurde sie vom DAAD, der niederländischen Hochschulorganisation Nuffic und der französischen Agentur Edu France. „Der internationale Hochschulmarkt ist hart umkämpft“, sagt Projektkoordinator Christian Hülshörster vom DAAD. „Wir wollen, dass die europäischen Unis weltweit besser mithalten können.“

Chalermsak aus Bangkok wäre an deutschen Hochschulen jedenfalls ein gern gesehener Gast. Der 29-jährige Thailänder hat in England Informatik studiert und dort einen erstklassigen Abschluss hingelegt. Jetzt möchte er im Ausland promovieren. Wohin es gehen soll, weiß Chalermsak allerdings noch nicht genau. „Ich habe gehört, dass Deutschland in IT und Technik einen guten Ruf hat“, sagt er, „aber mich reizen vor allem Australien und die USA.“ Mit diesen Wünschen steht der Informatiker nicht alleine da. Rund 11000 thailändische Studenten zieht es jährlich an australische Hochschulen. Platz zwei belegen die Vereinigten Staaten mit 10000 Gaststudenten aus dem südasiatischen Staat. An deutsche Unis verschlägt es dagegen gerade mal magere tausend im Jahr. Der Hauptgrund: Man spricht Deutsch. Fremdsprache Nummer eins im Fernen Osten ist allerdings Englisch.

Viele deutsche Unis haben hierauf inzwischen reagiert und bieten Studiengänge in englischer Sprache an. An der Freien Universität Berlin etwa können Studenten schon seit 1995 englische Vorlesungen hören – im Fach Chemie. „Uns blieben damals einfach die Studenten aus“, berichtet Markus Oppel vom chemischen Institut, „Wir haben nach Wegen gesucht, das Studium international attraktiver zu machen.“ Mit Erfolg: Rund 20 Prozent der Chemiestudenten kommen seither aus dem Ausland. „Damit liegen wir über dem Uni-Durchschnitt von immerhin 14 Prozent“, freut sich Oppel.

Die Technische Hochschule Aachen (RWTH) ging sogar noch weiter. Sie gründete Mitte der Neunziger Jahre in Bangkok die Thai-German Graduate School of Engineering. Direkt in der thailändischen Metropole bietet die TGGS zahlreiche technische Masterkurse in englischer Sprache an. Firmen wie Siemens, BMW und Daimler-Chrysler steuern Stipendien, Praktikumsplätze und Laborausstattung bei. Alle Vorlesungen werden aber auf Englisch gehalten, von Dozenten aus Thailand und von der Mutteruniversität in Aachen.

Konzepte, die der junge Chalermsak durchaus interessant findet. Er könnte sich zwar mit dem Gedanken anfreunden, eine deutsche Universität zu besuchen – aber auf keinen Fall Vorlesungen in deutscher Sprache. „Für meine Promotion extra Deutsch lernen? Das führt zu weit.“

Eines hat Deutschland der Konkurrenz aus Übersee allerdings voraus: Noch kostet das Studium hierzulande nichts. Ob das wirklich ein Vorteil ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Im Ausland, auch in Asien, sind Studiengebühren etwas völlig Normales“, so die Einschätzung von Christian Hülshörster, „Wer Qualität will, muss zahlen.“ Deshalb hätten viele Studenten das Gefühl: Was nichts kostet, kann auch nichts wert sein. Auch die Auslandsamtsleiter der deutschen Hochschulen sprachen sich vor kurzem klar für die Erhebung von Studiengebühren von ausländischen Studenten aus. Nur so könnten trotz des Stellenabbaus an deutschen Universitäten weiterhin international attraktive Studienplätze angeboten werden, meint DAAD-Generalsekretär Christian Bode.

Erklärtes Ziel der Hochschulen bleibt aber vor allem eines. „Wir wollen die Eliten anwerben“, sagt Markus Oppel von der Freien Universität stellvertretend für viele deutsche Kollegen. Auch beim DAAD will man in Zukunft stärker als bisher die Spreu vom Weizen trennen. Qualitätssicherung sei angesagt, so Generalsekretär Bode, und das bedeute: einen noch genaueren Blick auf die Vornoten und individuelle Aufnahmeprüfungen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben