Gesundheit : Nadeltherapie für Knie und Kreuz

Akupunktur: „Fälschung“ so gut wie das Original

Hartmut Wewetzer

Die Akupunktur zählt zu den beliebtesten Verfahren der Alternativmedizin, vor allem bei chronischen Schmerzen. Inzwischen bietet jeder sechste niedergelassene Mediziner, insgesamt etwa 20000, die traditionelle chinesische Nadelbehandlung an. Das Stechen in bestimmte Punkte soll den Fluss der universalen Lebensenergie „Chi“ (sprich: Schi) erleichtern und Blockaden beheben. Jetzt haben zwei deutsche Studien gezeigt, dass die Nadelbehandlung einer herkömmlichen Therapie bei Patienten mit Knie- oder Kreuzschmerzen überlegen ist, zumindest für einige Monate. Allerdings ist es den Studien zufolge nicht von Bedeutung, ob in die Akupunkturpunkte oder in andere Stellen gepiekst wird (Schein-Akupunktur).

Die Untersuchungen wurden von Hans-Joachim Trampisch von der Uni Bochum koordiniert und beim Deutschen Orthopäden-Kongress in Berlin vorgestellt. An der Studie zum chronischen Kreuzschmerz beteiligten sich 1162 Patienten. Ein Drittel wurde akupunktiert, ein Drittel bekam eine Schein-Akupunktur und ein Drittel erhielt die herkömmliche Behandlung mit Medikamenten, Massagen und Krankengymnastik. Erfolgsraten nach sechs Monaten: Akupunktur 47,6 Prozent, Schein-Akupunktur 44,2 Prozent, Standardtherapie 27,4 Prozent.

Ähnlich fiel die Behandlung von 1039 Patienten mit Kniegelenksarthrose aus. Ergebnis nach drei Monaten: Akupunktur 51 Prozent, Schein-Akupunktur 48 Prozent, Standardtherapie 28 Prozent.

Überraschend an den Studien ist zum einen die Tatsache, dass echte und vermeintliche Akupunktur praktisch gleich gute Ergebnisse erzielten, während die Standardtherapie zum anderen eher schlecht abschnitt. Entscheidend ist offenbar, dass der Patient überhaupt gestochen wird, das „wohin“ – ob in Akupunkturpunkte oder nicht – ist dagegen zweitrangig. Seit längerem ist in der Schmerzbehandlung bekannt, dass eine besonders eingreifende und körpernahe Therapie besonders gut hilft – Schein-Spritzen lindern eher als Schein-Tabletten.

Zudem soll ein Stich in die Haut schmerzhemmende Botenstoffe freisetzen. Und schließlich muss angenommen werden, dass manche der chronischen Schmerzpatienten frustriert reagierten, weil sie statt Akupunktur nur wieder die herkömmliche Therapie bekamen.

Bis zum April 2005 laufen noch zwei weitere deutsche Akupunkturstudien an Patienten mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Diese insgesamt vier „Gerac“-Untersuchungen (german acupuncture trials) werden von der AOK und vielen Betriebs- und Innungskrankenkassen finanziert. Hintergrund ist die Entscheidung des Bundesauschusses der Ärzte und Krankenkassen vom Oktober 2000, Akupunkturbehandlungen wegen mangelnden Wirksamkeitsnachweises nicht in den Leistungskatalog aufzunehmen. Die „Gerac“-Studien sollen die Frage der Wirksamkeit nun beantworten helfen. Ende Juli 2005 wird der Bundesausschuss erneut über eine Erstattung beraten.

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