Gesundheit : Nackter Räuber

Wie kamen die Dinosaurier zu ihren Federn? In Bayern ausgegrabene Fossilien geben Aufschluss

Roland Knauer

„Dieser Fund wird die Diskussion um den Ursprung und die Entwicklung von Federn neu anheizen“, da ist sich Ursula Göhlich von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität sicher. Zusammen mit ihrem US-Kollegen Luis Chiappe vom Museum für Naturgeschichte in Los Angeles hat die Paläontologin die Reste eines Dinosauriers untersucht, der 1998 im Plattenkalk des Altmühltals gefunden wurde.

Da bisher in Süddeutschland nur ein einziger Raubsaurier ausgegraben wurde und dies auch schon 150 Jahre zurückliegt, war der Fund des hühnergroßen Raubsauriers schon an sich eine Überraschung. Da die Fossilien aus der Jurazeit vor 150 Millionen Jahren stammen, erhielt der Dino den Namen Juravenator. Als Sensation bezeichnen es Paläontologen, dass die außerordentlich gut erhaltenen Fossilien keine Spuren von Federn im Schwanzbereich aufweisen.

Nun würde man für einen Dinosaurier vielleicht Schuppen oder eine Lederhaut erwarten, aber kaum ein Federkleid. In den letzten zehn Jahren wurden aber in China einige Fossilien mit erhaltenen Weichteilen gefunden. Bei den meisten dieser 125 Millionen Jahre alten Dinos fanden die Forscher Spuren von Federn.

Diese Entdeckung erschütterte die Wissenschaft, denn vorher hatten die Forscher angenommen, nur Vögel hätten Federn gehabt. Mit den gefiederten Dinos aus China konnte man sich trotzdem rasch arrangieren, denn sie gehören alle in eine Gruppe der Riesenechsen, die Experten als Coelurosaurier oder Hohlschwanzechsen kennen. Genau aus dieser Gruppe heraus haben sich auch die Vögel entwickelt. Also nahm man einfach an, nicht die Vögel hätten die ersten Federn getragen, sondern schon ihre Vorfahren, die Coelurosaurier.

1998 entdeckten Paläontologen dann im Kalk bei Schamhaupten im bayerischen Naturpark Altmühltal die Überreste des Juravenator-Dinos. Hart wie Beton ist dort der Plattenkalk, daher dauerte es einige Jahre, bis Präparator Pino Völkl vom Jura Museum in Eichstätt das Fossil aus dem Fels freigelegt hatte. Danach übernahm das bayerisch-amerikanische Team Göhlich und Chiappe die weiteren Untersuchungen.

Die großen Augen und die noch nicht verwachsenen Fugen zwischen bestimmten Knochen zeigten sofort, dass es sich um ein junges Tier handelte. Mit seinem überlangen Schwanz misst die kleine Echse 75 Zentimeter. Eineinhalb oder zwei Meter lang hätte das Tier wohl werden können, vermutet Ursula Göhlich. Genaues weiß aber niemand. Den Dino- Speiseplan lesen die Forscher aus den Zähnen: Diese sind sichelförmig gebogen und haben geriffelte Schneidekanten, mit denen sich Fleischstücke gut abbeißen lassen. Mit kräftigen Krallen an den Beinen hielt Juravenator wohl seine Beute fest, ein typischer Fleischfresser war aus dem Kalk aufgetaucht.

Beleuchtet man den Kalk mit ultraviolettem Licht, tauchen im Schwanzbereich sogar Spuren der Haut auf, Spuren von Federn aber nicht. Dabei gehört Juravenator eindeutig zu den Hohlschwanzechsen, denen Paläontologen mittlerweile ja ein Federkleid zurechneten. Vielleicht war das Tier einfach zu jung und ihm wären erst später im Leben Federn gewachsen, das vermutet der Paläontologe Xing Xu von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking (Nature, Band 440, Seite 287).

Ursula Göhlich kann sich das nicht so recht vorstellen. Zwar schlüpfen manche Vögel nackt und hilflos aus dem Ei. Aber diese Nesthocker haben sich erst relativ spät entwickelt. Die ursprünglichen Vögel waren Nestflüchter, die mit einem wärmenden Kleid aus Daunenfedern aus den Eiern schlüpften. Da passt der ebenfalls urtümliche, aber federlose Juravenator nicht so recht ins Bild.

Vielleicht haben sich Federn überhaupt erst später entwickelt, könnte man vermuten. Die gefiederten Dinos aus China sind schließlich alle mindestens 25 Millionen Jahre jünger als Juravenator. Aber auch mit dieser Überlegung kann sich Ursula Göhlich nicht recht anfreunden. In Süddeutschland lebte nämlich zur gleichen Zeit eine andere Art mit Federn: Nicht weit von Schamhaupten wurde schon im vorletzten Jahrhundert der Urvogel Archaeopteryx gefunden, der die Federn bereits erfunden hatte.

Nun können die Forscher die Geschichte der Federn also neu schreiben. Möglich wäre zum Beispiel, dass Federn nicht nur einmal, sondern mehrmals erfunden wurden. Erst brachten die Vorfahren des Urvogels die bahnbrechende Neuerung zustande, 25 Millionen Jahre später wären die Vorfahren der gefiederten Dinos in China darauf gekommen. Juravenator hätte dann zu einem Ast gehört, der es nie zu Federn gebracht hat.

Möglicherweise ist das Prinzip Feder relativ früh entstanden, ohne dass sich dies bisher in Fossilien zeigte. Manche Arten hätten nach einiger Zeit dieses Utensil aber wieder verloren, so dass der Juravenator nackt und bloß wie ein Nesthocker in den Kalk Oberbayerns eingeschlossen wurde.

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